Willkommen in Treptitz (Kreis Nordsachsen): eine Straßenkreuzung inmitten sanfter Hügel, daran 30 alte Gehöfte, ein Feuerwehrhaus, ein Dorfteich, eine Bushaltestelle, drum herum Weizenfelder. Eine Idylle mit einem unidyllischen Problem: Wohin mit dem Abwasser?

Die Gemeinde Cavertitz, zu der Treptitz gehört, ist nicht im Abwasserzweckverband. Die 130 Treptitzer hätten also 30 Kleinkläranlagen bauen müssen - jeder Hof seine eigene. Aber sie wussten es besser, sie bauten zwei Anlagen für den ganzen Ort. Klingt simpel, ist aber das Ergebnis langer Überzeugungsarbeit. Die Entscheidung für eine Kleinkläranlage ist eine Entscheidung fürs Leben. "Dabei kann man viele Fehler machen", sagt Tilo Sahlbach. "Den meisten Bürgern fehlt der Sachverstand."

Auf seinem Notebook hat der Geschäftsführer des Instituts für Wasserbau und Siedlungswasserwirtschaft (IWS) an der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) viele Tabellen, die eins belegen sollen: "Die teuerste Variante ist immer die, bei der die Leute es alleine machen." Und zwar bis zu zwei Drittel teurer als die Gemeinschaftslösung, sagt der Wasserfachmann.

Einen der 30 Höfe im Dorf hat Sahlbach geerbt, hier lebt der 39-Jährige mit seiner Mutter, seiner Frau und zwei Kindern. Stolz zeigt er die Frucht von drei Jahren Überzeugungsarbeit: Eine Luftaufnahme des Dorfes mit rot eingezeichnetem Kanal, der zu zwei Kläranlagen führt. Jedes Haus ist angeschlossen - mit Ausnahme des Feuerwehrhauses, das der Gemeinde gehört.

2010 haben die Treptitzer den Verein zum Ökologischen Gewässerschutz gegründet. Die 2200 Meter Rohre haben sie selbst verlegt. Jeder Hausbesitzer investierte 3500 Euro für den Hausanschluss, 80 Stunden Arbeitszeit und erklärte sich bereit, auf dem eigenen Grundstück zu buddeln. Denn ein Kanal, der über Privatgrundstücke führt, kostet 50 Euro pro Meter - auf öffentlichem Grund kostet er 300 Euro. Die Gesamtkosten von 165 000 Euro förderte der Freistaat mit 26 000 Euro - die Förderung für ein Dorf voller Kleinkläranlagen hätte über 70 000 Euro gekostet. Aber diese Einsparung setzte Opferbereitschaft voraus. Der Kanal führt durch Höfe, unter Rasenflächen und den gut gehegten Gemüsebeeten entlang. Alles musste aufgerissen werden, um den teuren öffentlichen Grund zu umschiffen. "Wir haben uns auf Ratenzahlung geeinigt", sagt Sahlbach. "Und es hat funktioniert. Obwohl wir Hartz-IV-Empfänger dabei haben, haben alle bezahlt, weil sie es verstanden haben."

Die Julisonne scheint auf einen grünen Klärbehälter, in dem die Einleitungen von 67 Treptitzern den Bakterien ein Festmahl bereiten. Jede Woche ist ein Vereinsmitglied zur Kontrolle eingeteilt. Heute ist Vereinschef Sahlbach dran. Unterm Deckel sumsen die Fliegen, der Belebschlamm ist schön grau, es müffelt sanft nach Gulli, alles klar soweit.

Sahlbach erklärt, dass selbst die kleinstmögliche Kleinkläranlage für einen normalen Haushalt eigentlich zu groß sei. Stattdessen sei der Energieverbrauch bei einer 50-Personen-Anlage viel effizienter - in Treptitz reicht sie sogar für 67. "Dem Motor ist egal, ob 50 Leute oder mehr dran hängen. Der dreht sich sowieso." Das Schöne dabei: Das Wasser, das hinten rauskommt, ist um ein Drittel sauberer als der Grenzwert vorschreibt.

2011 bekam Treptitz Unterdorf eine Kläranlage, 2012 das Oberdorf. Und weil der Kanal nun einmal gegraben war, haben die Treptitzer gleich noch eine Nahwärmeleitung gelegt. Über die freuen sich die Landwirte Martin und Peter Hühnlein, die im Dorf eine Biogasanlage betreiben.

Für den Ort wirkte das Abwasserprojekt wie eine Vitaminspritze. Die aufgerissenen Höfe bekamen neues Pflaster, die Gärten neue Mauern. Auch neue Häuser werden jetzt gebaut im idyllischen Treptitz.