Auch diesmal haben sie sich vor der Sitzung wieder kräftig verbal aufgemuskelt. Die starken Männer rund um Deutschlands bekannteste Pannenbaustelle. Ihre Motivation ist klar. Die Politiker aus Berlin und Potsdam wollen Stärke zeigen. Schließlich sind sie es, die ihrem Wahlvolk seit Langem und wohl noch ziemlich lange erklären müssen, dass am Hauptstadtflughafen der Zukunft zwar kein Flugzeug landet oder abhebt, der BER aber schon jetzt jeden Tag rund eine Million Euro kostet und ein Eröffnungstermin bisher nicht genannt werden kann.

Und so sagte beispielsweise Brandenburgs Vize-Ministerpräsident Christian Görke (Linke), als es um die Vertragsverlängerung für BER-Chef Hartmut Mehdorn ging, "Kein Kommentar!" Kein Kommentar ist in diesem Fall eben doch ein Kommentar, denn Rückendeckung sieht anders aus.

Gleichzeitig waberten tagelang Spekulationen durch das politische Potsdam und das Rote Rathaus, wonach man schon mal nach einer Alternative für Mehdorn Ausschau halte. Am Ende wurden die Gerüchte dementiert und offenbar schon eingefädelte Gesprächstermine kurzfristig wieder abgesagt.

Auf der anderen Seite brachte Hartmut Mehdorn seine "Kanonen" in Stellung. Er griff zum Füller und schrieb wie in schlechten alten Zeiten Briefe an die ihn überwachenden Politiker. Er beschwerte sich über mangelndes Vertrauen und mutierte beim Schreiben zum "Management-Rumpelstilzchen", nicht nur weil ihm künftig externe Controller auf die Finger schauen sollen, sondern weil er die ungeliebte Überwachung auch noch aus der Flughafenkasse bezahlen soll.

Ausgesprochen wurde es nie, aber Beobachter sollten wohl schon den Eindruck haben, dass der 72-jährige Manager sich durchaus auch vorstellen könne, mit Frau und Enkelkindern einen entspannten Lebensabend in Südfrankreich zu genießen.

Neue Gesichter

Eine bisher immer laute Stimme fehlte diesmal im Chor der starken BER-Männer. Der Regierende Bürgermeister und Aufsichtsratschef a.D. Klaus Wowereit wird heute zwar auch zur Aufsichtsratssitzung kommen, aber nur, um sich jovial und ganz bestimmt mit ein paar markigen Sprüchen gut gelaunt und mit viel Schulterklopfen aus dem Gremium in den selbst gewählten Ruhestand zu verabschieden.

Dafür tritt ein anderer starker Mann ein bisschen weiter ins Rampenlicht. Für Brandenburgs Flughafenkoordinator Rainer Bretschneider (SPD) erfüllt sich nämlich ein lange gehegter Wunsch. Er wird als Stellvertreter des bisherigen Aufsichtsratschefs Klaus Wowereit die Sitzung leiten und gleich zu Anfang drei neue Aufsichtsratsmitglieder begrüßen. Das ist neben dem neuen Regierenden Bürgermeister von Berlin Michael Müller (SPD) und der Brandenburger Finanzstaatssekretärin Daniela Trochowski (Linke) auch der Management-Hochkaräter Axel J. Arendt.

Bretschneider wäre gerne Wowereits Nachfolger an der Aufsichtsratsspitze geworden, aber daraus wird nichts. Sein Chef, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), hatte nämlich signalisieren lassen, dass er sich den Controlling- und Managementexperten Arendt als Chefaufseher vorstellen kann. Doch so schnell "wählen" die Preußen und vor allem ihre Berliner Partner nicht. Die Hauptstädter um Michael Müller fühlten sich nämlich überrumpelt, wollen sich den 65-jährigen Arendt jetzt erst einmal anschauen und dann weiter sehen. Deshalb ist davon auszugehen, dass der Aufsichtsrats-Spitzenposten erst bei der nächsten Sitzung im Februar neu besetzt wird. Arendt gilt als außergewöhnliches Talent, der auf eine bemerkenswerte Karriere zurückblicken kann. Er war nicht nur viele Jahre Controlling-Manager bei Daimler, sondern auch Deutschland-Chef von Rolls-Royce und dabei maßgeblich für den Bau des Werkes im brandenburgischen Dahlewitz (Teltow-Fläming) verantwortlich. Besonders beachtlich: Arendt leitete auch die Rolls-Royce-Verteidigungssparte. Das ist kein Posten, den der britische Konzern einem Ausländer hinterher wirft.

Das ist die Ausgangslage vor der heutigen Aufsichtsratssitzung, bei der es weitaus weniger um maskuline Eitelkeiten und Machtspiele als vielmehr um Zahlen, Fakten und ganz sicher auch um Daten gehen wird.

Zu spät geliefert

Erstes wichtiges Datum dabei ist der 19. Dezember. In genau einer Woche nämlich ist nach früheren Aussagen von BER-Finanzchefin Heike Fölster die BER-Kasse leer.

Zwar hatte der Aufsichtsrat in seiner Sitzung im September nach monatelangem Ringen einem Nachschlag von 1,1 Milliarden Euro zugestimmt. Aber das Geld ist nicht da.

Erst muss nämlich auch die EU-Kommission in Brüssel ihren Genehmigungsstempel unter die Geldfreigabe setzen. Die notwendigen Unterlagen dafür hatte die Flughafengesellschaft aber erst vor knapp drei Wochen komplett geliefert. Ab dem 20. Dezember dürfte die Flughafengesellschaft also erst einmal in den teuren Dispo rutschen, der zusätzliches Geld verschlingt.

Knackpunkt Schallschutz

Trotz all der finanziellen und personellen Nebenkriegsschauplätze soll es bei der Aufsichtsratssitzung aber tatsächlich auch um die Fertigstellung des künftigen Hauptstadtflughafens gehen.

Mehdorns Sprint-Arbeitsgruppe wird einen aktuellen Bericht zu ihren Fortschritten und Pläne präsentieren. Dabei geht es vor allem um das Hauptterminal, das bis spätestens Herbst 2016 bautechnisch abgenommen sein muss. Dann nämlich endet die gültige Baugenehmigung für das Gebäude.

Für Zündstoff könnte heute auch noch einmal die für das nächste Jahr geplante Sanierung der alten Nordbahn sorgen. Wenn es nämlich nicht gelingt, den aktuellen Schallschutz-Kleinkrieg in der Region um die neue Südbahn nachhaltig zu beenden, droht der Nordbahnplan zu scheitern.

Weitere Themen sind die jetzt schon wieder notwendige Erweiterung der Fluggastkapazität und der Gepäckausgabe. Längst ist klar, dass der BER bei seiner Eröffnung zu klein sein wird.

Das übrigens ist von Anfang an eines der Grundprobleme am BER, der genau deshalb zum Pannen-Airport wurde. Seit Beginn der Bauarbeiten wird nämlich auf den Maßen der einst in der Erde versenkten Fundamente ein ständig wachsender Flughafen improvisiert. Das BER-Improvisationstalent war dabei in der Vergangenheit oft größer als die beherrschbaren technischen Möglichkeiten.

Am Motzener See wird heute hinter verschlossenen Türen um den richtigen Weg zu einer Eröffnung des BER gerungen. Spannend ist die Frage, ob es mit den neuen Gesichtern im Aufsichtsrat endlich auch neuen Schwung für Deutschlands größtes Infrastrukturprojekt gibt.