Saddam nickt eifrig, er weiß, wovon er spricht. Saddam ist ein Straßenkind. Seit drei Jahren lebt er in Indiens Hauptstadt Neu Delhi, sammelt Lumpen und Altpapier, um Geld für ein wenig Essen und einen Schlafplatz zu verdienen. Doch seit einem halben Jahr hat Saddam noch eine ganz andere Aufgabe: Er macht mit beim "Butterflies Broadcasting Children", einem Radiosender für Straßenkinder.
Organisiert wird der Radiosender, der sich in Anlehnung an die ehrwürdige britische Rundfunkanstalt BBC abkürzt, von der indischen Hilfsorganisation Butterflies. Sie setzt sich in Neu Delhi für die Rechte der Straßenkinder ein. Vor rund 20 Jahren wurde sie gegründet, inzwischen umfasst sie eine Theatergruppe, eine Kinderbank und eine eigene Gewerkschaft für Kinder. Das Radio ist das jüngste Projekt der Butterflies (Schmetterlinge): Vor fünf Jahren wurde es ins Leben gerufen - als Sprachrohr für Kinder, ihre Rechte und Sorgen. "In den normalen Medien wird die Perspektive von Straßenkindern kaum berücksichtigt", sagt Sunil Kumar, Sozialpädagoge und Leiter. "Mit unserem Projekt geben wir ihnen die Möglichkeit, über das zu sprechen, was ihnen wichtig ist."
Jeden Donnerstag treffen sich rund zwanzig Kinder in dem kleinen Studio, das die Organisation in ihren Räumen eingerichtet hat. Dann zieht sich Saddam sein bestes Hemd an, kämmt sich die Haare und nimmt den Bus in den Süden der Stadt - zur Konferenz des Kinderradios. Gemeinsam mit den anderen Kindern diskutiert er über das Leben auf der Straße: über die Prügel der Polizei, über sexuellen Missbrauch und auch darüber, was Kinder auf die Straßen Delhis getrieben hat - Streit mit den Eltern, Probleme in der Schule, Gewalt zu Hause. Gemeinsam mit Kumar nehmen sie am Mikrofon ihre Geschichten auf, ergänzt mit selbst gesungenen Liedern und kleinen Erzählungen wird daraus ein Audio-Beitrag. "Wie bei einem richtigen Radio", sagt Kumar. "Nur, dass wir bis jetzt noch keinen eigenen Sendeplatz haben."

Mit Kassette und Lautsprecher
Doch auch dafür haben die Kinder eine Lösung gefunden: Sie bringen ihr Radio kurzerhand selbst zu den Hörern. Die fertigen Beiträge überspielen sie auf Kassette, packen einen Lautsprecher ins Auto, fahren zu einem der Treffpunkte der Butterflies in den Straßen von Neu Delhi und spielen dort ihr Radioprogramm vor. "Uns ist wichtig, dass die Kinder möglichst viel selber machen. Wir Mitarbeiter sind eigentlich nur dazu da, um bei der Technik zu helfen und Ansprechpartner für ihre Fragen zu sein", sagt der Sozialpädagoge. Die einzige Grundregel: Jedes Kind, das etwas sagen will, muss im Beitrag zu Wort kommen dürfen.
Das Thema an diesem Donnerstag: Kinderarbeit. Die indische Regierung verschärft die Gesetze zur Eindämmung der Kinderarbeit immer weiter. "Das beschäftigt unsere Kinder natürlich sehr, denn sie arbeiten alle, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen", sagt Kumar. Nacheinander darf jedes Kind seine Meinung zur Kinderarbeit ins Mikrofon sprechen, danach nehmen sie eine kleine Diskussion auf. Der Erste am Mikrofon ist Mangal.
