Von dem fetten blauen Schlecker-Schriftzug über der Ladentür hat sich Kathrin Lehm verabschiedet. Auf grasgrünem Untergrund prangt ihr neues Logo "Meine Drogerie" - kombiniert mit einer Hagebutte. Die grüne Farbe, der Name und die Hagebutte sind die neuen Markenzeichen der Drogerie, mit der Kathrin Lehm am kommenden Freitag an den Start gehen will. Den Namen hat sie selbst erfunden. In der Hoffnung, dass die Schipkauer irgendwann sagen: "Ich gehe in meine Drogerie". Die Hagebutte daneben ist eine Geschichte für sich. Sie steht für Gesundheit und gehört zum Schipkauer Gemeindewappen. "Mehr Lokalpatriotismus geht nicht", freut sich Schipkaus Bürgermeister Klaus Prietzel (CDU) auf die Wiedereröffnung der Drogerie, die den Handelsstandort der Ladenstraße stärkt.

Kathrin Lehm war 16 Berufsjahre lang eine Schlecker-Frau. 2002 übernimmt sie als Leiterin die Schipkauer Filiale. Der Kündigungsschock nach der Schlecker-Pleite trifft sie hart. Seit 1. Juli des Vorjahres ist die 39-Jährige arbeitslos. Zuvor durfte sie noch die Filiale in Ortrand ausräumen und zuschließen. Untätig zu Hause herumzusitzen ist nicht ihr Ding. Kathrin Lehm bewirbt sich als Verkäuferin und auch für Verwaltungsjobs. Wenn überhaupt, dann werden ihr nur Teilzeit- oder befristete Billigjobs zu schlechten Bedingungen angeboten. "Das kam für mich nicht infrage", sagt die gelernte Großhandelskauffrau. Kathrin Lehm will ihre Berufserfahrung nicht einfach wegwerfen. Und irgendwie ist der eigene Laden schon immer in ihrem Hinterkopf herumgegeistert. Mit der Unterstützung von Mann und Eltern entschließt sie sich, die Drogerie, die in Schipkau immer gut lief, aus eigener Kraft zu schmeißen. Sie besucht ein Existenzgründerseminar und kratzt das Ersparte zusammen.

Einen Großhändler zu finden, erweist sich am Ende als härteste Nuss. Die großen Ketten haben ihre eigenen Einkäufer und Logistik-Center. "Da hatte ich mit meinen 200 Quadratmetern Ladenfläche ganz schlechte Karten", holt sie tief Luft. Kathrin Lehm bleibt hartnäckig und wird am Ende doch noch fündig. Ein Großhändler aus Mecklenburg-Vorpommern liefert jetzt Haarwäsche, Weichspüler, Küchentücher, Klopapier, Kosmetik, Katzenfutter und Babybrei.

Die Regale und die Ladeneinrichtung, die sie komplett von Schlecker übernommen hat, haben sich in den vergangenen Tagen schon gut gefüllt.

Drei große Lieferungen stehen noch aus. Ihr Drogerie-Sortiment will Kathrin Lehm genau an ihre Kunden anpassen. Sie weiß, dass sie auf spezielle Wünsche schneller reagieren kann als die großen Drogerieketten. "Das ist mein Vorteil, den ich nutzen will", ist die Jung-Unternehmerin optimistisch. Sie freut sich darauf, künftig ihr eigener Chef zu sein. Zur Unterstützung wird sie eine Schlecker-Kollegin aus alten Zeiten mit in den Markt holen. "Zusammen schmeißen wir den Laden", hofft Kathrin Lehm, und nie wieder arbeitslos zu werden.

Die Schipkauer sind indes froh, in der Gemeinde nach knapp einjähriger Pause wieder eine eigene Drogerie zu haben und sich damit lange Wege nach Senftenberg oder Großräschen zu sparen. Viele klopfen aufmunternd an die Fensterscheiben und wünschen der neuen Chefin alles Gute. Und sie versprechen, ganz fleißig einzukaufen, damit der Laden läuft und eine Zukunft hat.

Die Anteilnahme in der Gemeinde ist groß und rührt Kathrin Lehm, die kurz vor der Eröffnung ein ganz persönliches Fazit zieht: "Die Schlecker-Pleite ist für mich eine Chance, die ich ganz bestimmt nicht verspiele."

Zum Thema:
Bundesweit waren von der Schlecker-Pleite 23 400 Mitarbeiter betroffen. 9800 davon haben wieder eine Beschäftigung gefunden. Nur 115 wagten den Sprung in die Selbstständigkeit. Im Bereich der Arbeitsagentur-Geschäftsstelle Senftenberg wurden 40 Schlecker-Mitarbeiter arbeitslos. Nur knapp die Hälfte hat ein Jahr danach wieder einen Job. Im gesamten Geschäftsstellenbereich hat sich nur eine Frau selbstständig gemacht.