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"Die soziale Spaltung wird immer tiefer"

Berlin. Millionen arme Kinder, Rentner ohne Chancen auf soziale Teilhabe, abgehängte Langzeitarbeitslose – der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht Deutschland tief gespalten. Ist die Lage wirklich so dramatisch? Stefan Vetter

"Deutschland ist tief gespalten, und die Spaltung wird von Jahr zu Jahr tiefer." So lautet das Fazit des aktuellen Gutachtens, das der Paritätische Gesamtverband zur sozialen Lage im Land erstellt hat. Doch die am Dienstag in Berlin vorgestellte Untersuchung ist umstritten. Sogar der Caritas-Verband warnte jüngst vor einer "Skandalisierung" der sozialen Verhältnisse.

Schon vor einigen Wochen hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband Alarm geschlagen. "Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch wie heute", hieß es damals in einem Bericht zur Armutsentwicklung. Die jüngste Untersuchung knüpft nahtlos daran an.

Grundlage ist einmal mehr die von der EU definierte Armutsquote. Demnach gilt als arm, wer über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens der jeweiligen Bevölkerung verfügt. In Deutschland liegt diese Schwelle für einen Single-Haushalt aktuell bei 892 Euro im Monat. Für eine Familie mit zwei minderjährigen Kindern sind es 1873 Euro.

Nach dieser Definition liegt die Armutsquote in Deutschland bei 15,5 Prozent. Das ist tatsächlich ein neuer Rekord. In den vergangenen zehn Jahren hat diese Quote allerdings nicht exorbitant zugelegt. 2005 betrug sie 14,7 Prozent.

Der Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes, Rolf Rosenbrock, sprach trotzdem von einer "bedrohlichen Zunahme" der Altersarmut insbesondere bei Rentnern. Keine andere Bevölkerungsgruppe zeige eine "rasantere Entwicklung in Richtung Armut", sagte Rosenbrock.

Laut Statistik ist die Zahl der Bezieher von Grundsicherung im Alter zwischen 2003 und 2013 von rund 260 000 auf rund 498 000 gestiegen. Nach den absoluten Zahlen aber zählen die Rentner damit nach wie vor zu der am wenigsten von Armut bedrohten Bevölkerungsgruppe in Deutschland.

Zu berücksichtigen ist auch, dass der Staat seit 2003 die Unterhaltsverpflichtungen der Kinder deutlich gelockert hat. Der Rückgriff auf die Einkommen des Nachwuchses galt bis dahin für viele bedürftige Rentner als Hemmschuh, die staatliche Hilfe zu beantragen.

Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Georg Cremer, erklärte dazu jüngst in einem Pressebeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Wenn es durch bessere Aufklärung gelänge, dass alle Personen, die Anspruch auf ergänzende Grundsicherung im Alter haben, diese auch beantragten, würde die Zahl der Empfänger weiter steigen. Das sollte dann aber als Verbesserung des Hilfesystems gedeutet werden und nicht als Indikator sich verschlechternder Lebensverhältnisse oder gar eines Versagens des Sozialstaates."

Nach der Analyse des Paritätischen Gesamtverbandes gehört auch die arbeitende Bevölkerung zunehmend zu den sozialen Verlierern. "Gute Arbeit wird immer seltener, und das Normalarbeitsverhältnis ist immer weniger normal", erklärte Rosenbrock. Die in der Untersuchung verwendeten Daten der Bundesagentur für Arbeit weisen zunächst einmal jedoch einen kontinuierlichen Anstieg der normalen Arbeitsverhältnisse aus. Dazu zählen sowohl Vollzeit- als auch versicherungspflichtige Beschäftigung.

Gleichzeitig hat allerdings auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigten zugelegt, die in die Kategorie der atypischen Jobs fallen. Ihr Anteil an allen sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten ist zwischen 2009 und 2013 von 19 auf 26,6 Prozent gestiegen.

Demgegenüber stagniert die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten seit 2013, genauso wie die Zahl der Leiharbeiter. Beide Gruppen zählen ebenfalls zu den atypisch Beschäftigten. Gleichwohl resümierte Rosenbrock: "Am wachsenden Wohlstand in Deutschland haben immer weniger Menschen teil."

Vorwürfe, wonach seine Organisation die tatsächliche Lage überdramatisiere, wies Rosenbrock zurück. In dem erwähnten Pressebeitrag hatte Caritas-Generalsekretär Cremer eine "Skandalisierung" durch den Paritätischen Gesamtverband beklagt, die den Blick auf politisch erreichbare Schritte verstelle, "um die Situation von Menschen am Rande der Gesellschaft zu verbessern".