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| 02:40 Uhr

Die urwüchsige Kraft des Blech-Handwerks

Sebastian Haupt aus Schraden (vorn) und Joachim Böhme aus Raddusch (hinten links) konzentriert bei der Sache.
Sebastian Haupt aus Schraden (vorn) und Joachim Böhme aus Raddusch (hinten links) konzentriert bei der Sache. FOTO: Möschl
Cottbus. Das Angebot ist einmalig im Osten Deutschlands und führt vom Schnupperkurs bis hin zur bundesweit anerkannten Fortbildung zur "Fachkraft für die Aufbereitung und Restauration historischer Fahrzeuge". Seit 2016 sind auch Kurse im Fahrzeuglackiererhandwerk möglich. Beate Möschl

Normalerweise beherrschen vormittags 16- bis 20-jährige Azubis der Region das Bild in der Lehrwerkstatt für Karosseriebauer im Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Handwerkskammer (HWK) Cottbus-Gallinchen. Diese Mal jedoch greifen hier gestandene Mannsbilder zu Holzhammer, Blechschere, Lötholz und Zinnhobel, um ihr Hobby auszuleben. Sechs bekennende und werdende Oldtimer-Fans aus Brandenburg, Berlin und Sachsen haben den zweitägigen Schnupperkurs Blechbearbeitung der im BTZ beheimateten Oldtimer-Akademie gebucht und kümmern sich um ihr erstes selbst gefertigtes Kfz-Bauteil: einen handgefertigten Motorrad-Kotflügel.

Respektvoll, ja beinahe ehrfürchtig legt René Taraschewski (38) aus Pirna noch einmal die Schablone an, um zu prüfen, ob er die Schnittkante richtig angezeichnet hat. "Abgeschnitten ist schnell, ranschneiden dauert", scherzt Lehrmeister Sven Kochan. "Kommt mal bitte her, ich möchte euch was zeigen", ruft er und zeigt, mit welchem Kniff man zum richtigen Ergebnis kommt, obwohl der Kotflügel breiter ist als die Schablone, von der die Rundung für die Enden abgenommen wird. Ein letzter Abgleich, dann greifen die Ersten zur Blechschere.

"Sollen wir gleich losschneiden?", fragt Thomas Bremer (62). Der Elektrotechnik-Ingenieur hat zwei eigene Firmen in Berlin und Ludwigsfelde. Er sei zwar noch kein Oldtimerfan, aber "irgendwie alt genug, um schon mal zu schauen, was ich im Ruhestand anfangen kann", sagt er auf Nachfrage. Auf das Angebot der Oldtimer-Akademie aufmerksam geworden ist der Berliner durch das Internet.

"Ich habe nach einem Kurs Metallbearbeitung gesucht und erst die Kollegen in Franken gefunden, dann die Cottbuser", erzählt er. Cottbus liege nicht nur dichter dran an Berlin, es sei auch ein echter Glücksgriff. "Es ist richtig schön hier", sagt Thomas Bremer. Woran er das festmacht? "Weil man hier die richtigen Werkzeuge gezeigt bekommt und Information über die Materialien erhält, die man braucht. Und weil Herr Kochan viel Erfahrung hat, die er auch gerne weitergibt. Das macht nicht jeder, viele behalten ihr Wissen lieber für sich", so Bremer.

Neben Thomas Bremer schneidet Sebastian Haupt (29) die Enden seines in Handarbeit aus einem schmalen Tiefziehblech selbst geformten Motorrad-Kotflügels rund. Der gelernte Metallbauer aus Schraden (Elbe-Elster) ist hier, um Grundlagen und Wissen aus der Ausbildung aufzufrischen.

Die Ruhe und Konzentration, mit der die Männer in der Werkstatt arbeiten, hat für den Betrachter beinahe schon etwas Meditatives. "Finden Sie", fragt Sebastian Haupt und sagt: "Für mich ist es eher das alte Handwerk, die Blechbearbeitung mit einfachen Mitteln und Werkzeugen, die reine Handarbeit. Heute ist doch alles automatisiert, und das Arbeiten wird immer schneller." Er habe hier als Erstes wieder lernen müssen, ruhig zu bleiben bei der Arbeit, gibt er zu und fügt an: "Im Alltag sagt keiner, lass Dir Zeit, Hauptsache ordentlich."

