. Als Ralph Patallas im Oktober vergangenen Jahres in ein Krankenhaus des Herzzentrums Berlin gebracht wird, ist ein Leben ohne Sauerstoffversorgung nicht mehr möglich. Zuletzt sind selbst die Schritte bis zur Toilette und das gemeinsame Essen mit Frau Beate und Sohn Robert eine große Anstrengung: Die meiste Zeit muss der damals 45-Jährige in einem Krankenzimmer verbringen, ansonsten ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Zu diesem Zeitpunkt steht der Zerkwitzer bereits auf der Transplantationsliste mit hoher Dringlichkeit. "Länger hätte ich nicht warten können", sagt er.

Alles begann 1988, als bei Ralph Patallas Sarkoidose diagnostiziert wurde. Bei dieser Krankheit bilden sich aus nicht geklärter Ursache Gewebsknötchen in allen Organen des Körpers. Etwa 80 000 Menschen leiden in Deutschland an dieser Krankheit. Die meisten haben keinerlei Beschwerden. Bei einem geringen Teil kann es jedoch chronisch werden und zum Beispiel die Lungenfunktion stark beeinträchtigen. Bis 2002 gehörte Ralph Patallas zu denen, die relativ beschwerdefrei mit der Krankheit leben können. Damals, vor zehn Jahren, war die Familie gerade in das neue Eigenheim in Zerkwitz gezogen.

Ob es die Anstrengung oder eine verschleppte Erkältung war, weiß Ralph Patallas heute nicht mehr. Kurz nach dem Einzug ins neue Haus wurde aus einer schweren Lungenentzündung eine lebensbedrohliche Situation. Eine Arterie am rechten Lungenflügel war geplatzt. Bei einer Not-OP mussten Teile des Organs entfernt werden. Die Ärzte gaben Patallas damals zwei Jahre. "Auf einen Schlag hatte sich mein Leben geändert", erinnert er sich. Seine Arbeit als Heizungsmonteur musste er damals aufgeben. Auch Sport war kein Thema mehr. "Dabei habe ich mich immer sehr gern bewegt", sagt er. Trotzdem ging es irgendwie weiter. Spaziergänge mit dem Hund oder Familienurlaube waren noch drin - auch fünf Jahre nach der Not-OP. Die Ärzte hatten sich geirrt. "Wir sind mit der Situation zurechtgekommen. Die Einschränkungen waren da. Aber gemeinsam ging das schon", erinnert sich Beate Patallas, die als Sonderpädagogin an einer Grundschule arbeitet.

Richtig heftig wird es erst im Jahr 2010. Das Lungenvolumen beträgt nur noch 20 Prozent. Ralph Patallas muss nun mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden. "Ich habe jeden Tag gehofft, dass es endlich ein Spenderorgan für mich geben wird", sagt er. Sieben Mal wird er auf die Transplantation vorbereitet. "Jedes Mal wich die Hoffnung, und man musste diese Enttäuschung verkraften", erinnert er sich. So wird etwa beim zweiten Versuch kurz vor der Transplantation festgestellt, dass das Spenderorgan krank ist, eine OP nicht durchgeführt werden kann. Er wacht mit der alten Lunge auf. Erst beim achten Versuch bekommt Patallas in einer sechzehnstündigen Operation eine neue Lunge.

Vor einer Transplantation (siehe Infobox) werden die Organe auf mögliche Erkrankungen und Infektionen untersucht. Die Ergebnisse zu Spender, Blutgruppe und Gewebemerkmalen werden dann an die Organvermittlungsstelle Eurotransplant weitergeleitet, die mithilfe der Daten der Patienten auf der Warteliste die passenden Empfänger ermittelt und die zuständigen Transplantationszentren informiert. Diese verständigen wiederum den Patienten und klären alle weiteren medizinischen und organisatorischen Fragen. Die Vergabe von Spenderorganen erfolgt nach festgelegten Kriterien wie Dringlichkeit, Gewebeübereinstimmung und Erfolgsaussicht. Die Chancengleichheit in der Organvergabe soll in der bundesweit einheitlichen Warteliste so zum Ausdruck kommen.

