Kinder aus armen chinesischen Familien leben hier und üben Klaviermusik von Bach, Chopin und Liszt, um in Chinas prestigeträchtigste Musikschule, das Zentrale Musik-Konservatorium, aufgenommen zu werden. Eltern setzen ihre Ersparnisse, ihre Jobs und ihre Ehen aufs Spiel. Die Hoffnung: Ihr Kind möge eine große Solisten-Karriere beginnen und die Familie von der Armut befreien. Die Pension von Tante Zhang ist aber auch ein Ort der enttäuschten Hoffnungen: Viele Familien sind daran zerbrochen, dass der Erfolg ausblieb.
In einem Zehn-Quadratmeter-Raum sitzt der zehnjährige Huang Rixiang zwischen Töpfen und Notenblättern. Rixiang teilt sich mit seinem Vater ein Bett, acht Stunden am Tag übt er für seine Aufnahmeprüfung. Mit düsterem Blick spielt er eine Haydn-Sonate. Rixiang wirkt ernst und sehr reif für sein Alter. "Ich möchte sein wie Lang Lang", sagt er. Sein Vorbild, Absolvent des Konservatoriums, hat in der ausverkauften Royal Albert Hall in London gespielt und in den USA die Charts gestürmt. Eine solche Karriere erträumen sich auch Rixiangs Eltern für ihr Kind. Sein Vater lieh sich 10 000 Yuan - der Gegenwert eines Jahreslohns - und kaufte seinem Sohn ein Klavier. Jede Klavierstunde kostet mehr als ein Drittel eines Monatsgehalts.
Der 17-jährige Jin Wenbin ist schon eine Stufe weiter. Er studiert am Konservatorium und gewann bei einem internationalen Klavier-Wettbewerb in den USA den ersten Preis. Seine Eltern kommen aus einem kleinen Dorf. Für die Ausbildung ihres Sohnes gingen die Ersparnisse drauf. Seine Mutter gab den Job auf, um ihren Sohn nach Peking zu begleiten. Als Mädchen träumte sie selbst davon, Musikerin zu werden. "Aber wir waren arm. Musik war keine Option."
In China, wo jede Familie nach staatlichen Vorgaben nur ein Kind bekommen soll, lastet viel Druck auf diesen Kindern. Auch Familien aus der Mittelschicht, oft voller Hoffnung auf sozialen Aufstieg, melden ihre Kinder zum Musikunterricht an. Schätzungsweise 38 Millionen Chinesen lernen derzeit das Klavierspielen und die Zahl nimmt zu. Die Zahl der Bewerber für das Zentrale Musik-Konservatorium hat sich von 20 000 im Jahr 2000 auf 50 000 im vergangenen Jahr erhöht. Aufgenommen werden jährlich rund einhundert Kinder.
Bleibt der Erfolg aus, ist die Enttäuschung groß, wie Zhang Jilian berichtet, die in ihrer Pension besser als Tante Zhang bekannt ist. Ehen zerbrechen an der langen Trennungszeit und Eltern lassen ihren Frust an den Kindern aus. "Sie sind weit weg von zu Hause, haben keine Arbeit - wenn die Kinder sich nicht benehmen oder, wie alle Kinder, manchmal faul sind, verlieren viele Eltern die Beherrschung und schlagen ihre Kinder."
Die Eltern denken oft in erster Linie daran, wie schnell sich ihre Investition rentiert. Experten warnen davor, dass diese Einstellung auf Dauer der Karriere des Kindes schadet. "Viele Eltern drängen ihre Kinder und erwarten schnelle Erfolge bei internationalen Wettbewerben", sagt Xing Weikai, Leiterin der Jugend-Ausbildung am Konservatorium. "Diese Einstellung belastet das Lernen sehr. Wir haben schon viele Kinder scheitern sehen."
Lehrerin Xing fordert, Eltern sollten nicht so sehr auf den Erfolg schauen. Doch angesichts von Armut und fehlenden Alternativen sind diese davon oft nicht zu überzeugen. "Wenn du 500 Yuan bezahlst, dann musst du auch den Gegenwert dafür bekommen - oder besser noch mehr", sagt Jins Mutter. "Musik ist die Chance, unser Schicksal zu ändern."