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Die Sorben sollten im Dritten Reich systematisch ihrer Identität beraubt werden

Cottbus. Die Sorben waren im Dritten Reich in der Mehrzahl in das diktatorische System eingebunden. Einzelne jedoch wehrten sich gegen den von den Nationalsozialisten verordneten Verlust ihrer sorbischen Identität. Zu dieser Einschätzung kommt der Historiker Dr. Peter Schurmann vom Sorbischen Institut in Cottbus. Von Daniel Preikschat

Es war nicht der erste Stolperstein, den der Kölner Künstler Gunter Demning am 14. November vergangenen Jahres nahe der Cottbuser Oberkirche verlegt hat. Doch es war der erste Stolperstein von mittlerweile Tausenden bundesweit, der an ein sorbisches Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns erinnert.

Pauline Krautz hatte in ihrem Geschäft in der Sandower Straße 3 seit 1926 sorbische Trachten, Kunst- und Fahnenstickerei verkauft. Die Schneiderin war die erste Produzentin einer Spreewaldpuppe. Als sie sich 1938 in Burg (Spree-Neiße) öffentlich gegen die verordnete Eindeutschung sorbischer Orts- und Straßennamen aussprach, war das für die Nazibehörden ein “heimtückischer Angriff auf Staat und Partei„. Pauline Krautz wurde festgenommen. Am 16. November 1941, so steht es auch auf ihrem Stolperstein, starb sie an den Haftfolgen im Cottbuser Frauengefängnis. Peter Schurmann kann weitere Beispiele sorbischer Widerständler im Dritten Reich nennen. Der sorbische Historiker arbeitet an dem Thema das Wendentum im Dritten Reich und gab am Donnerstag auf Einladung des Arbeitskreises Sorben (Wenden) im Lübbener Rathaus einen Einblick in seine Forschung. So habe Gotthold Schwela in Dissen (Spree-Neiße) noch bis Anfang 1942 auf Sorbisch gepredigt. “Er war der einzige Pfarrer in der Lausitz, der sich das traute„, so Schurmann. Mina Witkojc aus Burg, die in Bautzen für die Wochenzeitung “Serbski casnik„ das sorbische Kulturleben beschrieb, verbot die Geheime Staatspolizei, die damaligen Regierungsbezirke Dresden und Frankfurt (Oder) zu betreten. Die Lausitz und das sorbische Siedlungsgebiet waren für sie verbotenes Terrain.

Insgesamt jedoch, so Schurmann, fanden sich die Sorben damit ab, von den Nazis schrittweise germanisiert zu werden: “Sie schwammen mit der Masse mit.„ Dabei nannte der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, Wilhelm Kube, das Wendentum noch im Juni 1933 einen “stets behüteten Edelstein„. Damals durften die Sorben noch Sprache, Bräuche und Kultur pflegen. Die Weimarer Republik hatte ihnen notwendige Freiräume verfassungsrechtlich zugesichert.

So gründeten die Sorben 1919 eine Lausitzer Volkspartei, im gleichen Jahr die Wendische Volksbank, so Schurmann. 1920 entstand die sorbische Sportvereinigung Falke. Die Domowina, der 1912 gegründete Dachverband der sorbischen Vereine, erneuerte sich 1921. 1925 beriefen die Sorben einen Wendischen Volksrat sowie den gewerkschaftsähnlichen Verband der Wendischen Spreewaldfischer. Der Buchverein Macica Serbska zeigte sich sehr aktiv. Und noch 1930, drei Jahre vor der Machtergreifung Hitlers, präsentierten sich die Sorben in Vetschau (Oberspreewald-Lausitz) auf einem wendischen Volksfest mit Trachtenschau, das 25 000 Besucher anzog und über das die Zeitung selbst im mehr als 600 Kilometer entfernten Düsseldorf berichtete.

Schon kurz nach Kubes Erklärung jedoch begannen die Nationalsozialisten, die Sorben zu bevormunden und zu maßregeln. Sie hatten zuvor einzelne Sorben regelrecht vermessen, um einen Unterschied zur deutschen Rasse auszumachen, so der Historiker: “Besonders die Kopfformen wurden verglichen.„ Es fanden sich jedoch keine völkisch-rassischen Unterschiede. Die Sorben galten den Nazis als “deutscher Stamm„. Anders als Juden, Sinti und Roma wurden sie deshalb nicht verfolgt, sondern repressiv angepasst, sagt der Historiker. Der “wendischen Volkssplitter„ sollte “friedlich aufgesaugt„ werden, wie es in der Blut- und Bodenideologie der Nationalsozialisten hieß.

Dazu gehörte das Auslöschen der sorbischen Identität, Sprache und Kultur - begleitet mit den entsprechenden Verboten, Repressionen und Diskriminierungen. Es durfte ab 1935 keine sorbischen Kirchengemeinden mehr geben, in der Schule nicht mehr Sorbisch gesprochen werden, so Schurmann. Die Domowina wurde verboten. Sorbische Veranstaltungen und Versammlungen ahndeten die Machthaber als Verstöße gegen die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit.

Noch verheerender für die Sorben wirkten aus Sicht des 49-jährigen Forschers die Umbenennungen. “Damit zerstörten die Nationalsozialisten bewusst sorbische Geschichte und Identität in der Ober- und Niederlausitz.„ So benannten die Nazis den Ort Wußwergk kurzerhand um in Wußwerk, Syckadel in Siegadel, Bylen in Waldseedorf, Goyatz in Schwieloch und Weißagk in Märkischheide. Aus Dobristroh wurde Freienhufen, aus Särchen Annahütte, aus Trebatsch Leichhardt und aus Zschornegosda Schwarzheide. Byleguhre benannten die Nazis gar nach Markgraf Gero, der die Sorben 963 unterwarf. Das Dorf hieß nun Geroburg.

Auch die Namen von rund 40 Spreewaldfließen, hat Schurmann recherchiert, sollten ab Juli 1937 im Reichskatasterwerk “berichtigt„ werden. Schon in den ersten Kriegsjahren jedoch brachen die Nationalsozialisten die Aktion ab. “Aus wehrpolitischen Interessen„, hat Schurmann herausgefunden. Wahrscheinlich sollten keine Unstimmigkeiten mit vorhandenen Landkarten riskiert werden. “Für die Sorben ein Glück.„

Etwa die Hälfte der damaligen Umbenennungen wurden bis heute nicht zurückgenommen. Andere hingegen schon. In Trebatsch und Byleguhre, so Schurmann, sogar auf Initiative der Einwohner.Literatur zum Thema: Frank Förster, Die Wendenfrage in der deutschen Ostforschung, 1933 bis 1945. Ulf Jacob, Zwischen Autobahnen und Heide. Das Lausitzbild im Dritten Reich. Studie zur Entstehung, Ideologie und Funktion symbolischer Dingwelten. Annett Bresan, ein biografischer Beitrag zur sorbischen Geschichte. Martin Kasper/Jan Solta, Aus Geheimakten nazistischer Wendenpolitik.