"Die Zeit des Wartens war hart. Ohne meine Familie, Freunde und Bekannte hätte ich das nicht geschafft", betont der Familienvater. Es sei seine Pflicht gewesen, das alles durchzustehen. Als Ralph Patallas im Oktober des vergangenen Jahres in die Herzklinik nach Berlin gebracht wurde, hatte er sich geschworen, wieder zurückzukommen - zu Fuß und ohne Hilfe. "Ich bin dem Spender, den Angehörigen, den Ärzten und den Pflegern so unendlich dankbar für mein neues Leben", sagt Patallas. Dass er jemals wieder ohne Sauerstoff kleine Spaziergänge machen kann, habe er nicht gedacht. "Das ist ein unbeschreibliches Gefühl", sagt er. Alles sei intensiver. Die Farben in der Natur, das Licht, die Gerüche, der Wind. "Dieses Gefühl, als ich das erste Mal wieder richtig Luft holen konnte, werde ich nicht vergessen."

Die Organspende folgt in Deutschland einem schwierigen Prozedere. Im Zuge des Transplantationsgesetzes wurde eine bundesweite Koordinierungsstelle für Organspende eingerichtet. Seit dem Jahr 2000 hat diese Aufgabe die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) übernommen. Die DSO unterstützt die etwa 1400 Krankenhäuser mit Intensivstationen und 50 Transplantationszentren und stimmt die Zusammenarbeit von der Mitteilung eines möglichen Organspenders, über die Organentnahme bis zur Organübertragung ab. Wenn Patallas sich heute die Momente des Wartens ins Gedächtnis ruft, muss er auch an die vielen Menschen denken, die ebenfalls auf ein Spenderorgan warten. Seit Jahren ist die Zahl der Organspenden rückläufig. Konnten in der Region Nord-Ost (Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern) 2005 noch 180 Organspenden realisiert werden, waren es vergangenes Jahr laut DSO-Statistik noch 129 Spenden. "Und genau aus diesem Grund macht mich der aktuelle Skandal um die Organtransplantation so wütend", sagt Patallas. "Die Spendenbereitschaft geht deutlich zurück, und es beginnen wieder endlose Diskussionen und Debatten. Doch die Todkranken haben leider keine Zeit." Die gesamte Verfahrensweise bei einer Organtransplantation infrage zu stellen und den vielen engagierten Ärzten zu misstrauen, sei für ihn der falsche Weg. Besser als in Nord-Ost sieht die DSO-Organspender-Statistik immerhin in der Region Ost (Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen) aus. Konnten 2005 mehr als 150 Spenden durchgeführt werden, waren es vergangenes Jahr nahezu 170 geglückte Transplantationen.

Als Ralph Patallas aus dem Krankenhaus entlassen wird, hat seine Frau gemeinsam mit Freunden seine Heimkehr vorbereitet. Seine Frau wartet vor dem Haus auf ihren Mann. Die Straße in der Eigenheimsiedlung in Zerkwitz führt genau auf das Haus der Familie. An dem Tag der Rückkehr ist gutes Wetter. Die letzten Meter auf dem Weg zum Haus legt Ralph Patallas zu Fuß zurück - genau so, wie er es sich vor seinem Krankenhausaufenthalt vorgenommen hat. Ein paar Wochen später habe er mit seiner Frau getanzt - das erste Mal seit mehreren Jahren.

www.dso.de

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108 000 Organe wurden seit 1963 in Deutschland transplantiert. Dabei wird zwischen Lebendspende und postmortaler Organspende unterschieden. In Deutschland ist eine Organspende zu Lebzeiten nur unter Verwandten ersten oder zweiten Grades, unter Ehepartnern, Verlobten und unter Menschen möglich, die sich in besonderer persönlicher Verbundenheit nahe stehen. Eine unabhängige Gutachterkommission prüft, ob die Spende freiwillig und ohne finanzielle Interessen geschieht. Es muss außerdem sicher gestellt sein, dass für den Empfänger zum Zeitpunkt der geplanten Übertragung kein Organ aus einer postmortalen Organspende zur Verfügung steht. Der Tod des Spenders muss nach den Richtlinien der Bundesärztekammer festgestellt worden sein (Hirntod-Diagnostik). Für die Entnahme muss eine Einwilligung vorliegen, entweder in Form einer schriftlichen Einverständniserklärung des Verstorbenen (Organspendeausweis) oder indem eine dazu bestimmte Person oder die Angehörigen im Sinne des Verstorbenen einer Entnahme zustimmen. Quelle: DSO