Wie lange am Stück können Spitzenpolitiker eigentlich konzentriert um Milliardenbeträge feilschen? Wie viele Stunden rinnen am Verhandlungstisch dahin, bis den Sarkozys und Merkels und Berlusconis langsam die Gesichtszüge entgleisen? Wann lassen sich selbst hartgesottene Staatenlenker aus Müdigkeit zu fatalen Zugeständnissen beim Gezerre um Schuldenschnitte, Bankenkapital und Kredithebel hinreißen? Im Foyer des Brüsseler Ratsgebäudes schießen in der Nacht zum Donnerstag die Spekulationen ins Kraut, während hinter verschlossenen Türen der Krisengipfel tagt.

Hunderte Journalisten aus aller Welt belagern seit Tagen die gefühlte Hauptstadt Europas und hoffen auf Historisches. Kommt nun endlich der ersehnte Befreiungsschlag, der die EU aus der Finanz- und Schuldenkrise führen soll? Amerikanische Nachrichtenagenturen, japanische TV-Teams, spanische Radiosender - sie alle wollen als Erste die Einigung verkünden. Aber aus den Verhandlungssälen sickert zunächst nur wenig nach außen, dann kaum noch etwas und schließlich überhaupt nichts mehr. Um drei Uhr früh ist es still geworden an den Reihentischen im Foyer. Später wird klar: Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Wortbrocken für die Presse

Begonnen hatte der Tag wie üblich mit den sogenannten Doorsteps. Bei strahlendem Sonnenschein fahren die EU-Spitzen vor dem Ratsgebäude vor und werfen der lauernden Pressemeute auf dem Weg zur Eingangstür strategisch platzierte Brocken vor die Mikrofone und Kameras. Im Minutentakt werden die Wort- und Satzfetzen vom roten Teppich in den Äther gesendet, die Nachrichtenmaschinerie brummt. Dann ziehen sich die Staatenlenker in ihre Beratungsräume zurück. Der Informationsfluss ebbt ab, Details zu den Zwischenetappen der Verhandlungen sind nur noch auf indirektem Wege zu bekommen.

An den schmucklosen Tischen im Foyer des Ratsgebäudes beginnt jetzt Phase zwei. Quellen werden angefunkt, Gerüchte abgeklopft, Verhandlungsspielräume analysiert. In den Meldungen tauchen nun immer öfter die beliebten "Verhandlungskreise" und namentlich nicht genannten "EU-Diplomaten" auf. Als auch diese Quellenströme versiegen, verabschieden sich immer mehr Journalisten an die Bar. Die roten Ziffern der Digitaluhr zeigten Mitternacht.

Kaffeeautomat am Anschlag

Erinnerungen an frühere Verhandlungsmarathons werden wach. In Nizza bekriegten sich die Staatsspitzen einst fünf Tage lang, bis sie einen Kompromiss präsentierten. So viel Zeit haben sie diesmal nicht, die alles verschlingenden Märkte verlangen nach einer schnellen und entschlossenen Lösung. Aber die lässt weiter auf sich warten.

In der hauseigenen Cafeteria gehen langsam die Vorräte zur Neige: Bananen gibt es jetzt nur noch in Grün statt Gelb, die Sandwiches werden knapp, und der Kaffeeautomat brummt am Anschlag. Auf den Computerbildschirmen der Korrespondenten sind immer seltener Nachrichtenseiten zu finden. Stattdessen laufen Youtube-Videos, Solitär und Fußballmanager. Was immer hilft, um wach zu bleiben.

Trotz der Ablenkung sinken entlang der Reihen immer mehr müde Köpfe auf die Journalistenbrust. Unter den Augen graben sich tiefe Furchen ins Gesicht. Drei Uhr früh: Jetzt geht es dahin, wo's weh tut.

Unruhe und Gerüchte

Doch plötzlich kommt Unruhe in den Saal. Gerüchte kursieren, es soll eine Einigung gegeben haben! In die müden Glieder schießt neue Energie. Aus den Gerüchten werden Fakten: Die Verhandlungen sind beendet. Aber was wurde entschieden? Um 3.54 Uhr brandet Jubel im Foyer auf: Über den riesigen Bildschirm am Ende der Halle flackert die erlösende Ankündigung: "Pressekonferenz in wenigen Augenblicken". Acht Minuten später wird Angela Merkels Schritt vor die Mikrofone in einer SMS angekündigt: "PK der Bundeskanzlerin JETZT im DEU Pressesaal."

"JETZT" geht es um Fakten und Zahlen. Schuldenschnitt für Griechenland? 50 Prozent! Bankenrekapitalisierung? Ist im Sack! Die Feuerkraft des Euro-Rettungsschirms? Wird auf eine Billion gehebelt! Um fünf Uhr sind die Nachrichten verarbeitet und auf dem Draht. "Occupy Brüssel ist vorbei", feixt ein Journalist. Den letzten Gute-Nacht-Gruß aber liefert Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker. Eine Reporter-Bitte um ein Interview bescheidet der Luxemburger knapp: "Ganz schnell, weil ich muss schlafen."