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| 02:43 Uhr

Die Spur der Reifentöter

In der Sparda-Bank in Falkenberg sind am Donnerstag zwei Geldautomaten gesprengt worden (l.). Die Spur der vermeintlichen Täter führt über Bad Liebenwerda. Dort haben sie aus dem Fluchtauto Krähenfüße auf die Straße geworfen, denen auch Busfahrer Herbert Kainrath und weitere Pkw-Fahrer nicht ausweichen konnten. Bis zum Abend hat die Polizei zehn Anzeigen aufgenommen.
In der Sparda-Bank in Falkenberg sind am Donnerstag zwei Geldautomaten gesprengt worden (l.). Die Spur der vermeintlichen Täter führt über Bad Liebenwerda. Dort haben sie aus dem Fluchtauto Krähenfüße auf die Straße geworfen, denen auch Busfahrer Herbert Kainrath und weitere Pkw-Fahrer nicht ausweichen konnten. Bis zum Abend hat die Polizei zehn Anzeigen aufgenommen. FOTO: dmu/Frank Claus
Falkenberg/Bad Liebenwerda. Nach einem Banküberfall in Falkenberg werfen die vermeintlichen Täter bei der Verfolgungsjagd durch die Polizei Reifentöter auf die Straße. Frank Claus und Lydia Schauff

Wildwest in Elbe-Elster: Gegen 3.15 Uhr sprengen am Donnerstag bislang unbekannte Täter, nach Polizeierkenntnissen waren es vermutlich drei, zwei Geldausgabeautomaten der Sparda-Bank in Falkenberg in die Luft. Die Detonation ist so stark, dass nicht nur die Automaten völlig zerfetzt, sondern auch die dahinter befindlichen Servicebüros erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden. Später, so die stellvertretende Pressesprecherin der Sparda-Bank, Nancy Mönch, hätten Ohrenzeugen den Bankmitarbeitern berichtet, dass der Knall so laut gewesen wäre, als seien auf dem benachbarten Bahnhof zwei Züge ineinander geknallt.

Die Polizei leitet sofort eine Nahbereichsfahndung ein. Und wie es scheint, hilft mehr als vier Stunden später zunächst "Kommissar Zufall". Ein Streifenwagen ist von Elsterwerda in Richtung Herzberg unterwegs, als ihm bei Winkel ein Pkw Audi-Kombi mit polnischem Kennzeichen entgegenkommt. Die Beamten wenden und wollen das Fahrzeug überprüfen. Als die Insassen des Audis dies bemerken, beginnt die Verfolgungsjagd durch Bad Liebenwerda.

Zu diesem Zeitpunkt steuert Herbert Kainrath gerade seinen Linienbus von Finsterwalde kommend durch die Ladestraße, als ihn im Affentempo in der 30er-Zone vor dem Bahnhof der seiner Beobachtung nach "schwarze Audi mit polnischem Kennzeichen" überholt. "Ich habe noch gedacht, was das für ein Ochse ist", erzählt er. Als auch der Streifenwagen seinen Bus im Eiltempo überholt, wird klar, die Polizei ist dem Auto auf der Spur.

Knapp 300 Meter weiter: An der Kreuzung zur Dresdner Straße, so die Polizei, fliegen aus dem Fluchtwagen jede Menge Krähenfüße. Das sind spitze, metallene Reifentöter, die in ihrer Bauweise Vogelfüßen ähneln. Zu spät: Herbert Kainrath kann den krallenähnlichen Teilen nicht ausweichen. Er fährt sich mehrere in die beiden vorderen und in die hinteren Zwillingsreifen ein.

Einen Platten haben wenig später auch zwei Lkw. Ein Brummi-Lenker bemerkt es sofort, der Fahrer eines Gefahrguttransporters spürt den Plattfuß erst im benachbarten Ort Winkel.

Auch Felix Kubitz, der mit einem Servicefahrzeug des Energieversorgers Mitnetz unterwegs ist, wird Zeuge der Verfolgungsjagd. Zwischen Kurpark und Bürgerhaus ist der seiner Wahrnehmung nach dunkelgrüne Audi "an mir vorbeigeschossen. Ich habe nur mit dem Kopf geschüttelt." Wenig später bemerkt auch er, dass sein vorderer linker Reifen keine Luft mehr hat.