Auch René Taraschewski, Inhaber einer Sandstrahlfirma aus Pirna und Oldtimerfan, schätzt das Erlebnis traditioneller Handwerksarbeit. "Das glaubt man ja gar nicht, das war mal ein einfaches, grades Blech", sagt er und streicht fasziniert über "seinen" Kotflügel. "Das war für mich unvorstellbar, dass das geht." Jetzt wisse er, jeder kann das, "wenn er weiß, wie es geht".

Verschiedene Kurs-Angebote der Oldtimer-Akademie machen das möglich. Wer mehr vorhat, der kann sich hier auch als Fachkraft für die Aufbereitung und Restauration historischer Fahrzeuge qualifizieren. Unter Anleitung von Karosseriebaumeister Sven Kochan fällt es den Teilnehmern sichtlich leicht, ihre verborgenen Talente am Blech zu entdecken. Kochan hat sie alle schnell "infiziert". Er brennt dafür, alte Handwerkskunst am Leben zu erhalten und Wissen und Fertigkeiten weiterzugeben, verbunden mit Wissen um neue Werkstoffe und Werkzeuge.

Dabei wird schnell klar: Die Sammelmentalität der Ossis hat zwar dazu geführt, dass immer noch recht gut Ersatzteile zu bekommen sind, aber nicht alle Werkstoffe und Methoden sind aufhebenswert. Zum Beispiel alte Zinnstangen aus DDR-Zeiten. "Die bröckeln, damit zu arbeiten, lohnt nicht mehr. Mit den neuen kommt ihr deutlich besser", sagt Kochan und demonstriert das gleich am Beispiel beim Ausbessern von Beulen im Kotflügel. "Spachtelmasse verwenden wir nicht. Hier wird noch solide nach alter Handwerkskunst gearbeitet mit Zinn und dem Bienenwachs als Trennschicht", sagt er. Diese Technik erfordert freilich ein gutes Händchen bei der Temperatur, mit der beides zum Schmelzen gebracht und aufgetragen wird, und für den richtigen Zeitpunkt zum Wachs abwischen. Wer bei Kochan "in die Schule geht", weiß am Ende genau, wie es geht.

"Das Interesse an der Oldtimer-Akademie ist überwältigend. Wir haben Zuspruch aus ganz Deutschland. Sogar Teilnehmer aus Ibiza und der Schweiz haben den Weg zu uns aufgenommen. Ohne besondere Vorkenntnisse kann bei uns jeder durchstarten und Blechbearbeitung erlernen. Vor allem die Motorradtankbau-Kurse finden Anklang in der Oldtimer-Szene", sagt Matthias Naumann, Leiter Fachkräfteentwicklung/Marketing bei der Handwerkskammer Cottbus. Die Oldtimer-Akademie Cottbus ist die einzige Ausbildungsstätte mit Schwerpunkt Fahrzeugrestaurierung in Ostdeutschland. Bundesweit gibt es nur zwei Einrichtungen dieser Art. Seit 2016 haben Fachkräfte und Privatleute zudem die Möglichkeit, sich in speziellen Kursen Wissen zum Lackieren von Fahrzeugen anzueignen. Das ist möglich im Lehrbauhof Großrä schen der Handwerkskammer Cottbus.

Zum Thema:
Während in der Oldtimer-Akademie am Berufsbildungs- und Technologiezentrum BTZ der Handwerkskammer Cottbus vor allem Oldtimer-Fans sich Fähigkeiten aneignen, um ihrem Hobby mit noch mehr Leidenschaft und Können zu frönen, widmen sich hauptberuflich im Bezirk der Handwerkskammer Cottbus noch viele Fachbetriebe dem Fahrzeugblech und sind gefragte Spezialisten für alle Fälle. Derzeit sind 101 Karosseriebau-Betriebe in Südbrandenburg in die Handwerksrolle eingetragen. Nach Angaben der Handwerkskammer Cottbus werden derzeit 19 Lehrlinge zum Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker ausgebildet.