Angela ist glücklich. Seit vielen Jahren wieder einmal. Sie hält endlich den Schlüssel für eine eigene Wohnung in der Hand. Lange hat es gedauert, bis zu diesem Moment des Neuanfangs. Monatelang war sie mit ihren beiden Kindern von Heilbronn (Baden-Württemberg) quer durch Deutschland gezogen, von Frauenhaus zu Frauenhaus. Weg von Michael, ihrem Lebenspartner, der auch der Vater ihrer beiden Kinder ist. Weg von seinen Schlägen, Beschimpfungen und Erniedrigungen, die zuletzt nahezu jeden Tag ihrer Beziehung bestimmten. Zurück in die Lausitz, wo sie groß geworden ist, wo die Eltern leben und aus der sie einst fortgezogen war, weil es an Arbeit für die Kellnerin fehlte.
Den Kontakt zur Opferhilfsorganisation Weißer Ring haben die Eltern von Angela geknüpft. Die couragierte Frau wollte es zunächst allein schaffen. Sie scheiterte. An Bürokratie, Unverständnis, Herzlosigkeit. Michael hatte in Heilbronn seit ihrem Weggang Mietrückstände angehäuft. Der dortige Vermieter weigerte sich, Angela mit einer Schuldfreibescheinigung aus dem Mietverhältnis zu entlassen, das sie einst gemeinsam mit dem Mann abgeschlossen hatte.
An dem fehlenden Stück Papier aus dem Schwäbischen zerschellten in der Lausitz alle Bemühungen um eigene vier Wände. Selbst Manina Miltz, Rechtsanwältin in Cottbus und ehrenamtlich engagiert im Weißen Ring, fiel es schwer, Türen zu öffnen. „Man kann eben keinen Vermieter zum Abschluss eines Vertrages verpflichten“ , schildert sie die Schwierigkeit.
Das Problem ist mittlerweile gelöst. Auch bei der Beschaffung und Finanzierung von Möbeln hat die Opferhilfsorganisation in ihre Spendenkasse gegriffen. Jetzt hofft Angela auf eine feste Arbeit. Sie weiß, dass das nicht leicht wird, mit zwei Kindern. Noch dazu, weil Manfred, der kleine Junge mit der Harry-Potter-Brille, behindert ist und die besondere Fürsorge der Mutter benötigt. Doch Angela hat wieder Mut und Zuversicht nach dem traumatischen Erlebnissen gefasst, die sie hatte und die sie sich hätte nie vorstellen können.

Zugeschüttetes Glück
Das Glück schien doch in vollen Zügen von ihr Besitz ergriffen zu haben. Angela hatte in Heilbronn in einem Hotel einen Job gefunden, der ihr Spaß machte und der gut bezahlt wurde, auch, weil sie Überstunde um Überstunde schob. Sie traf Michael. Der Deutsche, der in Rumänien geboren wurde, sah gut aus, war charmant, als Kraftfahrzeugschlosser beliebt in der Umgebung. „Uns ging es gut. Wir hatten zwei Autos, sind regelmäßig in den Urlaub gefahren.“ Erinnerungen, die für Angela weit zurückliegen. Zugeschüttet von Gewalt, die das Glück verdrängte, und vor der sie nicht fliehen konnte. Warum nicht„ Sie hat darauf noch immer keine Antwort. „Ich war nicht mehr Ich“ , formuliert sie nachdenklich.
Dabei hätte sie gewarnt sein müssen.
Vier Jahre, von 1993 bis 1997, war Angela mit ihrem Michael zusammen. „Dann hat es das erste Mal richtig gescheppert“ , blickt sie zurück. Eifersucht war der Anlass für die Prügel, die sie einstecken musste. „Dabei gab es dafür keinen Grund“ , sagt sie. Die Frau packte ihre Sachen, weil sie nicht noch einmal verprügelt im Nachthemd auf der Straße stehen wollte.
Nach ein paar Monaten und liebenswürdigen Aufmerksamkeiten ging sie zurück. Das Herz war stärker als der Verstand. Die Zeit schien die Wunden geheilt zu haben. „Alles war wieder super.“ Ein Jahr später wurde Marianne geboren, dann Manfred, das Sorgenkind. Lange war unklar, ob der Kleine überhaupt überlebt. „Michael hat mich für die Krankheit des Jungen verantwortlich gemacht. Er ist damit nicht zurechtgekommen“ , stellt Angela fest. Hinzu kam der Verlust von Michaels Arbeitsplatz. Der Griff zur Schnapsflasche wurde häufiger.
Nach außen blieb die Welt heil, im Inneren zerbrach sie, schildert Angela. „Die Gewalt nahm immer mehr zu.“ Er schlug, sie keilte verbal zurück. Mittendrin die Kinder. Marianne, die Große, bekam alles mit. Es war ein Teufelskreis. Angela fand keinen Weg heraus, auch „wegen der finanziellen Abhängigkeit“ , wie sie sagt. „Wegen der beiden Kinder konnte ich nicht mehr arbeiten. Und Michael wollte das auch nicht.“
Der Ausbruch gelang dank ihrer Freundin. Die zeigte Michael an, nachdem er sich auch an ihr vergriffen, sie brutal die Treppe des Wohnhauses heruntergestoßen hatte. Er wurde verurteilt, Angela flüchtete ins Frauenhaus gegenüber dem Gerichtsgebäude. Mehrfach tauchte Michael dort auf. Da wuchs die Angst: Sucht er sie“ Will er die Kinder? Angela musste weg. Und sie ging. Endlich. Endgültig.

