Die riesige Halle ist leer. Wo am Abend zuvor noch zwei Traktoren, eine Drillmaschine und ein Radlader parkten, ist – nichts mehr. Diesen Anblick mussten Ende vergangenen Jahres Mitarbeiter der Landgut Coschen GmbH in Guben verdauen. Unbekannte hatten des Nachts Landmaschinen im Wert von etwa 300 000 Euro gestohlen. Als Fluchtweg nutzten sie eine Eisenbahnbrücke über die Neiße und fuhren ihre Beute auf den Schienen bequem in Richtung Polen.

Die Anzahl derart dreister Diebeszüge ist laut Kriminalstatistik des Landes Brandenburg 2010 rasant gestiegen. Kraftfahrzeuge wie die Traktoren oder Radlader aus Guben waren im Bundesland 22,6 Prozent öfter das Ziel von Dieben als noch 2009.

Und auch in Sachsen fürchten Unternehmer immer öfter um ihre Maschinen: 72 Prozent der Görlitzer Firmen etwa sehen Diebstahl von Baufahrzeugen als größtes Problem vor Ort an. Das ergab eine Umfrage der Handwerkskammern Cottbus und Dresden, die am gestrigen Mittwoch unter dem Titel „Sicherheitslage in grenznahen Regionen“ erschienen ist. Vor allem Betriebe in Spree-Neiße und Görlitz leiden demnach unter den hohen Diebstahlquoten. Beliebt sind bei den Tätern neben Fahrzeugen und Baumaschinen immer öfter auch Buntmetalle.

Die Kriminalstatistik des Landes Brandenburg verzeichnet im Kammerbezirk Cottbus in den ersten drei Quartalen 2010 rund 36 000 Straftaten, davon 14 500 Diebstähle. Als weitere häufige Delikte zulasten von Handwerksbetrieben gelten Sachbeschädigung und Betrug.

Konkurs durch Diebstahl

All diese Taten wirken sich stark auf die wirtschaftliche Lage der Unternehmen in beiden Bundesländern aus: Der finanzielle Schaden beträgt laut Statistik fast sechs Millionen Euro. Allein das Baugewerbe gibt einen finanziellen Verlust von einer knappen Million an. Durchschnittlich sind das fast 17 000 Euro je Betrieb – in einem Jahr.

Es verwundert also nicht, dass 86 Prozent der befragten Bauunternehmen und 91 Prozent aus dem Kfz-Gewerbe die Sicherheitslage vor ihrer Firmentür als mittelmäßig bis schlecht einstufen. 44 Prozent der Betriebe im Spree-Neiße-Kreis erklären sogar, die Situation habe sich deutlich verschlechtert. Und im Gewerblichen Bedarf, also zum Beispiel dem Großhandel, bewerteten nur sechs Prozent der Unternehmen ihre Sicherheitslage als gut.

Daraus resultiert der Ruf nach staatlichem Schutz. Viele Unternehmen wünschen sich insbesondere mehr Polizeipräsenz vor Ort. 65 Prozent der Handwerksfirmen in den Landkreisen Spree-Neiße und 46 Prozent derjenigen in Oberspreewald-Lausitz halten die Anwesenheit von Polizisten für zu gering.

Selbst die Cottbuser Unternehmen, die an der Umfrage der Handwerkskammern teilgenommen haben, schätzen die Polizeipräsenz mit 57 Prozent als nicht ausreichend ein. Dabei sind sie immerhin gut 90 Kilometer von der Grenze zu Polen entfernt.

Die Grenze der Sorgen

Und diese Grenze scheint, dieser Schluss lässt sich zumindest aus den Zahlen der Umfrage und aus Beispielen wie dem der Landgut Coschen GmbH in Guben ziehen, ein Garant für Sorgen um die Sicherheit der betriebseigenen Maschinen, Fahr- und Werkzeuge zu sein. Je näher ein Unternehmen am Nachbarland arbeitet, desto größere Befürchtungen äußern die Mitarbeiter.

53 Prozent der befragten Firmen in Sachsen und sogar 70 Prozent der Unternehmer in Brandenburg gaben an, daher bereits vorbeugend tätig geworden zu sein. So haben manche Firmen spezielle Alarmanlagen und Zusatzschlösser installiert, manche ließen sogar Stacheldraht anbringen und das Gelände von Wachhunden sichern.

Eine finanzielle Belastung, die nicht jeder Betrieb schultern kann. Peter Dreißig, Präsident der Handwerkskammer Cottbus, macht diese Entwicklung Sorgen: „Für kleine Unternehmen kann all das existenzgefährdend sein.“