Immer kam es anders, als geplant im Leben von Brigitte Klotz. Fest verwurzelt in der Lausitz, wurde sie schon mit 19 Mutter, musste dann ihrem "ferngelenkten" Mann nach Potsdam folgen. Arbeitete dort als MTA, liebäugelte mit einem Medizinstudium. Aber als berufstätige Mutter, so nebenbei? Unmöglich. Also wechselte die junge Frau in ein Ernährungsinstitut, beschäftigte sich
mit experimenteller Toxikologie, auch mit Tierversuchen – und entwickelte eine heftige Allergie gegen Chemikalien und Tierhaare.

Kurswechsel
Nach der Geburt der zweiten Tochter entschied sie sich für einen Kurswechsel. "Durch meine Arbeit in der Konflikt- und Schiedskommission hatte ich eine Affinität zur Juristerei entwickelt, also sattelte ich um, begann ein Fernstudium an der Humboldt-Universität. Eine aufregende Phase meines Lebens", sagt sie heute. "Immerhin war ich schon fast 30, hatte zwei kleine Kinder
und war voll berufstätig." Blieb da Zeit zum Studieren? "Nur am Abend, konsequent von 20 bis 24 Uhr."
Ihre Diplomarbeit schrieb sie über das "Recht auf Widerstand", den Artikel 20 Absatz 4 des bundesdeutschen Grundgesetzes. Ziviler Ungehorsam, Mahatma Gandhi, Luther King, die Ostermärsche, die Friedensbewegung. "Spannend" fand sie das Thema, das ihr Jahre nach der Wende zuweilen den Vorwurf eintrug, besonders linientreu gewesen zu sein – zu linientreu wenigstens für eine Fachhochschul-Präsidentin.
Ihre angedachte Promotion führte Brigitte Klotz in der Endphase der DDR letztlich nicht durch. "Ich war Mitte 30, eine praxisorientierte Frau. Beim wissenschaftlichen Arbeiten hatte ich irgendwie immer das Gefühl, nie mit den Hausaufgaben fertig zu werden . . ."

Nach der Wende ging sie ins Wissenschaftsministerium, war zunächst für die Anerkennung von DDR-Bildungsabschlüssen zuständig, später für die Einrichtung von Fachhochschulen. Wildau betreute sie unter anderem und die Lausitz. Der letzte Rektor der Fachhochschule bat sie, als Kanzlerin einzuspringen, zunächst nur für einige Monate. Sie blieb eineinhalb Jahre – und wurde
dann – nach Ablauf seiner Amtszeit – als Nachfolgerin des Rektors vorgeschlagen.
Nicht ohne Gegenwind, wurde sie schließlich doch mit großer Mehrheit zur Präsidentin gewählt und trat ihr Amt mit "einer gewissen Blauäugigkeit" an.
"Ich hatte gedacht, mehr Entscheidungen im Konsens treffen zu können", sagt sie. "Doch es zeigte sich, dass in der breiten Palette von Persönlichkeiten in der Professorenschaft nicht immer alle im Ensemble der Fachhochschule agieren."
Worte einer Frau, die vorsichtig geworden ist nach schmerzhaften Lernprozessen. "Ich bin wirklich keine Feministin", sagt sie, als ob das ein Makel wäre. "Aber ich glaube schon, als Frau ist man heftigeren Angriffen ausgesetzt als männliche Kollegen. Wenn etwas klappt, wird mein Charme gelobt, wenn nicht, vielleicht meine fachliche Kompetenz in Zweifel gezogen."

Ins Zweifeln gekommen

Diese Angriffe, sie brachten sie schon manches Mal zum Zweifeln. "Muss man sich eine solche Auseinandersetzung antun?" Jederzeit hätte sie gehen können, zurück ins zweite oder dritte Glied, beteuert sie – "Frauen kleben nicht am Prestige eines solchen Postens." Dennoch ist sie geblieben. Überstand die Aufregungen um den "Bohlen-Professor" Erik von Grawert-May, steht
jetzt in heftigen Auseinandersetzungen um die Verlegung der Wirtschaftswissenschaften nach Cottbus. Auch ihre Idee, das Umfeld der "Gesundheitsstadt Senftenberg" zu nutzen, um einen Bachelor-Studiengang Physiotherapie einzurichten, ohne aus der Hoch- eine "Schwestern"-Schule zu machen, trifft nicht nur auf Wohlwollen.

"Ich habe inzwischen gelernt, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen", sagt die Präsidentin. Überzeugt ist sie von der Richtigkeit ihres Handels, trotzdem spürt sie manchmal, dass sie Gefahr läuft, ihre soziale Kompetenz einzubüßen. "Das Mitgefühl nimmt Schaden in einer solchen Position." Um Verhärtungen vorzubeugen, hat sie Gegenstrategien entwickelt: Mangelnde
Bewegung durch den 14-Stunden-Tag wird auf dem Hometrainer ausgeglichen, an den Wochenenden reserviert sie mindestens einen Tag für Kinder und Enkelkinder. Mit dem Mann tankt sie Großstadtflair in Potsdam, Kraft beim Wandern oder entspannt im Urlaub, beim Hochseeangeln.

Unbequem wie die Region

Das Pendeln zwischen Potsdam und der Lausitz schadet der Ehe und wohl auch der Arbeit nicht – Wechsel zwischen Distanz und Nähe. Potsdam ist ihre zweite Heimat, die Wurzeln jedoch liegen in der Lausitz. "Und", so sagt sie augenzwinkernd, "als Einheimische kann ich die Lausitzer viel besser kritisieren als jeder Zugereiste – ich bin ja selbst manchmal so unbequem wie diese Region."

Biografie

Karriere auf Umwegen
Brigitte Klotz wurde am 20. Mai 1953 in Altdöbern geboren.
Nach der Schule Arbeit als Medizinisch-Technische Assistentin an der Poliklinik Großräschen und der Medizinischen Fachschule Cottbus.
1973 Umzug nach Potsdam,
ab 1976 Arbeit am Institut für Ernährung auf dem Gebiet der experimentellen Toxikologie und Isotopentechnik,
1982 Aufnahme eines Fernstudiums an der Humboldt-Universität,
1987 Abschluss als Diplom-Juristin.
1991 Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur.
1999 Kanzlerin der FH Lausitz,
Seit 2001 Präsidentin der Fachhochschule Lausitz.
Brigitte Klotz ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Senftenberg und Caputh.