Die hohe Gefährlichkeit des Einsatzes sei auch ein Grund für den großen Bewerbermangel, sagte der Vizechef des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Das Bundesverteidigungsministerium sieht dagegen keine Personalprobleme bei der Bundeswehr. Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe (SPD), forderte, den Soldatenberuf finanziell attraktiver zu machen. Gleichzeitig verlangte er eine ständige Überprüfung des Sicherheitskonzepts für Afghanistan. Kirsch sagte, bei Unteroffizieren und Mannschaften sei die Zahl der Anwärter im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 50 Prozent gesunken.
Die von Robbe geforderte Anhebung des Solds nannte Kirsch nicht entscheidend. Zwar bekomme ein Bundeswehrsoldat in Afghanistan 92,03 Euro steuerfreien Zuschlag pro Tag, "aber Bezahlung ist eben nicht alles", sagte Kirsch der "NOZ". Der Anschlag vom Mittwoch, bei dem ein Bundeswehrsoldat getötet und drei weitere verletzt wurden, zeige, dass Tod und Verwundung Teil des Einsatzes am Hindukusch seien.

Finanzielle Gründe
Robbe sagte der "Passauer Neuen Presse", zwar seien die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gut ausgestattet. Ausrüstung und Sicherheitskonzept müssten jedoch "immer wieder neu auf den Prüfstand gestellt werden". Hauptgrund für die Nachwuchssorgen seien aber nicht die Gefahren bei Auslandseinsätzen, sondern die finanziellen Rahmenbedingungen, sagte Robbe im Saarländischen Rundfunk. Zwei Drittel der Soldaten gehörten zu den unteren Einkommensgruppen. Dies müsse sich ändern.
Die "Rheinische Post" berichtete unter Berufung auf Offizierskreise, immer häufiger werde in letzter Zeit der Afghanistan-Einsatz als Begründung für den vorzeitigen Abschied von der Bundeswehr genannt. Rund zehn Prozent aller Offiziersanwärter verließen die Bundeswehr inzwischen bereits wieder vor dem eigentlichen Beginn ihrer Karriere. Vor allem qualifiziertes Flugpersonal ziehe nach langen und anstrengenden Afghanistan-Einsätzen lukrative Angebote ziviler Airlines vor.

Weniger Freiwillige
Luftwaffeninspekteur Generalleutnant Klaus-Peter Stieglitz sei wegen des Aderlasses bei seinen Piloten bereits bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vorstellig geworden, berichtete das Blatt. Regelrechte Einbrüche seien bei der Zahl der Meldungen zum freiwilligen Dienst bei der Bundeswehr zu verzeichnen. Im Jahresvergleich sei die Nachfrage junger Männer hier um 60 Prozent zurückgegangen, berichtete die "Rheinische Post" aus einer Statistik der Bundeswehr.
Es gebe keine Sorge über die Bewerberlage, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums gestern in Berlin. Er räumte zwar ein, dass die Zahl der Bewerber für eine Offizierslaufbahn in den ersten sechs Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16 Prozent zurückgegangen sei. Dies bewege sich aber im Bereich der üblichen Schwankungsbreiten.
Der Sprecher bestätigte auch einen Bericht der "Rheinischen Post", wonach rund zehn Prozent der Offiziersanwärter ihre Laufbahn abbrechen. Einen ebenfalls in dem Bericht genannten Rückgang von bis zu 62 Prozent bei den Freiwilligen konnte der Sprecher dagegen nicht bestätigen. (AFP/cd)