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Die Terrorangst kehrt nach Frankreich zurück

Eine Frau liest die neue Ausgabe des Magazins Charlie Hebdo während Soldaten in der U-Bahn patrouillieren.
Eine Frau liest die neue Ausgabe des Magazins Charlie Hebdo während Soldaten in der U-Bahn patrouillieren. FOTO: Yoan Valat (EPA)
Paris. Drei Monate nach der islamistischen Anschlagserie hat die französische Polizei eher zufällig Angriffe auf Kirchen im Großraum Paris vereitelt. Ein 24-Jähriger, der festgenommen wurde, stand bereits unter Polizeibeobachtung. Gegen 9.30 Uhr am Mittwochmorgen trat der französische Innenminister Bernard Cazeneuve mit ernster Miene vor die Mikrophone. Christine Longin

Der bedächtige Mann, der bereits nach der islamistischen Anschlagserie im Januar im Mittelpunkt stand, brachte den Franzosen wieder schlechte Nachrichten. Denn die Polizei hatte am Sonntag einen Informatik-Studenten festgenommen, der bewaffnete Angriffe auf ein oder zwei Kirchen im Großraum Paris geplant hatte. Diese Anschläge wurden mit der Festnahme zwar vereitelt, doch Regierungschef Manuel Valls warnte: "Unser Land steht vor einer noch nie da gewesenen terroristischen Bedrohung."


Wie gefährlich der Verdächtige war, zeigt das Arsenal an Waffen, das die Polizei in seinem Auto entdeckte: Kalaschnikows wie sie die Attentäter im Januar nutzten, Handfeuerwaffen, schusssichere Westen und Munition. In der Wohnung des gebürtigen Algeriers, der seit 2009 in Frankreich lebt, stieß die Polizei dann auf Dokumente, aus denen "unmissverständlich" die Anschlagspläne hervorgingen, wie Cazeneuve sagte.

Angriffspläne gegen Kirchen neu

Nachdem in den vergangenen Jahren vor allem jüdische Einrichtungen Ziele von Terrorangriffen waren, sind bewaffnete Angriffe gegen Kirche neu für Frankreich. "Wir kommen zu einem Punkt, wo sich die Christen vielleicht ebenso viele Sorgen machen müssen wie die Juden", sagte der Terrorexperte Francois-Bernard Huyghue, für den eine "psychologische Grenze" überschritten ist, im Fernsehsender BFMTV.

Die Polizei war am Sonntag eher zufällig auf die Spur des Studenten gekommen. Der 24-Jährige hatte nämlich am Morgen den Notarzt selbst wegen einer schweren Verletzung am Bein gerufen hatte. Als die Sanitäter die Polizei holten, folgten die Beamten einer Blutspur bis zum Waffenversteck im Auto des Mannes. Da dort mehrere Waffen lagerten, könnte der Franko-Algerier auch noch Komplizen haben.

Verdächtiger bereits unter Polizeibeobachtung

Der Verdächtige, der am Mittwoch weiter im Krankenhaus behandelt wurde, soll sich die Verletzung beim tödlichen Überfall am Sonntag auf eine Fitnesslehrerin zugezogen haben. Die 32-Jährige war in Villejuif bei Paris mit drei Schüssen getötet worden; ihr Auto wurde danach angezündet. In dem Fahrzeug der Mutter einer fünfjährigen Tochter fand die Polizei die DNA des Verdächtigen. Möglicherweise habe er seinem Opfer das Auto stehlen wollen, berichtete die Zeitung "Le Monde".

Der Mann, der sich die beiden großen Kirchen in Villejuif als Ziele ausgesucht haben soll, stand bereits unter Beobachtung der Polizei. Er hatte wegen Plänen, als Dschihadist nach Syrien zu reisen, die Einstufung S für diejenigen, die der Staatssicherheit gefährlich werden könnten. Nach einer einwöchigen Reise in die Türkei soll der Algerier bereits in Polizeigewahrsam gewesen sein, schrieb "Le Monde". Für eine Festnahme habe die Polizei nichts in der Hand gehabt, verteidigte Regierungssprecher Stéphane Le Foll das Verhalten der Behörden. Auch der Attentäter Amédy Coulibaly, der im Januar eine Polizistin und vier Menschen in einem jüdischen Supermarkt getötet hatte, besaß den Vermerk S, der eine verstärkte Polizeiüberwachung vorsieht.

Debatte über Geheimdienstgesetz

Die neuen Anschlagspläne kommen zu einem Zeitpunkt, wo die französische Nationalversammlung ein neues Geheimdienstgesetz debattiert. Der umstrittene Text gibt den Sicherheitsbehörden umfassende Befugnisse bei der Überwachung von Terrorverdächtigen. So kann über "schwarze Boxen", die bei Internetanbietern installiert werden, im großen Rahmen die Nutzung des Internets überwacht werden. Auch Wanzen in Wohnungen und das Mithören von Handy-Gespräche über so genannte IMSI-Catcher sollen erlaubt werden. Die Entscheidung, ob und wo spioniert wird, liegt beim Regierungschef, ohne dass ein richterlicher Beschluss nötig ist.

Das Gesetz, das nach Ansicht der Gegner zu einer Massenüberwachung führen könnte, ist eine Konsequenz der Anschlagserie im Januar, bei der insgesamt 17 Menschen starben. Die Brüder Kouachi hatten am 7. Januar die Satirezeitung "Charlie Hebdo" mit Kalaschnikows überfallen und zwölf Menschen getötet. Sie standen mit Amédy Coulibaly in Verbindung, der fünf Menschen erschoss. Seither gilt im Großraum Paris die höchste Terrorwarnstufe.