Für sie ist es der ruhigste Platz auf Erden. "Im Rücken haben wir Gärten, nach vorn schauen wir auf ein Naturschutzgebiet", schwärmt Roswita Bartschat. In diese Idylle dringt nur die City-Bahnlinie Stollberg-St. Egidien. "Ach, die Klingel der Schranke ist lauter als der Zug", meint die Erzgebirgerin abwinkend, wenn man sie auf die ungewöhnliche Lage des Grundstücks anspricht. Roswita Bartschat fühlt sich wohl auf dem großen Gelände. Sie hat es liebevoll begrünt. Ihr Lothar verwandelte die einstigen Ruinen in Romantikhäuschen. Nun wohnen Bartschats nicht nur an den Gleisen, sie haben dort sogar Arbeitsanschluss gefunden. Eigentlich wollten die Sachsen ein eigenes Haus bauen. "Doch nachdem ich mir ein Bein brach, waren wir plötzlich nicht mehr kreditwürdig", erinnert sich die zweifache Mutter. Durch Zufall entdeckten Bartschats hinter meterhohen Hecken ein völlig verwildertes Bahnwärterhäuschen, von dem nur noch ein paar Grundmauern übrig waren. Ein Fall für Schlosser Lothar. Ein Mann, der keine Luftschlösser baut, sondern zupacken kann. Nach dem Kauf des Grundstückes machte er sich an die Arbeit. Nun ähnelt die 1870 errichtete, einst schlichte Bahnwärterbehausung, eher an ein luxuriöses Feriendomizil in den Bergen. Vor Augen hatte die Familie allerdings jahrelang Schandflecke: das Waschhaus und das Stellwerk. Schließlich erwarb sie auch diese Immobilien. Im ehemaligen Waschhaus verkauft Roswita Bartschat jetzt erzgebirgische Holzkunst, und das stillgelegte Stellwerk bietet sie als Sachsens abgefahrensten Partyort an. "Dort, wo einst die über drei Tonnen schwere Hebelbank stand, kann man heute mit Blick auf die Bahnstrecke ausgelassen feiern", erzählt sie. Über 2000 Quadratmeter groß ist das Reich der Familie inzwischen. Genug Platz für einen echten Waggon, sagte sich Lothar Bartschat und ging auf die Suche. Er fand einen ausrangierten, knapp 70 Jahre alten Werkstattwagen, den er mit dem Kran auf sein Grundstück holte. Und wenn er Lust dazu hat, zieht er sich eine alte Uniform an, die er von seiner Frau geschenkt bekommen hat, und spielt Oberamtmann. Nur mit dem Bahnfahren hat es der passionierte Autofahrer nicht so. "Ich winke dem Zug lieber von Weitem", gibt der Bodenständige augenzwickernd zu.