Die Rocker-Braut von Mechernich hat die Ellenbogen satt. Der Ton an der Tafel ist merkbar rauer geworden. „Es wird geschubst und gehauen, aber man gewöhnt sich dran“, meint Manuela Albrecht. Die rote Lederhose liegt eng, die Haare stehen wie Antennen, über ihrer linken Schulter kriecht ein tättowierter Drache. Arabisch, Slawisch und Deutsch füllen den nüchtern eingerichteten Vereinsraum. Als Albrecht ihre Thermo-Plastiktüte ausfaltet, geht das Rascheln fast unter. Nur eine hohe Frauenstimme fegt minütlich über das Stimmengewirr: „Die Achtzehn“, „die Neunzehn“.

An einer Seite hantieren Frauen und Männer an einer Theke mit Schürzen. Die Helfer befüllen die Schlünde geöffneter Tragetaschen mit Obst und Gemüse. In Metallregalen sind Weißbrote eingequetscht. Aus grünen Faltkisten quellen Zucchinis, Radieschen und Kürbisse hervor. Und auf dem obersten Boden thront die Königin der Früchte, die Ananas.

Früher hatten sich wöchentlich 150 Leute in die Schlange vor der Tafel im nordrhein-westfälischen Mechernich eingereiht. Nun kommen 300. Um Lebensmittel fair zu verteilen, funktioniert die Essensausgabe hier nur noch im Losverfahren, sagt der örtliche Tafel-Chef und Vorsitzende des Landesverbands NRW, Wolfgang Weilerswist.

Der Flüchtlingsandrang ist eine Belastungsprobe für die Tafeln in Deutschland. „Die Lage ist zur Zeit sehr angespannt“, sagt der Chef des Bundesverbands, Jochen Brühl. 60 000 Helfer hatten bisher eine Million Bedürftige in Deutschland versorgt. Dann kamen die Flüchtlinge. Und es wurden in wenigen Monaten 150 000 mehr. Besonders betroffen sei Nordrhein-Westfalen: Erst kürzlich kapitulierten einige Tafeln im Münsterland vor dem immensen Andrang. Aber auch in Hessen und Hamburg mussten Helfer neue Bedürftige abweisen.

Das Treppenhaus der Mechernicher Tafel ist überfüllt mit wartenden Menschen aus Afrika, Syrien und dem Westbalkan. Erste Verteilungskämpfe zwischen den Neuankömmlingen und den Stammkunden zeichnen sich ab, wenngleich oft im Stillen: Einige Deutsche fühlen sich durch die Flüchtlinge bedroht, bleiben der Tafel fern, sagt eine 66-jährige Helfern. Rassistische Gründe würden sicherlich eine Rolle spielen. Man könne aber auch von Futterneid sprechen.

Früher waren die Bedürftigen mit zwei, drei Tüten nach Hause gegangen, berichtet Weilerswist. Nun müssten sie teils mit halbgefüllten Taschen den Heimweg antreten. „Die Tüten wurden weniger“, bestätigt auch Albrecht. „Viele meinen, der eine kriegt mehr, der andere weniger“, und fügt hinzu: „Kein Wunder bei den vielen Leuten“. Wer die „vielen Leute“ sind, sagt sie erst nach kurzem Zögern: „Ziemlich viele Asylbewerber“.

Konflikte treten überall hervor: Eine Tafel in Müllheim im Schwarzwald hatte für Flüchtlinge und die einheimische Bevölkerung unterschiedliche Öffnungszeiten ausgewiesen. Immer wieder sollen sich Flüchtlinge vorgedrängelt haben, hieß es. Der örtliche Friedensrat hatte den Betreibern danach „unterschwelligen Rassismus“ vorgeworfen. Wie Flüchtlinge bei den Tafeln in Deutschland behandelt werden, kann die Zentrale von Pro Asyl in Berlin jedoch nicht einschätzen.

Sowieso ist die vermeintliche unfaire Verteilung eine Frage der Perspektive: So haben fremdenfeindliche Anfeindungen gegen Tafel-Helfer stark zugenommen. „Wir werden häufig angemault und gefragt: "Warum wird das Essen weniger?"“, sagt Weilerswist. „Ich bekomme drei, vier Hass-E-Mails täglich. Das Wort "Kanake” ist noch das harmloseste.“ Im oberpfälzischen Weiden wurden Flüchtlinge in der Schlange direkt mit Worten massiv angegriffen, erzählte eine Tafel-Mitarbeiterin dem Bayerischen Rundfunk. Sie musste mehrwöchige Hausverbote aussprechen.

Die Deutschen sind das eine Problem. Weilerswist berichtet auch von teils respektlosem Verhalten junger männlicher Flüchtlinge. So wollten sich einzelne muslimische Männer in Tafeln in Nordrhein-Westfalen bei der Lebensmittel-Ausgabe von bestimmten Helfern nicht bedienen lassen - weil sie Frauen waren. Eine bundesweite Tendenz sei jedoch nicht festzustellen, betont der Bundesverband. Generell könnten Notsituationen, Existenzängste, Traumatisierungen und Sprachbarrieren Konflikte unter den verschiedenen Nutzergruppen schüren, sagt Brühl.