"Schön sind die Morgenstunden, wenn die Sonne rasch emporsteigt, die langen Schatten der Fabrikschlote die Finger ausstreckend, wenn der Strom der Menschen und Fahrzeuge allmählich in die Industriezonen abfließt. Wenn die Stadt ihren Arbeitstag beginnt." So poetisch klingt bulgarischer Sozialismus in deutscher Übersetzung. Elena Georgieva, Direktorin des Historischen Museums Dimitrovgrad, holt die alten Bände aus den 70er- und 80er-Jahren aus einem Schrank hervor und breitet sie auf dem Sofatisch in ihrem Arbeitszimmer aus: bunte Bilder von zufriedenen Arbeitern, rauchenden Chemiekombinaten, Frauen, die mit Kinderwägen vor ordentlichen Wohnblocks auf- und abfahren.
Im Jahr 1947 trifft der Ministerrat der Volksrepublik die Entscheidung, dass in der südbulgarischen Ebene auf dem Gebiet der drei Dörfer Rakovski, Marijno und Tschernokonjovo ein Werk für Kunstdünger erbaut werden soll. Für ein derart großes Projekt - immerhin das erste große chemische Werk Bulgariens - benötigte man Arbeitskräfte. Und die mussten irgendwo untergebracht werden. Also beschloss man, neben dem Industriekomplex auch eine Stadt aus dem Boden zu stampfen und benannte sie nach dem größten bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitrov.
Zwischen 1947 und 1950 begannen 50 000 Brigadiere Dimitrovgrad, die "erste sozialistische Stadt" Bulgariens, zu errichten. Ein Jahr vor der Gründung der Stadt zählte das Gebiet 9000 Einwohner, zehn Jahre später waren es schon 35 000, in den 80er-Jahren schließlich über 50 000.
Dimitrovgrads einstiger Stolz - die Schwerindustrie - rostet heute vor sich hin. Die Industriezone, die sich wie ein Gürtel um die Stadt zieht, besteht heute größtenteils aus Ruinen. Die Kohlegruben existieren nicht mehr. Das Chemiewerk kommt nach der Privatisierung mit einem Bruchteil des Personals aus. Und die ehemalige große Textilfabrik, das "Polyester-Kombinat", ist mittlerweile geschlossen.
Eine Erfolgsgeschichte des freien Marktes gibt es jedoch, und alle können sie erzählen: Es ist die Geschichte von Mitko Dimitrov. Nicht nur seinem Namen nach ist der Geschäftsmann ein echtes Kind dieser Stadt. Früher arbeitete er als Maschinenbauingenieur im Polyester-Kombinat. Seit Kindertagen ein Musikliebhaber und Technikfreak, begann er auf seinem Pioneer-Audiodeck Kassetten zu überspielen. Schon bald verpassten ihm Freunde in Anlehnung an Pioneer den Spitznamen "Mitko Paynera". Als der Geschäftsmann im Jahr 1990 sein eigenes Label gründete, machte er diesen zur Trade Mark.
Das Erfolgsrezept von "Payner Music" ist bulgarischer Popfolk. Tschalga, so die bulgarische Bezeichnung des Genres, ist die populärste Musik im Land. Popfolk ist überall, und selbst wenn man wollte - man kann ihm nicht entkommen. Der Synthiepopsound, mit Motiven aus der Folklore der Balkanländer, orientalischen Rhythmen und schmachtendem Gesang versetzt, ist allgegenwärtig im Radio, in Bussen und Cafés sowie an anderen öffentlichen Orten des Landes. Zum Firmenimperium gehören der Musiksender "Planeta TV", der via Satellit sendet, sowie die auf Franchising-Basis funktionierende Discotheken-Kette "Planeta Payner".
Für den Sitz eines Imperiums sieht das Headquarter der Plattenfirma erstaunlich schmucklos aus. Nur die Aufschrift "Payner Music Company" weist darauf hin, dass sich hinter dem dreistöckigen weißen Gebäude kein normales Einfamilienhaus verbirgt. Im Inneren des Hauses reiht sich ein kleines Büro an das nächste. In einem schlicht eingerichteten Raum erklärt der PR-Manager Ljubomir Kostadinov, warum gerade "Payner" der Marktführer im Folkmu sik-Business ist. "Wir haben alles unter Kontrolle", sagt er zufrieden.
Zu Beginn der 90er-Jahre war Tschalga wegen seiner vulgären Texte, provokativen Posen und amateurhaften Videos in aller Munde. Die Folk-Stars exerzierten vor, was sich alle vom Kapitalismus wünschten: ein Ding drehen und ausgesorgt haben, ein Leben in Luxus und Hedonismus, guter Sex, dicke Autos. Viele kleine Firmen experimentierten auf dem neu entstandenen Markt herum. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Produktionen sind professionell geworden, klar normierte Produkte in einem Genre, das immer westlicher und uniformer wird.
Anelia, Malina, Emilia, Gloria, Preslava, Gergana, Kamelia. Hier in Dimitrovgrad werden die Stars gemacht, die das Land erobern. Abends trifft sich die Jugend in Internetclubs und Cafes, viele andere Möglichkeiten gibt es hier nicht. An Orten wie diesen scheint der Popfolk am besten zu funktionieren. Auch die Mädchen und Jungs aus der Hauptstadt des Tschalga wollen wie ihre Idole aussehen.
Der große Platz vor dem Hochhaus der Gemeindeverwaltung ist am Abend leergefegt. Früher stand in der Mitte ein mächtiges Denkmal von Dimitrov. Bei Hochzeiten und anderen festlichen Anlässen hielten die Bewohner hier den obligatorischen Fototermin ab. Ein paar Leute wollen es wiedererrichten lassen - zwar nicht im Zentrum, aber an einem anderen Platz der Stadt. Und es soll auch Geschäftsmänner geben, die die Statue kaufen und sich auf ihr Grundstück stellen wollen. Ganz gut wäre der stählerne Georgi vermutlich bei Mitko Paynera aufgehoben. (n-ost)