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Die Stadt nach der Flut

Cinco Ranch. Rettungseinsatz mit Booten
Cinco Ranch. Rettungseinsatz mit Booten FOTO: Frank Herrmann
Houston. Früher schlängelte sich die Mason Road durch gepflegtes Suburbia, typisches Vorortmilieu mit akkurat gemähten Rasenflächen und Basketballkörben an den Bürgersteigen. Heute führt sie durch eine Landschaft, die Benny Pastora einen apokalyptischen Alptraum nennt. Ein furchtbarer Gestank liegt über dem Viertel, scheinbar sinnlos ragen Stoppschilder aus dem Wasser, vereinzelt auch Autodächer. Über dem Schlamm am Rand des Sees schwirren riesige Libellen, während Mückenschwärme Jagd auf nackte Waden machen. Frank Herrmann

Es ist der Tag fünf nach der großen Flut, der fünfte Tag nach dem apokalyptischen Sonntag, an dem der Tropensturm Harvey einen Regen nach Houston brachte, wie ihn noch keine amerikanische Stadt erlebt hat. Während das Wasser in den meisten Vierteln so weit gesunken ist, dass auf den Straßen der Verkehr wieder rollt, ist an der Mason Road kein Ende des Elends in Sicht. Wo die Allee mit ihren blühenden Myrten beginnt, grenzt sie an ein Rückhaltebecken, von dem die Houstonians inzwischen sprechen wie von einem Damoklesschwert. Noch nie musste das Barker Cypress Reservoir in so kurzer Zeit so viel Wasser auffangen. Um es nach und nach ablaufen zu lassen, werden Schleusen geöffnet. Dennoch bleibt die Gefahr, dass die altersschwachen Deiche dem noch immer enorm hohen Druck der Wassermassen nicht standhalten, dass sich eine Flutwelle Richtung Innenstadt wälzen könnte. "Es ist die Wahl zwischen zwei Übeln", sagt Pastora. "Und sie haben sich für das kleinere entschieden."

Das kleinere Übel bedeutet, eine Einfamilienhaussiedlung namens Cinco Ranch, rund 40 Kilometer westlich der glitzernden Bürotürme der Downtown, auf absehbare Zeit unter Wasser zu setzen. Drei Wochen, hat Pastora von seinem Sheriff gehört, wird es wohl dauern, bis man wieder durch Cinco Ranch laufen kann, ohne bis zu den Hüften in brauner Brühe zu versinken. Der Mathematiker hält den Zeitplan für viel zu optimistisch. "Drei Wochen oder drei Monate, wer weiß das heute schon so genau."

Cinco Ranch ist untergegangen in einer Kloake. Die Kanalisation hat offenbar Schaden genommen, sodass Exkremente im Wasser schwimmen. Gerüchte gehen um, dass es nur so wimmelt von Schlangen. Bis Sonntag hat Benny Pastora in dem Viertel gewohnt, Dozent einer Universität, verheiratet mit Helen, einer Violinistin, die einmal bei einem Konzert der drei Tenöre - Domingo, Pavarotti, Carreras - spielen durfte. 1995, damals brauchten sie Platz für ihre fünf Kinder, kauften sie ein geräumiges Haus in Cinco Ranch. In einer Straße, deren Name klingt wie aus einem Märchenbuch. Everhill Circle. Houston wuchs und wuchs, die Immobilienentwickler klotzten Siedlungen mit monotoner Architektur und wohlklingenden Namen ins Umland, auch direkt neben ein Auffangbecken im Westen der Stadt. Als das Barker Cypress Reservoir in den 1930er Jahren angelegt wurde, in Regie des Ingenieurkorps der US-Armee, soll die Army davor gewarnt haben, in seinem Umkreis Häuser zu bauen. Nach Harvey scheinen sich alle wieder daran zu erinnern. Vor Harvey, als Houston keine Tempobremse kannte, hatte man es entweder vergessen oder im Überschwang ignoriert, es ist im Nachhinein schwer auseinanderzuhalten.

