Aufrecht, das Haar sorgfältig zurückgekämmt, dunkles Jackett, dezenter Ring – Dieter Fritsche sieht genauso aus, wie man sich einen Mann seiner Profession vorstellt. Seit 44 Jahren bringt er jungen – und zunehmend auch erwachsenen – Schülern die ersten Schritte auf dem Tanzparkett bei.

Abends auf dem Parkett
Hineingeboren in eine Tanzlehrerfamilie, rutschte er wie selbstverständlich zunächst neben-, später hauptberuflich ins Fach seiner Mutter. Seit 1973 leitet er die traditionsreiche Tanzschule Fritsche in Cottbus, Frau, Tochter und drei „eigenhändig“ ausgebildete Nachwuchslehrer stehen ihm zur Seite. 66 Jahre ist er gerade geworden, steht immer noch Abend für Abend auf dem Parkett, in Cottbus oder Forst, Guben oder Zauche. „Der Bedarf ist da“ , sagt Fritsche. „Bei den Jugendlichen gehen die Zahlen leicht zurück, dafür stürmen uns die Erwachsenen den Saal.“ Tanz als Möglichkeit, Nähe zu spüren, Gemeinsamkeit mit dem Partner, das spannende Wechselspiel aus führen und geführt werden, Körperlichkeit. Dieter Fritsche: „Die Welt ist offener geworden, heute sehen die Leute im Urlaub in Italien oder Spanien, dass Tanzen durchaus nicht aus der Mode ist. Etwas von ihrer Freude darüber wollen sie zu Hause wiederbeleben.“ Doch vor die Freude ist auch hier die Mühsal gesetzt – für die Schüler ebenso wie für den Lehrer. Der nämlich darf nicht nur über den spiegelnden Boden schweben, er ist, wie Fritsche sagt, „seine eigene Sekretärin, Techniker, Hausmeister, Buchhalter“ .

Büroarbeit am Vormittag
So ist denn auch der Arbeitstag der Familie zunächst mit Formalitäten gespickt: Morgens nach dem Frühstück heißt es im heimischen Büro Rechnungen zu sortieren, Überweisungen zu schreiben, Post zu bearbeiten. Dann fährt das Ehepaar in die Stadt, Mitarbeiterbesprechung steht auf dem Tagesplan. Wer kann welche Kurse übernehmen, wo wird geprobt, wieweit ist die Vorbereitung der nächsten Abschlussbälle gediehen. Zwischendurch wird Hund „Mäuschen“ gehätschelt – „der gehört unserer Tochter, sie ist gerade als Animateurin unterwegs, bringt Urlaubern das Abc des Tanzens bei“ .
Kurzes Mittagessen, wieder Papiere, dann treffen langsam die ersten Schüler ein. Gymnasiasten zumeist. Fritsche: „Zu DDR-Zeiten kamen ja ausnahmslos alle Neuntklässler, heute schicken nur jene Eltern ihre Kinder, die wissen, dass Benimm und Umgangsformen unverzichtbar sind.“
Kichernd, unbeholfen oder betont lässig – den Kids ist die fremde Atmosphäre zunächst unheimlich. Dieter Fritsche sagt ihnen zum Anfang immer nur wenige Sätze: „Ihr gebt Geld aus für die Zeit hier, also nutzt sie.“ Nicht nur das Tanzen will er ihnen nahe bringen, vor allem die richtigen Umgangsformen liegen ihm am Herzen. „Wir bekommen vom Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband andauernd neue Informationen zu Benimm und Anstand. So viel, dass es niemand mehr versteht. So kleinkariert wollen wir gar nicht sein. Aber um den Grundsatz geht es. Um die gegenseitige Achtung, die durch Höflichkeit zum Ausdruck gebracht wird.“
Jede Tanzstunde wird bei ihm so auch ein wenig Lebenskunde: Wer begrüßt wen, wann bringt man einer Dame Blumen mit, wo verzichtet man auf Kaugummi und Zigaretten. Letztere sind jedenfalls in der Tanzschule Fritsche verpönt ( „schließlich trainieren hier auch Kinder“ ). Der Senior selbst sieht seine Schmerzgrenze spätestens dann erreicht, wenn er im Urlaub fein angezogen an der Hotelbar sitzt – und neben ihm jemand mit Shorts und Unterhemd sein Bier bestellt.
Zurück in den Grundkurs: Die Jungs und Mädchen müssen zunächst einmal eines lernen: Haltung. „Kopf gerade, Körper parallel zueinander, Arme auf Linie.“ Fritsche und seine Frau geben Anweisungen, korrigieren, machen vor, die Augen dabei immer auf die jungen Paare gerichtet.
„Bei denen ist das kein Problem“ , sagt er. „Nur an älteren Paaren könnte man sich manchmal die Zähne ausbeißen. Die haben seit 20 Jahren ihren Schieber drauf. Und egal, welche Musik wir auflegen – sie tanzen nichts als Schieber.“ Diese Routine sei ein Feind des Tanzes, Disharmonie ein anderer. „Wir hatten schon Paare, die aufgegeben haben, weil sie sich nach jeder Stunde gestritten haben.“ Wer auf dem Parkett nicht harmoniert, hat eben auch im richtigen Leben seine Schwierigkeiten.

„Man wird süchtig danach“
Nach 105 Minuten sind die Schüler erlöst, bis zum nächsten Mal. 72 Euro zahlen sie für ihren Kurs, der zehn Lektionen umfasst. Viele von ihnen werden später weitermachen. Bronze-, Silber-, Gold- und Spezialkurse für Salsa oder Tango Argentino – „man wird süchtig“ , sagt Dieter Fritsche. Er selbst muss es wissen. Sein Arbeitstag ist selten vor 22 Uhr zu Ende. Wenn die letzten Schüler gegangen sind, müssen noch Stühle gerückt, Tischdecken gewechselt, im Winter muss der Saal gekehrt werden.
Richtig müde sei er dann. Zuhause werden die müden Füße hochgelegt, Spätnachrichten geguckt, die nächsten Tage besprochen. Kein leichtes Leben für einen Sechsundsechzigjährigen. „Aber“ , so sagt er, „wenn ich im Urlaub zwei Tage keine Musik und keine Bewegung hatte, werde ich schon unruhig. Dann schnappe ich mir meine Frau, wir suchen uns eine schöne Bar und tanzen.“ Ganz allein zu zweit. Denn Tanzen, das ist Nähe und Zweisamkeit. Auch für einen Tanzlehrer.