Wann immer Baudirektor Eberhard Burger auf das wichtigste Werk seines Lebens schaut, sieht er Veränderungen. Die Kirche wächst Stein für Stein, für Außenstehende mitunter gar nicht sichtbar. Derzeit ist der Bau der Kuppel in vollem Gange. Ein Gerüst schützt den wohl schwierigsten Teil des Jahrhundertwerks vor schlechtem Wetter, zwangsläufig aber auch vor den Blicken Schaulustiger. Sie können lediglich sehen, wie die Steine per Kran in Schwindel erregende Höhen gelangen und dort in einem Wald von Gerüststangen verschwinden.
Die Baubühne - 50 Meter über dem Erdboden - ist nach den Bedürfnissen der Hauptdarsteller eingerichtet. Eine Dixi-Toilette ist genauso vorhanden wie Steinsägen und anderes Gerät. An den Arbeitsplatz gelangen die Bauarbeiter mit einem Fahrstuhl. Je nach speziellem Arbeitsort haben sie dann das Gerüst hinauf- oder hinunterzuklettern. Schwindelfrei müssen sie für den Job nicht unbedingt sein. Steife Planen verdecken den Blick in die Tiefe. Das Gerüst wirkt wie an die Kirche geklebt und stabil. Schließlich werden hier auch Steine gelagert. "Für jeden von uns ist die Baustelle eine einmalige Gelegenheit", sagt Vorarbeiter Stefan Richter. Die Geometrie einer Kuppel sei eine Herausforderung. "Das passiert einem vielleicht nur einmal in seinem Berufsleben. Obwohl der Computer alle Zeichnungen exakt vorgebe, sei dennoch Kreativität gefragt. Jedes Detail k&ou ml;nne selbst moderne Technik nicht wiedergeben. "Wir müssen uns praktisch in den Stein einfühlen", sagt der 38-jährige Baufacharbeiter.
Richter hat auf mehreren "historischen" Baustellen im Dresdner Stadtzentrum gearbeitet. Die Tätigkeit an der Frauenkirche erfüllt ihn mit Stolz. "Es wäre sträflich gewesen, wenn man diese Chance nicht genutzt hätte", sagt er mit Verweis auf die Diskussionen um den Sinn eines originalgetreuen Wiederaufbaus Anfang der 90er-Jahre: "Wir können nicht ewig mit einem Trümmerberg leben. Mit seinen alten und neuen Steinen bleibt das Gotteshaus ein Mahnmal für die Sinnlosigkeit eines Krieges."

Trümmerberg als Denkmal
Das sieht Kirchenbaurat Burger nicht anders. Von Beginn an hat er den Wiederaufbau geleitet. Vor zehn Jahren begann die "Enttrümmerung" jenes Bauwerkes, das einst den Ruhm Dresdens als Elbflorenz wesentlich mitbegründete. Bis zum 15. Februar 1945 kündete die steinerne Kuppel der protestantischen Kirche weithin sichtbar vom barocken Flair der Stadt und der Kühnheit des Baumeisters George Bähr (1666-1738). Auch die Luftangriffe auf Dresden in der Nacht vom 13. zum 14. Februar änderten daran zunächst nichts.
Am Morgen nach dem Inferno schien die 93 Meter hohe Kirche unversehrt. Erst am Vormittag des 15. Februar, als der Großteil der Innenstadt bereits in Schutt und Asche lag, stürzte das monumentale Bauwerk zusammen. Feuer war über zersprungene Fenster ins Innere gedrungen, fand im hölzernen Kirchengestühl Nahrung und machte den Sandstein mürbe. Von Anfang an hatten die Dresdner den Wiederaufbau ihrer Frauenkirche in Erwägung gezogen. Sofort nach dem Angriff begann die Stadt damit, die Trümmer wegzuräumen. Doch dann stoppten die Arbeiten. Bis zur Wende blieb ein Trümmerberg als Antikriegsdenkmal.
Dann sahen die Befürworter eines Wiederaufbaus ihre Chance. Dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) diente die Ruine als Kulisse für seinen ersten großen Auftritt in der DDR. Die Bilder machten an den Fernsehschirmen in aller Welt Dresdens Wunde offenkundig. Am 13. Februar 1990 ging auf Betreiben einer Bürgerinitiative der "Ruf aus Dresden" an die Weltöffentlichkeit.
"Wir wollen uns nicht damit abfinden, dass dieses einmalige und großartige Bauwerk Ruine bleiben soll oder gar abgetragen wird. Wir rufen auf zu einer weltweiten Aktion des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche", heißt es in dem Text. Nicht alle Einwohner der Stadt waren dafür. Viele wollten lieber dringend benötigte Wohnungen gebaut haben. Für derart profane Dinge ließ sich allerdings weltweit kein Spendengeld aufbringen. Dass die Kirche nach heutigem Maßstab rund 130 Millionen Euro kosten würde, bremste den Aufbauwillen nicht. Weltweit spendeten seither mehrere Hunderttausend Menschen, Firmen und Institutionen für das ehrgeizige Vorhaben.
"Ich bin froh, dass ich am Ende meines Berufslebens noch solch ein Projekt leiten kann", sagt der Baudirektor. Der 59-Jährige ist sich sicher, dass die zweite Frauenkirche qualitativ besser wird als ihre Vorgängerin, die von 1726 bis 1743 gebaut wurde. Dennoch ist die Hochachtung vor der Leistung der "Alten" allgegenwärtig. "Wir fragen uns manchmal, wie die das gemacht haben", sagt Burger.

