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| 02:38 Uhr

Die sprechenden Steine des Helmut Rippl

Atemberaubender Blick durch die Allee der Steine hin zur Victoriahöhe am Ufer des Großräschener Sees. Für Landschaftsarchitekt Helmut Rippl das Lebenswerk.
Atemberaubender Blick durch die Allee der Steine hin zur Victoriahöhe am Ufer des Großräschener Sees. Für Landschaftsarchitekt Helmut Rippl das Lebenswerk. FOTO: vrs1
Cottbus. Er hätte nach Weimar gehen können Mitte der 1950er-Jahre. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Generaldirektion der klassischen deutschen Literatur. Damals hat Helmut Rippl aber für sich entschieden: "Die Schlachten der Zukunft werden in Cottbus geschlagen." Heute feiert der Garten- und Landschaftsarchitekt seinen 90. Geburtstag. Christian Taubert

Dieses ereignis-, schaffens- und erfolgreiche Arbeitsleben des Helmut Rippl zu würdigen, hat sich Claudius Wecke für den heutigen Tag vorgenommen. Während der Festrede im Lindner-Kongress-Hotel wird der Leiter des Branitzer Parkes einen großen Cottbuser würdigen: Helmut Rippl, den Garten- und Landschaftsarchitekten, der unendlich viele Spuren in seiner Heimatstadt, in der Lausitz und weit darüber hinaus hinterlassen hat. Rippl ist seit Jahrzehnten eins mit der Natur - seine 90 Lebensjahre scheinen nahezu spurlos an ihm vorübergegangen zu sein.

Tausende Findlinge gesichtet

Im Wintergarten seines Hauses in Cottbus - "Sie müssen einmal kommen, wenn hier alles blüht." - liegen dicke Ordner mit Aufzeichnungen, Skizzen und Entwürfen. Da sind Wegehöhen, Abstände von Bäumen oder die Stein-Oberkante genau verzeichnet. Dreimal aufklappen muss er jene Zeichnung, die ihn in den zurückliegenden fast 20 Jahren an intensivsten beschäftigt hat: die Allee der Steine in Großräschen.

Dafür hat er Tausende Findlinge, die der Bergbau in der Lausitz ans Tageslicht gebracht hat, gesichtet. "Der hat ja ein Gesicht", ist ihm ein Koloss besonders aufgefallen. Den hat Rippl schließlich am Eingang der Allee platziert. Von dort aus ist auf dem Areal von Großräschen-Süd bis zur Victoriahöhe am künftigen See nichts dem Zufall überlassen. Rippl folgt hier seinem Vorbild Fürst Pückler, zu dem er seit Jahrzehnten forscht. So, wie Pückler in seinen Parks von Branitz und Bad Muskau Baumensembles kreierte, gelingt Rippl dies mit seinen Steinen. "Für Pückler wurden Bäume zu Menschen, bei mir ist jeder Stein ein Mensch, der mit mir spricht", erklärt er.

Entlang der Allee hat der Gartenbauexperte beiderseits Taschen angelegt, in denen Stein-Ensembles eingefügt sind. Gesäumt ist die Allee von acht Baumreihen mit Spitzahorn, Eichen, Platanen und Pyramidenpappeln. Diese Kombination hat natürlich ihren tiefen Sinn. Auch, dass Ahorn und Eichen nur mit anderthalb Metern Abstand gepflanzt wurden. "Das habe ich von Pückler gelernt", sagt Rippl, der sich gegen Zweifler - ganz nach seiner Lebensmaxime "energisch aufzutreten" - durchgesetzt hat. "Wenn der Ahorn ausfällt, haben die Eichen gerade die richtige Größe erreicht", denkt er wie immer Jahrzehnte voraus.

Stolze Steine aus ollen Klamotten

Die Allee der Steine ist das Lebenswerk von Helmut Rippl. Nicht nur, weil ihm in der Fachwelt bestätigt wird, dass "aus ollen Klamotten stolze Steine wurden" oder, dass er "aus wahllos zugeordneten Steinen Individuen gemacht hat". Vielmehr ist es ihm mit diesem Projekt als einzigem während der Internationalen Bauausstellung (IBA) in der Lausitz gelungen, im Pücklerschen Sinne Bergbaufolgelandschaft zu gestalten. Davon hätte er sich viel mehr Projekte gewünscht. Damit hat der rastlos-kritische Helmut Rippl aber nie hinterm Berg gehalten. Heute ist die Allee der Steine für ihn vor allem der Nachweis, "dass ich nicht nur der Park-Fritze bin".

Und dennoch: Gerade auf diesem Gebiet hat sich der Vater dreier Kinder und Opa von sechs Enkeln Hochachtung erworben. Die Pückler-Parks in Bad Muskau und Branitz gehören ebenso dazu wie einst die Betreuung der historischen Anlagen von Altdöbern, Fürstlich Drehna, Sonnewalde, Lindenau, Kleinkmehlen oder Kroppen. Dass der Park Fürstlich Drehna mit Wasserschloss einst wegen der Kohle aus dem Tagebau Schlabendorf-Süd zum Teil abgebaggert wurde, ist dem neuen Ensemble heute nicht anzumerken.

Ehrenprofessor Brandenburgs

Rippl selbst nennt Umkirch bei Freiburg als eines seiner spannendsten Projekte. Hier hat er einen zehn Hektar großen Park zehn Jahre lang bis 2010 angelegt und gestaltet. Der Besitzer dort sei sein gelehrigster Schüler geworden. Er habe damals ohne Wissen des Cottbusers die Ehrenprofessur für Rippl beantragt - die dritte im Land Brandenburg.

Was selbst in seiner Heimatstadt Cottbus oft in Vergessenheit gerät: Helmut Rippl (geboren in Wittenberg) hat 1957 als Absolvent der Berliner Humboldt-Uni sofort den Nordteil des Blechenparks gestalten dürfen und prägte später federführend die Konturen der Puschkinpromenade. Dass er sich Mitte der 1950er-Jahre aber gegen Weimar und eine Stelle als Wissenschaftler an der Nationalen Forschungsstätte der klassischen deutschen Literatur und für Cottbus entschied, hatte nur den einen Grund: Er wollte die großen Chancen als Landschaftsarchitekt in der Bergbaufolgelandschaft nutzen. Rippl war klar: "Die Schlachten der Zukunft werden in Cottbus geschlagen."