Tränen und Lächeln
Die Angst ist immer noch da. Doch der Schlüssel zur eigenen Wohnung verleiht Kraft. „Ich will mein Leben wieder in den Griff bekommen“ , sagt sie. Ohne Michael, da ist sie sich sicher. Und ohne Mann. „Mir kommt keiner mehr ins Haus.“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht, wo kurz vorher beim Erzählen noch Tränen liefen.

Hintergrund Vielfältige Hilfsangebote für Geschädigte
  Das Gewaltschutzgesetz , das seit 1. Januar 2002 gilt, bietet Opfern bessere Möglichkeiten, sich zu wehren. Es gilt der Grundsatz: „Wer schlägt, muss gehen. Das Opfer bleibt in der Wohnung.“
Nach dem Gesetz ist es möglich, per Gerichtsbeschluss Täter dauerhaft aus dem Haus zu weisen.
Die Polizei kann durch Erteilung eines Platzverweises Gewaltbereite für maximal zehn Tage von der Wohnung fernhalten. In dieser Zeit hat das Opfer die Möglichkeit, sich beim Familiengericht die Wohnung zusprechen zu lassen.
Hilfe für Kriminalitätsopfer bieten viele, zum großen Teil auch ehrenamtlich wirkende Einrichtungen, Vereine und Organisationen wie Frauenhäuser, Opferberatungsstellen, Telefonseelsorge, Kindernotdienste. Telefonnummern sind bei der örtlichen Polizei erhältlich und werden in den Lokalausgaben der RUNDSCHAU veröffentlicht.
Der Weiße Ring gehört bundesweit zu den bekanntesten Hilfsorganisationen für Kriminalitätsopfer. Er hat 60 000 Mitglieder. In 420 Außenstellen gibt es etwa 3000 ehrenamtliche Helfer.
Hilfsangebote des Weißen Rings umfassen u. a.: Vermittlung und Übernahme von Kosten für Anwälte, Begleitung zu Behörden, Erholungsaufenthalte für Opfer und deren Familien.
Ansprechpartner in der Region für den Weißen Ring sind erreichbar unter den Telefonnummern 0355/ 79 66 85 (Cottbus); 0355/78 91 112 (Spree-Neiße) 03541/80 02 36 (Oberspreewald-Lausitz); 03531/60 91 44 (Elbe-Elster); 03581/72 91 11 (Niederschlesischer Oberlausitzkreis); 03591/27 40 75, z.Zt. 0171/99 09 238 (Hoyerswerda und Landkreis Kamenz).