Die Straßen in Berlin sind schon wieder dicht. Vielleicht ein Staatsgast und die üblichen Straßensperrungen. Vor einer Jugendherberge sprechen Flüchtlinge in unbekannten Sprachen und blasen Zigarettendampf in den verregneten Berliner Himmel. Unter der Erde, wo die U-Bahn fährt, wartet die Gesellschaft des öffentlichen Nahverkehrs, eingetaucht in künstliches Licht, geduldig auf den nächsten gelben Zug. Ein Mann in einem unbestimmbaren Alter dreht sich auf dem Bahnsteig wild umher, verrenkt die Arme und zuckt - eine Art Tanz zu einer virtuellen Musik, die nur er hört. Zu viele Drogen vielleicht, zu viel Stoff über eine viel zu lange Zeit. Die anderen Fahrgäste nehmen es gelassen hin. Alltag in der wirklichen Welt.

Womöglich ist der irre Tänzer in der U-Bahn-Röhre aber näher an der Zukunft als er ahnt. Denn eine Wirklichkeit, die echt erscheint, ohne es zu sein, wartet an diesem tristen Regentag nur wenige Stationen weiter in der Wilhelmstraße. Wenn auch ohne Drogenzusatz.

In einer zeltartigen Halle gewährt Facebook Einblick in den Stand seiner Entwicklungsprojekte.

Richtig gelesen: Facebook. Mit dem sozialen Netzwerk (fast 30 Millionen Nutzer in Deutschland) fing der gigantische Erfolg des Weltkonzerns an, der inzwischen sehr viel mehr ist als die Plattform für elektronische Kommunikation.

Die Ausstellung hat nur wenige Tage geöffnet, unter anderem für Studenten und Schüler, die sich vorab anmelden mussten. Kein Zufall, dass diese einmalige Präsentation in diese Woche fällt: Mark Zuckerberg, der Gründer und Chef des Konzerns mit dem gigantischen sozialen Netzwerk, ist für zwei Tage in der Stadt. "Facebook Innovation Hub" nennt sich die außergewöhnliche Info-Schau, die in geballter Form zeigt, was in den kommenden Jahren auf die Menschheit zukommt.

Für die Welt-von-morgen-Projekte gibt es eine Reihe klangvoller Namen, die den meisten Menschen auf dem Planeten Erde aber eher nichts sagen: Da gibt es die Connectivity, die Virtual Reality, die Artificial Intelligence - und so weiter und so fort. Die LAUSITZER RUNDSCHAU stellt die interessantesten Projekte in verständlicher Sprache vor.

Internet-Drohnen

Etwa zwei Drittel der Erdbewohner haben kein Internet. Um das zu ändern, hat Facebook eine riesige Drohne namens "Aquila" (deutsch: Adler) gebaut. Aquila hat eine größere Spannweite als ein Boeing-Flugzeug, wiegt aber nicht mehr als ein kleines Auto. Zweck der Drohne: Sie soll Internet-Daten aus der Luft in strukturschwache Gebiete senden.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Farmer in der Wüste bekommt nicht nur die Gelegenheit, Facebook-Likes zu verteilen. Er kann auch den aktuellen Wetterbericht abrufen und seine Arbeit darauf abstellen.

Künstliche Intelligenz

Automatische Steuerungen im Haushalt finden schon heute vielfach Anwendung. Per Sprachbefehl werden Kühlschränke gesteuert und das Cockpit im Auto bedient. Das nimmt Arbeit ab und erhöht die Sicherheit. Trotzdem kann man davon ausgehen, dass auch hier die Entwicklung erst am Anfang steht. In der Berliner Schau zeigt ein Facebook-Mitarbeiter eine soziale Variante: eine Art Bilder-Erklärdienst für Sehbehinderte. Ein Foto bildet eine Katze ab.. Ein Sprecher fragt: "Hat die Katze die Augen offen oder geschlossen?" Das Programm rechnet sich anhand der Wörter im Satz, deren Semantik (Bedeutungen) sowie der Satzstellung zusammen, was mit dieser Frage wohl gemeint sein könnte und antwortet: Offen.

Was sich mit diesem Bilderkennungs-Programm sonst noch leisten lässt? Der menschlichen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vielleicht könnte es auch dabei helfen, Fotos zu identifizieren, die rechtsextremistische oder sonstige Hass-Botschaften transportieren - ein Problem, an dem bekanntlich nicht nur Facebook zu knabbern hat.

Virtuelle Realität

In der "Virtual Reality" (virtuelle oder scheinbare Realität) geht es darum, die Sinnesorgane des Menschen so zu täuschen, dass dieser glaubt, sich in einer anderen Welt zu befinden. Für Spieler eine perfekte Situation: Sitzt er bisher vor dem Bildschirm und lässt sich mit seinen Augen und Ohren auf das Geschehen ein, befindet er sich künftig selbst in der anderen Welt und kann sie sogar greifen. Dafür bekommt er eine Brille und einen sogenannten Touch Controller, einen Art Berührungsregler. Diese Geräte ziehen ihn in die künstliche Welt hinein, er wird ein Teil des Spiels und der jeweiligen Landschaft. Ist er dort angekommen, kann er sogar Dinge greifen und bewegen.

In der virtuellen Welt - Test der VR-Brille von Facebook mit Touch Controller

Selbstversuch des Autors Johannes M. Fischer: Ein kleiner dunkler Raum. Ich bekomme eine Brille aufgesetzt und Cotroller an die Hände. Noch ein paar Anweisungen - und schon geht die unglaubliche Reise los. In einem Nachbarraum steht ein weiterer Spieler, mit dem ich in den künstlichen Landschaften unterwegs bin. Wir streifen durch das Weltall und landen in einer Spielzeugwelt voller Gartenzwerge. Es gibt Gegenstände, die ich greifen und bewegen kann - zum Beispiel eine Schleuder. Ich nehme sie, ziehe sie auf - und tatsächlich, nach einigen Versuchen gelingt es mir, einen Gartenzwerg abzuschießen (bitte keine Proteste: ist ja nicht echt!). Nach weiteren Abenteuern ist das Spiel beendet. Ich bin angenehm verwirrt. Später, auf dem Heimweg zur Autobahn, fahre ich durch Berlin und denke: Das ist aber doch echt jetzt, oder?

Tatsächlich aber steht der Anwender nur in einem Raum und verrenkt ulkig Arme und Beine - für außenstehende Betrachter durchaus vergleichbar mit dem Drogen-Tropf in der U-Bahn-Station, der auf eine imaginäre Musik tanzt.

Es ist und wird allerdings mehr als ein Spiel. So lässt sich beispielsweise die Realität eines Chemielabors programmieren, in dem ein Student gefährliche Arbeiten verrichtet und Arbeitsschritte einübt. Geht was schief, macht es Peng - aber nur in der virtuellen Welt, zum Wohle des Nutzers.