Der junge Mann wirkt teilnahmslos. Als wäre es nicht seine Hand, von der Kriminaltechniker Axel Englert gerade einen Abdruck nimmt, nicht sein Gesicht, das der Beamte wenige Minuten später frontal und im Profil ablichtet. Der Drogenabhängige hat an diesem späten Vormittag noch 0,5 Promille intus. Mit 2,4 haben ihn Streifenpolizisten nachts in der Cottbuser Innenstadt angetroffen. Auf einem Fahrrad, das vor einer Woche gestohlen gemeldet wurde.
Englert - 56 Jahre, seit 26 Jahren bei der Polizei, seit zwölf Kriminaltechniker - knurrt mit finsterer Miene: „Jetzt kannst du gehen.“ Kollege Fred Arndt wartet schon vor dem Erkennungsdienstzimmer, um den Verdächtigen zu vernehmen. Viel wird Arndt nicht von ihm erfahren. Er gesteht den Diebstahl nicht, sagt nur, wo er zu erreichen ist, damit ihn das Gericht laden kann.
Kriminaltechniker Englert gibt derweil die Fingerabdrücke des Drogenabhängigen ins Afis. „Automatisches Fingerabdruckidentifizierungssystem“ , erklärt er. In die Datenbank kommen auch die Fotos des jungen Mannes und Angaben zur Person. Bundesweit kann die Kripo auf die Informationen zugreifen. Von den meisten Straftätern ist auch die DNA mit einem Buchstaben-Zahlen-Code in der Datei erfasst. „Das hilft natürlich unheimlich“ , sagt Englert. Oft sind DNA-Spuren - Haare, Hauptpartikel, Speichel- oder Blutspuren - die einzigen Hinweise auf den Täter.
Es ist später Vormittag und die Männer von der K-Wache, wie sie selbst ihre Kriminalwache nennen, haben schon eine Menge zu tun gehabt. Arndt und Englert sind gleich nach Beginn ihrer Frühschicht in Cottbus-Sandow unterwegs. Rechtsextreme hatten in der Nacht drei Hauswände beschmiert. Englert, der Kriminaltechniker, kratzt Farbspuren ab, sieht sich Schuhabdrücke an und macht Fotos für seinen Spurensicherungsbericht. Arndt, der Sachbearbeiter, spricht mit dem Hausmeister und bestellt einen Fährtenhund.
In der Hainstraße kommt der Hund sogar ein paar Hausnummern weit. Dann verliert sich die Geruchsspur. Die abgekratzten Farbpartikel aber können noch mal wichtig werden, um sie mit dem Sprühdosen-Inhalt zum Beispiel von in flagranti Ertappten zu vergleichen. Von Sandow fährt Englert nur kurz zurück zur K-Wache am Bonnaskenplatz, dann gleich weiter nach Briesen (Spree-Neiße). „Manchmal fahren wir länger, als wir dann am Tatort zu tun haben“ , erzählt Englert am Steuer eines Kleintransporters, der voll gepackt ist mit Ermittlungstechnik.
Die K-Wache mit ihren 18 Sachbearbeitern und neun Kriminaltechnikern hat in Cottbus und im ganzen Landkreis Spree-Neiße zu tun - immer dann, wenn den Kollegen von den Wachen vor Ort Zeit und Mittel fehlen für eine zügige und aufwendige Tatort-Arbeit. Dann rufen sie in Cottbus an.

Von der Leiche bis zur Speiche
In Briesen haben das zwei Streifenpolizisten getan, die jetzt in einem Gewerbegebiet auf die beiden Experten warten. Englerts Sachbearbeiter-Kollege ist diesmal Maik Röhner, weil Arndt noch in Sandow mit den Nazi-Schmierereien zu tun hat. „Einbruch und Diebstahl“ , melden ihnen die Streifenpolizisten. Eine Tür wurde nachts aufgebrochen, ein Tresor gestohlen. „Nebenan hat keiner etwas gesehen.“ Die Beamten haben gut vorgearbeitet.
Röhner spricht mit einem Schlosser, der ihm die Einbruchsspuren an der Tür zeigt. „Ein großer Schraubendreher“ , vermutet Röhner. Eine Fußabdruckspur zu nehmen, habe keinen Sinn. „Da haben schon zu viele drin rumgetreten.“ Schnell wird klar: Über mehrere Zwischenräume kamen die Einbrecher bis ins Büro. Dort steht ein Tisch, ein Bein abmontiert. Darunter stand der Tresor. Englert findet auf dem Tischbein einen Fingerhandschuh-Abdruck. Die Fotos vom Tatort hat er schon gemacht.
