Die Situation ist angespannt. Obwohl das Ausbildungsjahr bereits am 1. September begonnen hat, gibt es im Bereich der Handwerkskammer Cottbus noch immer an die 200 freie Ausbildungsstellen für das laufende Jahr. Kaum jemand erinnert sich im Jahr 2015 noch an die Zeit, in der sich alljährlich Anfang der 2000er-Jahre im Frühsommer Massen von Schulabgängern im Süden Brandenburgs um viel zu wenige Lehrstellen "balgten". Heute sind es die Handwerksmeister, die kämpfen müssen, um die Gesellen von morgen und damit auch um die wirtschaftliche Zukunft ihrer Unternehmen.

Ob man nun dem großen Versprechen vom "goldenen Boden" glaubt oder einen das "Jammern" der Handwerker schreckt: Tatsache ist, dass viele Schulabgänger und die Eltern als ihre Berater immense Chancen vergeben, wenn sie bei der Suche nach beruflicher Zukunft allein auf die großen Spieler der Industrie, den öffentlichen Dienst oder direkt auf die Hochschulen setzen. Das belegt eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Eher selten arbeitslos

Lange galt allein das Studium als Allheilmittel gegen Arbeitslosigkeit und für eine gesicherte berufliche Zukunft. Das hat sich nach Erkenntnissen der IAB-Forscher geändert. Zwar seien Akademiker weiterhin selten von Arbeitslosigkeit betroffen - ihre Arbeitslosenquote lag im Jahresdurchschnitt 2013 bei 2,5 Prozent - Techniker und Meister verlieren ihre Jobs aber noch seltener. Seit der letzten weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise nach dem Jahr 2009 seien sie noch weniger von Erwerbslosigkeit betroffen als Hochschulabsolventen. Demnach sind nur zwei Prozent der Arbeitslosen in Deutschland Meister oder Techniker.

Die Studienergebnisse und Zahlen machen auch den Handwerkern im Süden Brandenburgs Hoffnung für die Zukunft. Auf eine erfolgreiche Vergangenheit können sie allemal verweisen, wenn am Sonnabend in der Cottbuser Stadthalle mehr als 800 Handwerker und ihre Familien den "Tag des Handwerks" und gleichzeitig ihren "Tag des Meisters" feiern.

Es ist inzwischen zweieinhalb Jahrzehnte her, dass die Lausitzer Handwerkskammer eine fulminante Wiedergeburt erlebte. Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands eröffneten sich vor 25 Jahren für Tausende Südbrandenburger die selbst etwas "unternehmen" wollten, plötzlich wieder ganz neue wirtschaftliche Möglichkeiten.

Bis dahin hatte die Handwerkerschaft im Osten Deutschlands eher ein Schattendasein geführt. Von Anfang der 1950er-Jahre an war die Zahl der Beschäftigten in inhabergeführten Handwerksbetrieben von einst über 30 000 Mitarbeitern im Kammerbezirk Cottbus auf rund ein Drittel gesunken. Handwerkliches Unternehmertum war den real existierenden Wirtschaftslenkern in der DDR von Anfang an suspekt. Vor allem Anfang der 1960er-Jahre waren viele Privatbetriebe verstaatlicht oder zur Aufgabe gezwungen worden oder in einer Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) aufgegangen.

Handwerker, die diese Art sozialistischer "Marktbereinigung" überstanden hatten, richteten sich ein. Und das taten sie oft mit großem Erfolg. Denn in Zeiten planwirtschaftlichen Mangels und weitgehender Konkurrenzlosigkeit konnten sich versierte Spezialisten die zahlungskräftige Kundschaft aussuchen. Und so protokolliert selbst eine offizielle Chronik über 50 Jahre Handwerkskammer Cottbus aus dem Jahr 2003 über die aufregende Wendezeit 1989 in beeindruckender Offenheit: " . . . der Handwerker war oft der Letzte, der sich an die Spitze eines Aufstandes gesetzt hätte: Er hatte ja etwas zu verlieren. Und außerdem hatte er in der Vergangenheit zu viele schlechte Erfahrungen sammeln müssen. Besonders jene Handwerker, denen noch die Ereignisse aus den 50er-Jahren in Erinnerung waren, reagierten vorsichtig."

10 200 Firmen bei HwK Cottbus

Seitdem haben sich die Zeiten gründlich geändert. Längst stehen vor allem auch handwerkliche Mittelständler an der Spitze der wirtschaftlichen Entwicklung im Süden Brandenburgs. Rund 10 200 Unternehmen sind inzwischen bei der Cottbuser Handwerkskammer eingetragen. Sie beschäftigen mehr als 50 000 Mitarbeiter und bilden aktuell an die 1700 junge Menschen aus. Damit ist das Handwerk eine entscheidende Größe bei der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region und wird es auch in Zukunft bleiben.

Dass das Handwerk tatsächlich "goldenen Boden" haben kann, dürften die meisten der über 7000 Frauen und Männer erleben, die seit 1990 in 18 verschiedenen Gewerken in Südbrandenburg ihre Meisterprüfung bestanden haben. Und tatsächlich - auch wenn er auf EU-Ebene immer wieder einmal zur Diskussion gestellt wird - gilt der deutsche Meisterbrief noch immer als europaweites Qualitätssiegel und wird von vielen Fachleuten einem Bachelor-Abschluss gleichgesetzt.

Urkunden für 146 Jungmeister

Beim "Tag des Meisters" am Sonnabend werden diesmal 146 Jungmeister, die in diesem Jahr die Meisterprüfung absolviert haben, offiziell ihre Urkunde erhalten. Zu ihren Vorbildern dürften die 499 Meister und Unternehmensgründer gehören, die genau vor einem Vierteljahrhundert, im Jahr 1990, ihr Handwerksunternehmen gründeten und noch immer erfolgreich am Markt agieren. Beim "Tag des Meisters" werden sie dafür geehrt, dass sie im Wendejahr 1990 den Mut zur Selbstständigkeit bewiesen und ihre Handwerksbetriebe auch durch schwierige Zeiten geführt haben. Darüber hinaus erhalten am Sonnabend 123 Meister, die vor 25 Jahren ihre Meisterausbildung abgeschlossen haben, einen Silbernen Meisterbrief.

Zum Thema:
An diesem Wochenende lohnt sich ein Besuch in Löbau in der sächsischen Oberlausitz. Die Stadt ist Gastgeber des 18. sächsischen Landeserntedankfestes. Das Handwerk darf dabei nicht fehlen und präsentiert sich am Tag des Handwerks mit einer Handwerkermeile auf dem Zuckerplateau. Mit dabei sind unter anderem Seiler, Porzellanmaler und Steinbildhauer. Fürs leibliche Wohl sorgen Bäcker, Fleischer, Brauer und ein Weinküfer.