"My daddy is gone", schluchzt die Frau immer wieder, "Mein Papa ist tot." Ihr Vater war einer von neun Menschen, die in der African Methodist Episcopal Church ermordet wurden. Alle waren schwarz, der Täter weiß. Und trotzdem ist Charleston anders als Ferguson, Baltimore und auch North Charleston, nur ein paar Meilen nördlich. Von Gewalt keine Spur. Die Menschen trauern und halten zusammen.

Er habe einen Rassenkrieg auslösen wollen, sagte der Verdächtige laut CNN in der Vernehmung. Am Abend war er in die Kirche gegangen und hatte etwa eine Stunde zugehört, dann zog er seine großkalibrige Pistole und schoss. Neunmal. Das älteste Opfer war 87, das jüngste 26 Jahre alt. Ausgerechnet Charleston, South Carolina. Calhoun Street. John Calhoun war einer der prägendsten Politiker vor dem Bürgerkrieg - und eifriger Verfechter der Sklaverei. Hier in South Carolina trennte sich im Dezember 1860 der Süden vom Norden, hier begann ein halbes Jahr später mit den Schüssen auf Fort Sumter der Bürgerkrieg. Und hier in North Charleston schoss erst vor zwei Monaten ein Polizist einem fliehenden Schwarzen in den Rücken. Ohne das Video eines Passanten wäre der Fall wohl nie aufgeklärt worden.

"Charleston ist keine rassistische Stadt", beteuert Ryan Buckhannon. Dann kämpft er mit den Tränen, seine Frau Sonya muss weitersprechen. "Wenn man hier wohnen will, muss man einfach tolerant sein. Sonst kann man hier nicht leben." Beide sind weiß und stehen in einer Gruppe Schwarzer. Niemand guckt feindselig. Verstört, traurig, fassungslos, aber nicht feindselig. "Wir singen und beten. Das ist Charlestons Art, damit umzugehen", sagt Sonya.

Auf den Gebäuden wehen die Fahnen auf halbmast. Aber es sind die Flaggen der alten Südstaaten, die einen Krieg entfachten, weil sie weiter Menschen als Eigentum betrachten wollten. Viele Weiße mögen nicht auf die Flagge verzichten. Aber viele Weiße trauern auch vor der Kirche in Charleston. Ein Mann kniet im stummen Gebet, auf der Stirn Schweißperlen, auf der Wange Tränen. Wenig später schiebt sich ein Zug von Gläubigen durch die Menge. Alle sind weiß. Der schwarze Pastor der Kirche begrüßt seinen weißen Kollegen trotz der drückenden Hitze mit einer langen, festen Umarmung. "Tod ist nicht das letzte Wort. Gewalt ist nicht das letzte Wort", sagt der weiße Pastor Chris Darwin mit dröhnender Stimme. "Wir sind nicht schwarz oder weiß, wir sind Kinder Gottes!" Die Menge stimmt mit einem kräftigen "Amen" zu.

Einer der Pilger trägt das Trikot der deutschen Fußballmannschaft. "Ich bin heute da, um meine Unterstützung zu zeigen", sagt Anthony Ludwig. "Das ist einfach ein Fall von Wahnsinn gewesen. Charleston ist nicht so, bitte glauben Sie mir", sagt er flehentlich.

Charleston ist wirklich nicht so. Polizei ist da, aber statt mit Sturmgewehr und Gefechtshelm ist der Polizist mit einer Kiste mit Wasserflaschen ausgestattet. "Bitte vergessen Sie nicht zu trinken", sagt er leise und verteilt die Flaschen. "Es ist heiß heute."

Charleston hat knapp 130 000 Einwohner, ein Viertel von ihnen ist schwarz. Mehrfach wurde sie zu "Amerikas freundlichster Stadt" erklärt und die Taxifahrer erzählen stolz, dass sie von einem Reisemagazin zum zweitattraktivsten Reiseziel der Welt gewählt worden seien, "gleich nach Florenz, Italien!". Warum reagiert diese Stadt nicht mit Gewalt auf Gewalt, wie so viele andere? "Wir sind die heilige Stadt", sagt Ludwigs Verlobte Elizabeth McGuan in Anspielung auf den Spitznamen "Holy City". "Wir stützen uns lieber mit Gebeten."

Alfonso Washington kennt noch eine andere Zeit und Alfonso Washington ist schwarz. "Als ich klein war, marschierte noch der Klu Klux Klan durch unsere Nachbarschaft", sagt er und seine Augen gucken voller Verachtung. "Und täuschen wir uns nicht, auch in dieser Stadt wird noch jeden Tag irgendwo ein Schwarzer diskriminiert." Es sei besser geworden. "Aber es gibt noch so viel zu tun, Bruder, so viel zu tun."