„Der Job ist abwechslungsreich“ , erzählt Röhner auf dem Weg zurück in die K-Wache. „Wir machen ja alles von der Leiche bis zur Speiche.“ Nicht nur solche Bagatellkriminalität wie in Briesen. Vor zehn Tagen, als ein 63-Jähriger vor einer Bank in Cottbus niedergestochen und ausgeraubt wurde, habe die Spurensuche sechs Stunden gedauert.
Der 42-Jährige hat vorher bei der Kripo im Sachbereich Leben/Gesundheit gearbeitet. Als im Jahr 2002 das landesweit einmalige Pilotprojekt K-Wache anlief und aus allen Sachbereichen der Kripo Kollegen für diese Rund-um-die-Uhr-Einsatzgruppe zusammengezogen wurden, hat sich Röhner freiwillig gemeldet. „Ich komme häufiger raus und sitze weniger am Schreibtisch.“ Der Schichtdienst schlauche allerdings. Auch mache ihn die Arbeit abgebrüht. „Ich weiß nicht, ob das so gut ist.“ Es dauert eine Weile; bis Röhner etwas einfällt, das ihn emotional besonders berührt hat. „Nahe Forst ist vor ein paar Jahren ein Kind in einem Löschteich ertrunken.“
Seine Leute sind psychisch stark belastet, sagt K-Wache-Chef Dietmar Zieschow in seinem Büro am Bonnaskenplatz. Wie sie ist auch er selbst leger in zivil gekleidet. Mit seinen langen Haaren sieht Zieschow nicht unbedingt aus wie ein Polizist.
„Die Kollegen“ , erklärt er, „müssen sich ständig auf neue Situationen einstellen und viele unangenehme Dinge tun.“ Zum Beispiel Beweise sichern, während die Leiche noch am Tatort ist. Kriminaltechniker Englert war in Forst (Spree-Neiße) im Einsatz, nachdem dort ein Obdachloser erstochen, ihm dabei Ohr und Penis abgeschnitten worden sind. Oder wenn ein Kind stirbt - „das muss den Eltern ja auch jemand mitteilen.“ Dazu komme der Wochenend-Dienst mit den Zwölf-Stunden-Schichten. „Gerade von Donnerstag bis Samstag passiert aber immer am meisten.“

Eigentlich nie Feierabend
Der 47-Jährige Cottbuser leitet die K-Wache erst seit Anfang Juli diesen Jahres. Denn erst seit Juli ist sie als eigenständiger Sachbereich vom Innenministerium anerkannt und aus der Pilotphase entlassen. In den wenigen Wochen hat Zieschow schnell gemerkt: „Ich habe eigentlich nie Feierabend.“ Er sagt er das aber so, als mache ihm das nichts aus.
Zieschow findet so schnell kein Ende, wenn er einmal anfängt über seine K-Wache zu reden. „Die Aufgaben sind so vielfältig, das ist irre.“ So spricht er denn von Gefangenensammelstellen für Hooligans und Rocker, von Stadionwachen bei Energie-Spielen, von jugendlicher Gruppengewalt und Straßenkriminalität, von Rohheitsdelikten und zeitnaher Beweisführung. Daneben müsse der Mann, der die Fäden in der Hand hält, auch ständig Absprachen treffen - bei der Frühlage-Besprechung mit dem Chef der Kripo, mit den Fachabteilungen im Haus, wenn die K-Wache ihre Fälle zum Weiterbearbeiten weitergibt. Abstimmen müsse er sich auch mit Landes- und Bundeskriminalamt, mit Jugendhilfe, Staatsanwaltschaft, Zoll, Bundespolizei . . .
Doch gibt es Momente, da lässt Dietmar Zieschow die Hand vom Telefon, lehnt sich zurück und schaut auf die Zeichnungen an der Wand gegenüber seinem Schreibtisch. Es sind Motive aus dem Spreewald und von der Ostseeküste. „Ich kann mich darin vertiefen“ , sagt der K-Wache-Chef, „dann bin ich mal kurz weg.“