Meisterstück Kuppelanlauf
Ein Meisterstück haben die neuzeitlichen Erbauer bereits 2002 vollbracht. Beim so genannten Kuppelanlauf musste die quadratische Grundform der Kirche in die kreisrunde der Steinernen Glocke umgewandelt werden. Die "Rundung der Quadratur" war bautechnisch der schwierigste Teil. "Dort gibt es skurril geformte Werksteine. Die Last der 13 000 Tonnen schweren Kuppel verteilt sich an dieser Stelle auf die Außenwände", erklärt Burger. Ein Zugring im Hauptsims hält die Außenmauern zusammen.
Der Kuppelanlauf dient als Fundament für die 24 Meter hohe und am unteren Durchmesser 26 Meter breite Steinglocke. Beim ersten Kirchenbau hatte sich genau diese Stelle als Schwachpunkt erwiesen. Regenwasser ließ den Sandstein hier bröckeln. Schon auf den Gemälden des Dresdner Stadtporträtisten Canaletto sind Handwerker beim Ausbessern zu sehen. Das soll nicht wieder passieren. Fortan wird das Wasser unterhalb der Abdeckplatten in eine Rinne abgeleitet.
Die Kuppel sorgte seinerzeit für Aufsehen. Das Besondere liegt in ihrer Glockenform. "Alle anderen Kirchenkuppeln saßen bis dahin mit ihrem zylindrischen Querschnitt direkt auf dem Unterbau auf. Damit wurden die Kräfte vertikal in den Baugrund geleitet", erklärt Burger. Der Kuppelanlauf der Frauenkirche hingegen verteilte die Lasten auf Pfeiler und Außenwände. Die Innenpfeiler konnten so schlanker werden.
Zu Zeiten Bährs war eine Kuppel aus Sandstein umstritten. Der Dresdner Ratszimmermeister hatte sie als preiswerte Alternative offeriert, weil das sonst üblicherweise verwendete Kupfer gerade sehr teuer war. Aber auch der Ehrgeiz des Baumeisters muss eine Rolle gespielt haben. Bähr ging nicht zuletzt wegen der Kuppel-Kosten finanziell zu Grunde. Die zu Beginn des Kirchenbaus veranschlagten Baukosten von insgesamt 82 555 Talern erhöhten sich zur Fertigstellung 1743 auf mehr als das Dreifache.
Als sich noch während des Baus Risse in der Kuppel bildeten, wurde zeitweilig sogar deren Abriss erwogen. "Die haben sich jahrelang gestritten. Bähr starb über dem Zwist", erzählt Burger. Die Risse waren in erster Linie ein Materialproblem. "Wenn an der Nordseite noch Raureif auf der Kuppel liegt und im Süden schon die Sonne den Stein wärmt, gibt es Spannungen", sagt der Experte. Damals war auch die Güte der gelieferten Sandsteine sehr unterschiedlich.

Kirchenweihe im Oktober 2005
Am Ende blieb die Kuppel steinern. "Unsere Vorfahren gingen mit Schäden lockerer um", meint Burger. Der neue Steinbau soll rissfest sein. Dazu greifen die Dresdner auf ein bewährtes Mittel zurück. Schon Bähr hatte zur Stabilität vier schmiedeeiserne Ringe in die Außenhaut der begehbaren Kuppel gelegt. Damit betrat er bautechnisches Neuland. Jetzt sollen sechs vorgespannte Stahlringe Risse verhindern. Experten für den Bau von Silos standen Pate bei der Konstruktion. Die Frauenkirche profitiert vom technischen Fortschritt.
Jeden Monat werden derzeit etwa 450 Kubikmeter Stein verbaut. 22 000 Kubikmeter sind es insgesamt. Auch Trümmerstücke werden eingefügt, doch nicht alle können verwendet werden. Burger geht davon aus, dass am Ende etwa 55 Prozent der Bausubstanz neu ist. Parallel zur Arbeit an der Kuppel läuft der Innenausbau.
Der Zeitplan bis zur Weihe der Kirche am 30. Oktober 2005 liegt detailliert fest: Bis Pfingsten werden die acht Glocken eingebaut, am 30. Juni ist die Kuppel fertig. Im Juli 2004 ist die Frauenkirche in der äußeren Gestalt vollendet. Nach dem Innenausbau folgt nur noch die Intonation der Orgel. Während die Kirche in die Höhe wächst, geht zu ebener Erde das Werben um Spenden weiter. Derzeit fehlen noch rund 16 Millionen Euro. In Dresden glaubt freilich niemand, dass die Vollendung der Frauenkirche am Geld scheitern könnte.