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"Direkter Draht" zu Präsident Putin

Bei der TV-Fragestunde kommt bei Wladimir Putin keine Freude auf: Trotz Vorauswahl muss er sich vielen unangenehmen Fragen stellen.
Bei der TV-Fragestunde kommt bei Wladimir Putin keine Freude auf: Trotz Vorauswahl muss er sich vielen unangenehmen Fragen stellen. FOTO: dpa
Moskau. Politische Morde, Tränen und unendlich viele Probleme: Bei seiner 13. großen Fernsehsprechstunde sieht sich Kremlchef Putin mit Tragödien konfrontiert. Doch die Show "Direkter Draht" zeigt auch, dass der Präsident und das Volk in verschiedenen Welten leben. Ulf Mauder

Es ist der schwerste Auftritt seit Langem für Kremlchef Wladimir Putin. Ernst, bisweilen mit gezwungenem Lächeln stellt sich der 62-Jährige in seiner großen Bürgersprechstunde den Fragen der Nation. Zum 13. Mal. Mehr als drei Millionen Fragen gehen ein. Das Staatsfernsehen strahlt die fast vierstündige Show "Direkter Draht" aus.

90 Fragen erlaubt

Gerade einmal auf 90 Fragen gibt es Antworten. Sogar die Moderatoren geben sich diesmal so bissig, dass Putin die Fragen fast lehrerhaft als "nicht korrekt" zurückweist. Die Lage ist wegen der schweren Wirtschaftskrise im Land ernst wie nie.

Zwar gibt es wie so oft bei dieser landesweit mit Spannung erwarteten Traditionssendung die üblichen aufmunternden Worte: Die Talsohle der Krise ist wohl überwunden. Der Rubel wird stärker. Der Ölpreis steigt. Zwei Jahre könne es noch dauern, bis die Wirtschaft wieder auferstehe, meint Putin. Aber die Leute in dem zum TV-Studio umfunktionierten Moskauer Handelshof Gostiny Dwor quittieren die schönen Reden mit betretenem Schweigen.

Offen widerspricht Ex-Finanzminister Alexej Kudrin als Studiogast dem Kremlchef. Russland laufe Gefahr, für immer hinter den Rest der Welt zurückzufallen. Es seien eigene strukturelle Schwächen, die das Land zum Scheitern verurteilten - und nicht die westlichen Sanktionen oder die Weltwirtschaft. Ein Landwirt fragt Putin, ob er überhaupt noch merke, was im Land passiere. Oder glaubt der Präsident womöglich geschönten Statistiken oder um ihre Jobs besorgten Beratern?

Der Präsident als Zauderer

Der Kremlchef lächelt diese und andere Angriffe weg, bittet um Geduld für seine Regierung: Der Anti-Krisen-Plan stehe jetzt erst richtig, brauche aber seine Zeit, um in die Tat umgesetzt zu werden. Die innenpolitisch brisanteste Frage für viele Russen an diesem Tag: Kommt eine Erhöhung des Rentenalters? Putin zeigt sich als Zauderer. Aber es wird wohl am Ende dazu kommen. Die TV-Show ist vor allem als Ventil für die Russen angelegt. Sie sollen ihren Frust abladen. Eine Frau in Sibirien, wo seit Tagen Steppen- und Waldbrände Hunderte Häuser in Flammen aufgehen lassen, weint laut vor Hilfslosigkeit. Dutzende Menschen sind bereits gestorben. Putin verspricht Hilfe. Ein krankes Mädchen beklagt mangelnde medizinische Versorgung. Putin verspricht Hilfe.

Und ausgerechnet vor dem am 9. Mai mit viel Pomp geplanten 70. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland fragt ein Veteran, wann die Regierung die seit Jahrzehnten versprochenen Wohnungen übergebe. Selten prasseln die alltäglichen russischen Tragödien in solch geballter Form auf den Kremlchef nieder wie diesmal. Alles, was Putin bieten kann, ist seine Zusicherung, dass am Ende alles gut werde. Es sei leicht für die Opposition, zu schimpfen und zu kritisieren. Aber einer müsse auch die Verantwortung übernehmen. Und das ist Putin.

Da wirkt der mächtigste Mann Russlands fast schon erleichtert, als es einmal mehr um den Ukraine-Konflikt, das zerrüttete Verhältnis zum Westen und andere außenpolitische Themen geht. Erst da teilt er in gewohnt schlagfertiger Manier aus, wirft der prowestlichen ukrainischen Führung viele schwere Fehler vor. Dankbar saugt er die vielen Fragen zu dem Konflikt zwischen Moskau und Kiew auf. In einer Sequenz zeigt das Staatsfernsehen, wie Russland trotz eigener wirtschaftlicher Probleme den Flüchtlingen aus dem Nachbarland hilft.

Fast alle scheinen in der langen Show am Ende dankbar, dass sie angesichts der noch schlimmeren Lage in der Ukraine nicht schmerzhaft eigene Probleme wälzen müssen. Gleich zweimal muss Putin aber auf die Ermordung seines Gegners Boris Nemzow im Februar eingehen. Er spricht erneut von einem "schändlichen Mord" an dem Oppositionellen. Doch wenig später schon kann der Moderator des Staatsfernsehens mit düsterer Miene den Redefluss unterbrechen.

Mord an Kiewer Russland-Freund

Es kommt die Nachricht herein von einem großen Mordfall in der Ukraine: Der in Russland geschätzte ukrainische Publizist und Regierungsgegner Oles Busina wird in Kiew erschossen. Eine neue Steilvorlage für Putin. Es ist nicht der erste politische Mord an prorussischen Ukrainern in Kiew. Scharf wirft der Kremlchef der Ukraine vor, nichts für die Aufklärung der vielen Verbrechen zu tun. Auch der Westen schaue hinweg über die Gewalt. Da ist Putin wieder in seinem Element.