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| 15:36 Uhr

Datenschutz-Skandal
„Der Facebook-Skandal war bereits vor zehn Jahren absehbar“

Informatik-Professor Thorsten Strufe ist nicht überrascht über den Skandal.
Informatik-Professor Thorsten Strufe ist nicht überrascht über den Skandal. FOTO: Katharina Knaut / Technische Universität Dresden
Dresden. Informatiker Prof. Dr. Thorsten Strufe von der technischen Universität Dresden spricht sich für eine bessere Aufklärung im Bereich Datenschutz aus.

Wie kürzlich bekannt wurde, sind die Daten von über 80 Millionen Facebook-Nutzern an das englische Datenanalyseunternehmen Cambridge Analytica Daten weitergeleitet und widerrechtlich für Wahlkampf-Zwecke genutzt worden. Die meisten betroffenen Nutzer stammen aus den USA, da die Datenschutzrichtlinien dort nicht so streng geregelt sind wie in Europa. Die Welle des Misstrauens gegenüber dem Internet-Giganten Facebook erreicht aber auch Deutschland, denn ersten Analysen zufolge, sind deutliche mehr deutsche Facebook-Nutzer vom Datenmissbrauch durch das brittische Umfrage-Unternehmen betroffen, als ursprünglich angenommen.

Von einem Medienskandal könne man laut Prof. Dr. Thorsten Strufe dennoch nicht sprechen, denn schließlich sei das geschäftliche Vorgehen von Facebook auf die Verarbeitung von Nutzerdaten ausgelegt und nie ein Geheimnis gewesen. Der Informatiker hat einen Lehrstuhl für Datenschutz und Datensicherheit an der technischen Universität Dresden. Sein Forschungsschwerpunkt liegt unter anderem auf dem Thema Privatsphäre und Datenschutz in Social-Media-Kanälen. „Das Geschäftsmodell von Facebook funktioniert nur durch große Unternehmen, die auf der Seite Werbung schalten. Die Werbepartner bekommen dafür natürlich die Nutzer-Informationen, die sie brauchen. Auf diese Art finanziert sich das soziale Netzwerk“, so der Informatiker.

Das heutige Ausmaß des jahrelangen Datenmissbrauchs habe Thorsten Strufe und seine Kollegen allerdings schon in den Jahren 2008/09 kommen sehen. Schon damals war klar, dass das Problem nicht darin läge, dass der unbedarfte Facebook-Nutzer viele seiner Daten freiwillig von sich preisgäbe, sondern vielmehr in der Art, wie sich der Nutzer im sozialen Netzwerk bewege. „Mittlerweile können Unternehmen wie Cambridge Analytica durch einen einzigen Like-Klick beispielsweise erfassen, wie viele Nutzer Eltern haben, die sich vor dem 21. Lebensjahr haben scheiden lassen. Damals war das nur theoretisch möglich“, erklärt der Informatikprofessor. Scheinbar unkritische Nutzerdaten die von anderen geteilt werden können also Rückschlüsse über alles Mögliche geben und das sei rechtlich auch gar kein Problem. „Jeder kann Apps in Facebook einsetzen und auf diese Art auf Nutzerdaten zugreifen“, gibt Thorsten Strufe zu denken. „Man kann Cambridge Analytica lediglich vorwerfen, dass sie die Daten, die sie von Facebook erhalten haben, nicht für die ursprünglich angegebenen Zwecke benutzt haben“, so der Informatiker.

Dieser Umstand sei allerdings nie deutlich genug erklärt worden – weder in den Datenschutzrichtlinien durch Facebook selbst, noch in den Medien. Die Verantwortlichen dafür, sieht Thorsten Strufe vor allem in der Politik. Den enormen Einfluss der sozialen Netzwerke auf das gesellschaftliche Leben und die Wirtschaft habe die Politik einfach nicht ernst genommen. „Die Politik hat sich Jahre lang nicht nach den Daten der Nutzer, sondern nur nach den Interessen der privaten Wirtschaft gerichtet“, so der Informatiker. „Demzufolge hat man großen Anbietern auch einfach viel zu lange gestattet die Nutzer über den Verbleib ihrer Daten im Unklaren zu lassen“, bewertet Thorsten Strufe die Situation. Datenlegs- und Pannen habe es damals auch schon gegeben, aber erst jetzt, wo auch die Politik involviert ist, würde klar, dass eine solide Aufklärungsarbeit über Datenschutz in den Medien einfach versäumt wurde. Dennoch dürfe man den Finger nicht auf den einfachen Facebook-Nutzer richten, denn die technischen und geschäftlichen Zusammenhänge zwischen Sozialen Netzwerken und Großkonzernen seien viel unübersichtlicher, als sie auf den ersten Blick scheinen. „Niemand, der kein Informatikstudium abgeschlossen hat, ist in der Lage diese Systeme zu durchschauen“, räumt Thorsten Strufe ein.