Was Pastora ganz sicher weiß, ist, dass er von vorn anfangen muss. Schimmlige Gipswände herausreißen, Kühlschrank, Waschmaschine, Trockner, die Möbel im Parterre ersetzen. Aber das sind die Sorgen für später. Zunächst geht es darum, Pinto und Taira zu retten, die beiden Katzen. Weil Helen besser mit ihnen kann, ist sie in ein Boot gestiegen, um nach den beiden zu suchen. In ein Airboat, eines dieser Dinger mit Propellerantrieb am Heck, wie sie in den Everglades in Florida durch seichte Sumpfgewässer düsen. Casey Fletcher, der Kraftwerksingenieur, dem so ein Boot gehört, ist spontan nach Cinco Ranch gekommen, um zu helfen. Troy E. Nehls, der zuständige Sheriff, hat den Bewohnern der versunkenen Siedlung per Facebook angeboten, dass sie sich am trockenen Ende der Mason Road einfinden können, um ihre zurückgelassenen Haustiere zu bergen. Es ist ein kleiner Zoo, der da an Land gebracht wird. Katzen, Wellensittiche, Papageien, sogar ein Leguan, reglos in einem Glaskubus liegend. Benny Pastora wartet auf Pinto, den gescheckten Kater, und Taira, eine Schönheit mit pechschwarzem Fell.

Als sie Hals über Kopf fliehen mussten, gerettet von der "Cajun Navy", einer Armada von Freiwilligen aus Louisiana, konnten sie nur das Allernötigste mitnehmen. Dann kam Nehls mit seiner Idee. Sie klang verwegen, zumal es riskant sein kann, sich in die Nähe der leeren Häuser zu wagen. Überall hängen abgerissene Stromkabel, nicht weit von hier wurden zwei Helfer durch einen Stromschlag getötet, nachdem sie gekentert waren. Fragt man Troy Nehls, ob das Risiko nicht zu hoch sei, wo es doch nur um ein paar Haustiere gehe, antwortet er wie ein erfahrener Seelentherapeut. "Es gibt so viele Kinder, die Alpträume haben nach allem, was sie durchmachen mussten. Wenn ich denen wenigstens etwas zurückgeben kann, was sie beruhigt, hat sich die Sache gelohnt." Mit seinem Cowboyhut wirkt der drahtige Mann fast schon filmreif, als hätte ihn Hollywood engagiert, um die Rolle eines Sheriffs zu spielen, wie er perfekt dem Texas-Klischee entspricht. Andererseits ist sich Troy Nehls nicht zu schade, vom Boot aus in schmutziges Wasser zu springen, bekleidet mit Gummihosen, um zu aufgegebenen Häusern zu waten, abwechselnd mit Trevor, seinem Zwillingsbruder.

Am entgegengesetzten Ende der Stadt, in einem Vorort namens Crosby. Weiße Zäune, Kuhweiden, Pferdekoppeln. Von Fluten ist kaum noch etwas zu sehen, und bis zu Dan Harris‘ Ranch auf einem Hügelchen an der Euell Road sind sie ohnehin nie gekommen. Dafür durchlebt Crosby die Katastrophe nach der Katastrophe. In der Nacht zum Donnerstag wurden die Bewohner von zwei Explosionen in einem Chemiewerk aus dem Schlaf gerissen. Da Notstromaggregate in fast zwei Meter hohem Wasser versanken, die vom französischen Betreiber Arkema benutzten Chemikalien aber ständig gekühlt werden müssen, kam es zur Havarie. Schwarzer Rauch zwang die Behörden zum Handeln, im Umkreis von zweieinhalb Kilometern wurde die Gegend rings um die Fabrik evakuiert. Harris wohnt nur wenige Meter außerhalb der Sperrzone. Er sitzt in einem Golfcart, neben ihm sein Pitbull Bruno, und verbreitet gute Laune. Solange ihn keiner auffordert, denkt er gar nicht daran, wegzuziehen.

Die geradezu biblischen Regenfälle sieht Harris als einen Ausnahmefall, für den man einfach nicht planen könne. "Du kannst kein Unternehmen zwingen, sich für einen Sturm zu wappnen, wie es ihn alle fünfhundert Jahre nur einmal gibt", sagt er. "Du kannst keinem vorschreiben, dass er sich auf eine 52-Inch-Flut einzustellen hat. Das wäre zu teuer." 52 Inch entsprechen 132 Zentimetern, solche Regenmengen hat Harvey nach Houston gebracht. 52, es ist die Zahl, die sich im kollektiven Gedächtnis der Stadt festhaken wird. Harris, dessen Hände an Bärenpranken denken lassen, hat lange auf Baustellen gearbeitet. Später gründete er seine eigene Firma und bastelte an Motoren für Rennwagen. "Bist du Demokrat, dann ist die globale Erwärmung an allem schuld. Bist du Republikaner, glaubst du daran, dass die Erde natürliche Zyklen durchläuft", sagt er zum Thema Klimawandel. Wo er selber steht, daran lässt er keinen Zweifel. "Al Gore hat Millionen mit seinem Weltuntergangsgerede verdient. Aber ein Hurrikan ist ein Hurrikan. Was willst du dagegen machen?"