Bis auf den Roßmarkt im Stadtzentrum kann der Streifenwagen dem Fluchtfahrzeug folgen. Dann ist auch bei ihm sprichwörtlich die Luft raus: Plattfuß. Beide Vorderreifen haben keinen Druck mehr.

Die Gejagten entwischen nach Polizeiinformationen über die Riesaer Straße in Richtung Sachsen. Kurze Zeit später kreist ein Polizeihubschrauber über Bad Liebenwerda und im Umland. Das Fluchtfahrzeug kann nicht entdeckt werden. Damit bleibt zum jetzigen Zeitpunkt unklar, ob die Insassen des Fluchtfahrzeuges auch wirklich am Banküberfall beteiligt waren oder möglicherweise wegen einer anderen Straftat die Flucht ergriffen haben.

Wegen der zeitlichen und örtlichen Nähe sowie erster Erkenntnisse vom Überfall schließt die Polizei einen Zusammenhang zum Banküberfall aber nicht aus, so Mario Heinemann, Sprecher des Polizeipräsidiums Potsdam. Erfahrungen der Polizei zufolge würden Bankräuber ihre Taktik wechseln. Um nicht in sofort gezogene Fahndungsringe zu tappen, würden Täter mitunter geraume Zeit in Tatortnähe abtauchen und dann zum Beispiel mit dem "morgendlichen Berufsverkehr mitschwimmen".

In Bad Liebenwerda ist Letzterer am Donnerstagfrüh erheblich beeinträchtigt. Zunächst ist von 40, später von 20 Pkw die Rede, die sich Krähenfüße eingefahren hätten. Am Abend spricht die Polizei von zehn aufgenommenen Anzeigen. In fast allen Fällen müssen Abschleppdienste die Fahrzeuge abtransportieren, da mehrere Reifen platt sind.

Und wer zahlt den Schaden in so einem Fall? "Wenn nur der Reifen betroffen ist, dann ist es kein Vollkaskoschaden", sagt Karin Benning vom Versicherer HUK-Coburg. Eine Vollkaskoversicherung decke zwar Vandalismusschäden ab, dazu gehören etwa Kratzer im Auto, Beulen im Blech, aber Schäden an den Reifen sind ausgenommen. Anders hingegen sähe es aus, wenn durch den Reifenschaden ein Folgeschaden verursacht wird. Führt etwa ein Reifenplatzer zu einem Auffahrunfall, würde die Versicherung einspringen.

Für die Bad Liebenwerdaer, die sich nun über platte Reifen ärgern müssen, ist das ernüchternde Fazit: Sie bleiben auf dem Schaden sitzen. "Einziger Weg wäre hier, sich an die Verursacher zu wenden", so Karin Benning von der HUK. Dumm nur, dass die erst einmal über alle Berge sind.

Zum Thema:
BKA: Zahl der gesprengten Geldautomaten hat sich deutlich erhöhtIn Deutschland werden immer mehr Geldautomaten gesprengt. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres seien 256 Automaten von den Tätern zerstört worden, teilte das Bundeskriminalamt (BKA) am Mittwoch mit. Die Ermittler erwarten, dass sich die Fallzahlen 2016 im Vergleich zum Jahr 2015 verdoppelt haben - damals waren 157 Automaten gesprengt worden. Endgültige Zahlen für 2016 gibt es noch nicht. Bei den Tätern handelt es sich nach Einschätzung der Ermittler überwiegend um organisierte Banden. Die Tatorte liegen überwiegend in ländlichen Regionen und weisen gute Verkehrsanbindungen auf. Im Regelfall würden die Automaten nachts zwischen 24 Uhr und 5 Uhr gesprengt. An der Tat seien meistens zwei bis vier Personen beteiligt. Um einen Geldautomaten sprengen zu können, bräuchten die Täter fundiertes Wissen über die Sprengmittel. Bis auf einen Fall, bei dem sich ein Täter schwer verletzte, kam es in Deutschland laut BKA bisher nur zu leichten Verletzungen. Ausführlich: www.lr-online.de/nachrichten