Als die Erde zu beben beginnt, blickt Masami Chiba angsterfüllt auf das Meer hinaus. „Ich ahnte in dem Moment, dass ein Tsunami kommen wird“, erinnert sich der 56 Jahre alte Fischer und Austernzüchter. Chiba handelt schnell, so wie er und seine Frau es schon häufiger durchgesprochen hatten für den Fall, dass irgendwann die Natur zuschlagen wird. Am 11. März ist es soweit. Die Zeiger stehen auf 14.46 Uhr. Ein Beben der ungeheuren Stärke 9,0 erschüttert die nordjapanische Region Tohoku und löst einen Jahrhundert-Tsunami aus.

Mit mörderischer Gewalt trifft ein bis zu 15 Meter hoher Tsunami auf die Küste des in Wohlstand lebenden Inselreichs und walzt alles nieder: Häuser, Häfen, Schulen, Friedhöfe. Dörfer, Städte und riesige Anbauflächen versinken in den Wassermassen. Schon bald treiben zwischen Trümmern und Schlamm Tausende Leichen in den Fluten. Andere spuckt das Meer erst Wochen und Monate später aus, einige wohl nie mehr.

Während Tausende Menschen ums Überleben kämpfen, spielt sich im nahegelegenen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi bereits die nächste Katastrophe ab. Dort fällt nach dem Beben und der Flutwelle das Kühlsystem aus. Es kommt zu spektakulären Explosionen und Kernschmelzen in den Reaktorblöcken. Die Fernsehbilder der schwer beschädigten Gebäude lösen weltweit Entsetzen aus. Im 250 Kilometer entfernten Tokio treten Tausende Ausländer die Flucht an. Die Regierung in Tokio versucht die Krise in Fukushima zunächst herunterzuspielen.

Wochenlang wird über die Medien die Fehlinformation verbreitet, es habe in den Reaktoren keine Kernschmelze gegeben. Erst nach einem Monat wird der Unfall mit der höchsten Stufe 7 eingeordnet, derselben also wie Tschernobyl. Es dauert jedoch noch einen weiteren Monat, bis der Atombetreiber Tepco zugibt, dass es tatsächlich zu Kernschmelzen gekommen ist. Zwischenzeitlich steht der Konzern davor, die Atomruine aufzugeben. Auf Intervention des damaligen Premiers Naoto Kan werden jedoch Reparaturtrupps hineingeschickt, um noch Schlimmeres abzuwenden. In den Zeitungen in aller Welt ist bald vom heldenhaften Einsatz der „Fuku-shima 50“ zu lesen.

Kurz vor dem Jahresende und neun Monate nach der Katastrophe präsentiert die japanische Regierung vor Kurzen gute Nachrichten. Die Strahlung sei deutlich unter die Grenzwerte gesunken und die Reaktoren unter Kontrolle. Glaubt man den Aussagen, dann können einige der Evakuierten tatsächlich wohl schon bald in ihre Heimatorte zurück.