Luther und Frankfurt (Oder): Das ist eine Kombination, die auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun haben mag. Doch die Ausstellung "Bürger, Pfarrer, Professoren" - die Leitschau zum Brandenburger Kulturland-Jahr 2017 - nimmt sich genau dieser wenig bekannten Mischung an. Am Freitag wurden die Ausstellung und das komplette Brandenburger Themenjahr zum 500-jährigen Reformationsjubiläum in der Marienkirche Frankfurt eröffnet.

Über fünf Jahre haben sich die Ausstellungsmacher überlegt, wie sie Frankfurt, das "Anti-Wittenberg", Luther und die Bedeutung der mittelalterlichen Stadt in Szene setzen können. Mehr als 200 größere Exponate sind zusammengetragen worden. "Vor zwei Wochen trafen die ersten Leihgaben aus Berlin, Leipzig und Halle ein", sagt Gotthard Kemmether von der Europa-Universität Viadrina. "Es war wie Weihnachten und Neujahr auf einem Tag, als alles hier Kontur annahm", erklärt er.

Entstanden sei ein Mikrokosmos, eine echte Zeitstudie, wie es in Frankfurt im 15. und 16. Jahrhundert zuging. "Wir wollten die Stadt als eine kulturelle, geistige und wirtschaftliche Metropole in der Mark Brandenburg des Mittelalters wiederentdecken", erklärt Kuratorin Maria Deiters von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

"Wir haben fast jeden Stein umgedreht, um diese Geschichte an den Standorten Museum Viadrina und in den Gotteshäusern Marien- sowie Gertraudenkirche nachzubilden", fügt Museumschef Martin Schieck an. Es sei nicht einfach gewesen, wo es allerorts Reformationsausstellungen gebe, an Exponate zu gelangen. "Mit dem Fokus auf das etwas in Vergessenheit geratene Frankfurt zur Reformationszeit ist uns dieser Spagat dann doch gelungen", unterstreicht Schieck.

Unzählige Originaldokumente werden gezeigt, darunter die Schedelsche Weltchronik mit der Europakarte von 1493 sowie zahlreiche Frankfurter Stadt- und Kirchenbücher und wissenschaftliche Schriften der Landesuni Viadrina. Komplettiert wird dies mit eigenen restaurierten Kirchenschätzen wie dem generalüberholten Gesprenge, das nach 70 Jahren wieder auf den Hochaltar der einstigen Frankfurter Universitätskirche zurückgekehrt ist. 141 000 Euro spendeten Frankfurter hierfür. "Diese Hilfsbereitschaft ist nichts Neues. Viele gestiftete mittelalterliche Kunstgegenstände wie Messbecher oder Schalen, die in der Schau zu sehen sind, zeugen hiervon", sagt Schieck. Als im 18. Jahrhundert der Turm von Sankt Marien einstürzte, waren es Spenden der Bürger, die den Wiederaufbau ermöglichten, unterstreicht der Museumschef.

Frankfurt, im 13. Jahrhundert gegründet, blühte rasch auf, weil es durch den Ausbau des Flussübergangs zur günstigen Passage zwischen Stettin und Breslau avancierte. Zudem integrierte sich Frankfurt in Städtebünde und in das hansische Wirtschaftssystem. So kam der Oderstadt schnell eine Schlüsselstellung im Handel zwischen Westeuropa und Polen zu. Im Landbuch Karl IV. von 1375 rangierte Frankfurt ökonomisch vor allen anderen Brandenburger Orten.

1506 wurde hier die streng katholische Landesuniversität Viadrina gegründet mit einem Bischof als Unirektor. Gelehrt wurde hier Theologie, Jura und Medizin. Zu Luthers Zeiten galt die Oderstadt als ein "Anti-Wittenberg". Dies hatte mit dem Ablass-Prediger Johann Tetzel zu tun, der damals an der Viadrina promovierte. Hier entstanden die 106 Gegenthesen zu den Luther-Thesen. Nach 1539 kam dann der Wechsel: Die Stadt wurde zu einem Dreh- und Angelpunkt der Reformation.

"Doch einfach Schwarz-Weiß-Malen geht nicht", unterstreicht Deiters. Das zeige die Leitschau. Der Bischof war humanistisch geprägt. So ließ er neben Tetzel auch Professoren wie Jodocus Willich zu, der Studenten die Bibel erklärte. Dabei war Willich weder Theologe noch Kirchenmann. Als Medizin-Professor hatte er sich dem Humanismus verschrieben.

Und auch die veränderten Moralvorstellungen durch Luthers Wirken werden in der Schau thematisiert. Die Ausstellungsmacher bemühen Stadtpfarrer und Theologieprofessor Andreas Musculus hierfür. Der orthodoxe Lutheraner prangerte in seinem Werk "Hosenteufel" den opulenten Kleidungsstil der Adligen und Patrizier an.

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Die Umweltminister der Bundesländer haben im brandenburgischen Storkow (Oder-Spree) auf einer Streuobstwiese einen Garten mit Apfelbäumen alter Sorten angelegt. Brandenburgs Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) erinnerte am Donnerstag zum Lutherjahr an einen bekannten Spruch des Reformators: "Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen." Mit der Pflanzaktion entwickelten die Minister den Gedanken Luthers weiter, meinte Vogelsänger: "Damit die Welt nicht zugrunde geht, müssen wir alles dafür tun, um die Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen zu erhalten." Vogelsänger pflanzte einen Baum der Sorte "Edelborsdorfer". Seine Ministerkollegen setzten jeweils eine alte, regionaltypische Sorte ihres Bundeslandes.