Bei weitem nicht jeder in Houston sieht das so. Es gebe nun mal diesen unsichtbaren Elefanten im Raum, auch wenn mancher nicht über ihn reden wolle, schreibt Vernon Loeb, der Chefredakteur des "Houston Chronicle". Dieser Elefant namens globale Erwärmung sei hier in Amerika, so wie es ihn auch in Afrika, in Nahost und der Antarktis längst gebe, ob man ihn nun wahrhaben wolle oder nicht. Immer häufiger auftretende extreme Wettereignisse seien die logische Folge. Ob Harvey einen Wendepunkt der amerikanischen Klimadebatte markiert, sogar in Texas? Auch Juan Barras findet, dass es höchste Zeit wäre. Andererseits weiß er nur zu gut, mit welchem Markenzeichen Houston für sich wirbt: Energie-Kapitale der Welt. In einer Stadt, in der alles am Öl und am Gas hängt, der Wohlstand, die Steuereinnahmen, die Spenden für lokale Politiker, in so einer Stadt habe ökologische Weitsicht einen sehr schweren Stand, auch nach Harvey, glaubt Barras. Vor Jahren gründete er eine Umweltgruppe, Texas Environmental Justice Advocacy Services, abgekürzt Tejas. Den Anstoß gab die Dauerkrise in Manchester, einer Industriegemeinde im Osten Houstons, die auf drei Seiten von Raffinerien umgeben ist und auf der vierten von einer Bahnlinie. Schäbige Wohnbaracken stehen direkt neben Öltanks, nur durch ein schmales Asphaltband von ihnen getrennt. "Diesen Zustand haben wir an 365 Tagen im Jahr, nicht nur, wenn ein Sturm für Aufsehen sorgt", sagt Barras. "Nur machen sich Giftwolken im Fernsehen natürlich nicht so gut wie überflutete Straßenzüge."

Kim Le findet, dass es nirgends auf der Welt eine bessere Stadt gibt als Houston. Nie im Leben würde sie wegziehen, betont die 25-jährige Zahnarzt-Assistentin, deren Eltern aus Vietnam stammen. Dieses Zusammenstehen in der Not, wie jetzt gerade, das sei das wahre Houston. Am Tag fünf nach Harvey sitzt Kim Le am Eingang einer Messehalle, um Evakuierte zu registrieren, gegenüber einer Stadionschüssel, in der die Houston Texans Football spielen. Auf Tischen stapeln sich Babywindeln, Zahnbürsten, Seifenschachteln, Socken, Hemden, Hosen, alles gespendet. Am Mittwoch wurde das NRG Center zur Notunterkunft, um ein überfülltes Aufnahmelager in der Innenstadt zu entlasten. Abends bekam die Hilfsorganisation Baker Ripley den Auftrag, sich um die Geflohenen zu kümmern. Am nächsten Morgen standen draußen dreitausend Freiwillige Schlange, erzählt Frida Villalobos, die Sprecherin von Baker Ripley. Die meisten mussten sie nach Hause schicken, zumal sich der Ansturm der Evakuierten in Grenzen hielt. Das kann sich schlagartig ändern, etwa dann, wenn der Pegel des Brazos River bis zum Wochenende noch ansteigen sollte, wie es Meteorologen prophezeien, und womöglich weite Gebiete in der Nähe der Metropole überschwemmt werden. Doch im Augenblick geht es eher entspannt zu im NRG Center. Ein Rapper rappt, die Helfer lächeln. Kein Vergleich mit New Orleans, wo die Menschen 2005, als Katrina ihre Stadt verwüstete, unter unwürdigen Bedingungen im Superdome hausten.

Dennoch, Sherry Roberts hadert noch immer mit den lokalen Behörden, die aus ihrer Sicht anfangs nicht einmal annähernd den Ernst der Lage begriffen. Roberts, eine alleinstehende Afroamerikanerin, machte sich Sorgen, weil Harvey heranzog und es keinerlei Informationen über Notunterkünfte gab. Sie rief bei der Stadtverwaltung an und bekam zur Antwort, dass sie zu Gott beten solle, falls es schlimm komme. "Ich bin zwar gläubig, aber das war nicht die Antwort, die ich hören wollte."

In Cinco Ranch hat Benny Pastora gut eine halbe Stunde am Ufer des stinkenden Sees ausgeharrt, bis das Boot mit seiner Frau an Bord um die Ecke biegt. Mit Helen und einem Käfig. Pinto, der Kater, ist wieder da. Kaira, erzählt Helen, ergriff die Flucht, als sich der Rettungstrupp näherte. Sie haben ihr Wasser und Nahrung dagelassen. Sie wird es schaffen, glaubt Benny Pastora.