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Die Welt kommt nach Wittenberg

Zahlreiche Gäste wohnen am 20.05.2017 der Eröffnung der Weltausstellung Reformation in Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt) bei. Sie trägt den Titel „Tore der Freiheit“.
Zahlreiche Gäste wohnen am 20.05.2017 der Eröffnung der Weltausstellung Reformation in Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt) bei. Sie trägt den Titel „Tore der Freiheit“. FOTO: Jan Woitas (dpa-Zentralbild)
Wittenberg. Insgesamt sieben architektonisch kreative Stadttore haben die Veranstalter rund um Wittenberg aufgebaut. Mit der Eröffnung der Weltausstellung hat die heiße Phase des Reformationsjahres 2017 begonnen. Schon am Mittwoch beginnt in Berlin der Deutsche Evangelische Kirchentag, zu dem mehr als 100.000 Besucher erwartet werden. Benjamin Lassiwe

Am Bahnhof steht eine dreißig Meter hohe Bibel, die schon von ferne die Besucher begrüßt. Am Schwanenteich im Stadtpark liegen Flüchtlingsboote aus dem Mittelmeer. Und überall in den Wallanlagen der sachsen-anhaltinischen Lutherstadt Wittenberg begrüßen Zelte und Pavillons von Kirchen und Hilfswerken die Besucher. Denn in der Stadt, in der Martin Luther 1517 seine 95 Thesen wider den Ablasshandel veröffentlichte, wurde am Samstag die erste "Weltausstellung Reformation" eröffnet. Sie steht unter dem Motto "Tore der Freiheit": Insgesamt sieben architektonisch kreative Stadttore haben die Veranstalter rund um Wittenberg aufgebaut. Jedes steht für ein anderes Thema: Es gibt die Ökumene, die Spiritualität oder den Bereich für die Jugend.

Offene Tore seien die Vision einer friedvollen Zukunft, sagt die EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann. Im Eröffnungsgottesdienst nannte sie die Weltausstellung das "Herzstück des Reformationssommers 2017". "Menschen können für einen Tag kommen und miterleben, mitdiskutieren, mitdenken, was Reformation für die Menschen heute bedeutet - etwa mit Blick auf Spiritualität und Globalisierung oder mit Blick auf die Ökumene und den Dialog der Religionen oder hinsichtlich Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung."

Auch manche Skurrilität findet sich in Wittenberg: In einem Riesenrad können die Besucher der Weltausstellung etwa eine Runde mit einem Seelsorger drehen und "zwischen Himmel und Erde" über die Sorgen und Nöte ihres Lebens sprechen. Sehenswert ist eine von der hannoverschen Landeskirche installierte Multimediapräsentation, die versucht, das Thema "Taufe" mit allen Sinnen zu vermitteln. Neben einem eindrücklichen Videofilm auf Großleinwand haben die Besucher hier die Möglichkeit, sich an einem 500 Jahre alten niedersächsischen Taufstein persönlich segnen zu lassen. Prominentester Besucher der Weltausstellung war an ihrem Eröffnungstag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Reformation sei "ein europäisches, ein wirklich weltweites Ereignis" gewesen, sagte das kirchlich hoch engagierte Staatsoberhaupt in einem Grußwort. Die Kraft der Reformation sei "nicht erschöpft, hochaktuell und geht uns alle an." Was in der 48.000-Einwohner-Stadt Wittenberg durchaus nicht selbstverständlich ist: Nur eine einstellige Prozentzahl der Einwohner gehört in der Lutherstadt heute noch einer christlichen Kirche an.

Von der Reformation allerdings profitieren alle, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff (CDU). Allein das Land habe rund 80 Millionen Euro investiert, um die Lutherstätten für das Jubiläum aufzuhübschen. Denn insgesamt erwarten die Veranstalter rund 500.000 Menschen zur Weltausstellung. Bislang allerdings wurden nur rund 1500 Dauerkarten und 3000 Gutscheine für Tageskarten der Weltausstellung verkauft. Sie

hat insgesamt ein Budget von rund 25 Millionen Euro. Es wird zu je einem Drittel aus staatlichen Mitteln, aus Mitteln der Kirchen und aus Geldern von Teilnehmern und Sponsoren finanziert.

Mit der Eröffnung der Weltausstellung hat zudem die heiße Phase des Reformationsjahres 2017 begonnen. Schon am Mittwoch beginnt in Berlin der Deutsche Evangelische Kirchentag, zu dem ebenfalls mehr als 100.000 Besucher erwartet werden. Am Donnerstag gibt es eine Podiumsdiskussion, an der neben Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auch der ehemalige US-Präsident Barack Obama teilnimmt. Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt finden sich unter den Rednern des Protestantentreffens. Zahleiche Gottesdienste und Bibelarbeiten gehören ebenso zum Programm des Kirchentags wie Konzerte, Theater und Kleinkunstaufführungen.

Und am Samstagabend machen sich die Teilnehmer dann auf den Weg nach Lutherstadt Wittenberg: Dort wollen sie unter freiem Himmel auf den Elbwiesen übernachten, bevor am Sonntag der wohl größte Gottesdienst des Jahres in Deutschland stattfindet, zu dem rund 100.000 Menschen erwartet werden. Mittlerweile steht für diesen Gottesdienst auch das Sicherheitskonzept: Während es lange Zweifel daran gab, ob Wittenberg, das Oberbürgermeister Torsten Zugehör stolz als "kleinste Großstadt der Welt" bezeichnet, in der Lage ist, so eine Veranstaltung zu stemmen, erklärte Ministerpräsident Haseloff am Samstag: "Alles, was menschenmöglich vorbereitbar war, ist veranlasst worden."