Der 14-Jährige wirkt älter, als er tatsächlich ist. Er ist groß und dünn, lacht nicht viel und wenn er vor dem Mikrofon sitzt, wird seine Stimme ernst und nachdenklich. Er spricht vom Recht der Kinder auf Bildung und davon, dass jedes Kind die Möglichkeit haben müsse, in die Schule zu gehen. "Also bist du gegen Kinderarbeit", fragt ihn Sunil im Studio. "Das ist schwer zu beantworten", sagt Mangal. "Das Arbeiten darf uns nicht vom Lernen abhalten. Auf der anderen Seite brauchen wir das Geld. Wovon sollten wir uns sonst etwas zu essen kaufen„" Sein Vorschlag: "Erst mal die Situation der Straßenkinder verbessern, bevor man ihnen den Lebensunterhalt nimmt."
"Ohne Geld kann man in Delhi nicht überleben", sagt auch Kumar. "Das ist hier nicht wie auf dem Land, wo man als Kind noch ab und zu etwas zu Essen zugesteckt bekommt. Hier verlangen sie sogar Geld für einen Schlafplatz im Park." Dass die Regierung nun eine Ausweitung des Verbotes der Kinderarbeit beschlossen hat, macht ihn wütend. "Das ist doch Heuchelei." Der Pädagoge unterstreicht jedes Wort mit einer Handbewegung, als wolle er ein Ausrufezeichen dahinter setzen. "Die Regierung sagt, Bildung statt Arbeit - aber wie soll das möglich sein, wenn es nicht genügend Schulen für die Kinder gibt“" Und: Wer lernt, hat keine Zeit zum Geldverdienen. "Arbeiten heißt Geld und Geld heißt Überleben", sagt Kumar und fügt hinzu: "Erst wenn der Staat garantieren kann, dass jedes Kind genug zu essen hat, dan n kann er auch die Kinderarbeit verbieten. Solange das nicht möglich ist, müssen die Straßenkinder arbeiten."
Damit zumindest für die Butterflies-Kinder Lernen und Arbeiten möglich ist, haben sich die Mitarbeiter dort etwas Besonderes ausgedacht: Mit einer Art mobilem Klassenzimmer fahren sie morgens und abends zu den Treffpunkten der Kinder und bringen ihnen Lesen und Schreiben bei.
Der Nachmittag ist fürs Arbeiten reserviert. Die meisten Straßenkinder sind - wie Saddam - "rag picker", Lumpensammler: Sie sammeln alles, was Geld bringen kann - Lumpen, Altpapier, leere Flaschen und Dosen. An guten Tagen verdienen sie bis zu sechzig Rupien, etwas mehr als einen Euro. "Davon kann ich dann zwei Tage lang leben", sagt Saddam.

Für Mädchen zu gefährlich
Genug Geld also, um es sich leisten zu können, einen ganzen Nachmittag im Studio zu verbringen. Rund zwanzig Kinder drängeln sich dort dicht an dicht auf dem Boden und auf den wenigen Stühlen und warten geduldig darauf, bis sie vor das Mikrofon gerufen werden. Was auffällt: Es sind nur Jungs, die an diesem Nachmittag im Studio sitzen. Was ist mit den Mädchen„ "Mädchen“", fragt Kumar ein wenig irritiert. "Nein, bei unserem Programm sind nur Jungs dabei. Wenn wir Mädchen auf der Straße finden, bringen wir sie gleich in eines der Heime - oder noch besser, zurück zu ihren Eltern." Als Mädchen auf der Straße leben? "Viel zu gefährlich", sagt Sunil.
Doch auch die Jungen haben kein leichtes Leben: Oft genug werden sie verprügelt, sexuell missbraucht und ausgeraubt. "Manchmal ist es ziemlich hart auf der Straße", sagt Mangal. Und genau darauf wollen die Butterflies-Kinder aufmerksam machen. Mangal: "Das Radio ist unsere Möglichkeit, den Menschen zu erzählen, was uns beschäftigt." Kumar nennt noch einen weiteren Vorteil: "Wenn die Kinder sich später um einen Arbeitsplatz bewerben, dann können sie mit unserem Projekt nachweisen, dass sie zuverlässig sind und sich ausdrücken können", sagt er. "Und vor allem können sie zeigen, dass sie motiviert sind."