Hochrangige Experten messen der Absicht der USA keine große Bedeutung bei, sich zu „Herren des Alls“ aufschwingen und all jenen Ländern den Zugang zum Kosmos verwehren zu wollen, die angeblich den Interessen Washingtons „schaden“ .

Adäquate Gegenmaßnahmen
Zugleich verweisen sie aber auch unmissverständlich darauf, dass die Stationierung neuer amerikanischer Waffensysteme im Weltraum „extrem negative Auswirkungen“ auf die internationale Sicherheit und die strategische Stabilität hätte und deshalb „unvermeidbar adäquate Gegenmaßnahmen“ anderer Staaten nach sich zöge. Bush hatte Ende August die neue Doktrin unterschrieben, in der die USA auch alle Rüstungsabkommen ablehnen, die ihrer Meinung nach die amerikanische Bewegungsfreiheit im All einschränken. „Der Teufel, den man an die Wand malt, ist so schrecklich gar nicht“ , sagte der Sprecher des Moskauer Instituts für Kosmosforschung (IKI), Juri Saizew. Immerhin maßten sich die USA aber mit ihrer neuen National Space Policy an, anderen Ländern nach Gutdünken „Passierscheine“ für die Raumfahrt auszustellen. Da sich dies niemand gefallen lassen werde, müssten die Amerikaner folglich bereit sein, Waffen im Weltraum zu stationieren und diese im Erstfall auch einzusetzen. „Technisch gesehen führt das im Bereich zwischen 400 und 1500 Kilometern zu zahlreichen orbitalen Gruppierungen mit Dutzenden und Hunderten von Satelliten“ , schätzt Saizew. Das wiederum erschwere allen jegliche Aktivitäten im erdnahen Raum.
Sollte es wirklich zur Stationierung solcher Waffen kommen, müsse Washington mit „verschiedenen Formen eines asymmetrischen Krieges“ rechnen, die „mit wesentlich geringerem Aufwand“ eine Dominanz der USA im Kosmos verhindern werden. Im Klartext: Die Russen werden die US-Satelliten mit einfachen technischen Mitteln stören oder ganz ausschalten. Der Schaden wäre nach Ansicht von Saizew für die Amerikaner selbst „katastrophal“ . Denn angefangen von den Nachrichtenverbindungen über die Navigation bis hin zum Bankwesen seien praktisch alle Bereiche des hochtechnologischen Landes vom Weltraum abhängig. Das gelte auch für die US-Armee einschließlich der Raketentruppen, Luftwaffe und Flotte.
Die Russen glauben indes nicht, dass die US-Pläne für eine kosmische „Wunderwaffe“ realisierbar sind, da der technologische und materielle Aufwand dafür viel zu gewaltig sei. Allerdings erhöht sich ihrer Meinung nach die Gefahr, dass unabhängig davon die Arbeiten an einer Gegenwaffe „angeheizt“ werden.

China wird sich wiedersetzen
„Sollten die USA mit der Entwicklung von Weltraumwaffen beginnen, wird Russland seine Militärdoktrin natürlich überdenken“ , warnte deshalb Juri Koptjew, der in der Moskauer Föderalen Industrieagentur für Luft- und Raumfahrt verantwortlich zeichnet. Er erinnerte daran, dass seinerzeit die damalige Sowjetunion und die USA schon einmal an Satellitenabwehrsystemen gearbeitet hätten. Das sei durch ein Moratorium gestoppt worden.
Nach Überzeugung der Russen wird sich auch China, das zu den ersten Adressaten der neuen Bush-Doktrin gehört, den amerikanischen All-Macht-Plänen widersetzen. Mehr noch: Saizew zweifelt nicht daran, dass sich Russland und China bei Auftauchen einer „allgemeinen Gefahr aus dem Weltall“ zusammentun.