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| 09:17 Uhr

Die Sachsen-Lachse kehren zurück

In Wathose sowie mit Induktionsschleife und Kescher begeben sich die Fischexperten in Rathmannsdorf auf die Spur des Elbe-Lachses.
In Wathose sowie mit Induktionsschleife und Kescher begeben sich die Fischexperten in Rathmannsdorf auf die Spur des Elbe-Lachses. FOTO: dpa
Wenn Matthias Pfeifer seine Arbeitskleidung anlegt, steigt die Spannung. Mit Induktionsschleife, dunkelgrüner Wathose und Kescher ausgerüstet, durchstreift der Referent der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft jedes Jahr den Lachsbach in Rathmannsdorf in der Sächsischen Schweiz. Pfeifers Fahndung gilt jenem Fisch, der dem Lachsbach seinen Namen gab. 1994 begann Sachsen mit der Wiederansiedlung des Atlantischen Lachses (Salmo salar), der einst die Elbe massenhaft bevölkerte. Von Jörg Schurig

Elf Jahre später kann das Land fruchtbare Belege seiner Bemühungen vorweisen. Der Elbe-Lachs ist inzwischen schon mehrmals zurückgekommen und hat in seinen Geburtsgewässern gelaicht. Die ersten Rückkehrer gingen am 26. Oktober 1998 ins Netz. An diesen Tag kann sich Fischwirtschaftsmeister Hans Ermisch genau erinnern. Damals eilte Sachsens Lachsvater, wie Ermisch in den Medien des Landes genannt wird, mit seinem Sohn Gunther ans Rathmannsdorfer Wehr in der Sächsischen Schweiz und sah dort die ersten Sachsen-Lachse. „Das war eine Sternstunde. Jeder von uns hatte einen Lachs in der Hand“, erinnert sich Hans Ermisch. Die rötlich glänzenden Leiber der laichreifen Tiere bescherten ein kollektives Glücksgefühl. Da noch keine Fischtreppe ihren ungehinderten Aufstieg in die Laichgewässer zuließ, war menschliche Hilfe unerlässlich. Der 59-jährige Ermisch und Kollegen transportierten die Fische in Behältern über das künstliche Hindernis. 27 Lachse von etwa 350 000 eingesetzten Jungfischen wurden damals gezählt – 0,01 Prozent kehrten nachweislich heim. „Nach der langen Reise in den Atlantik und zurück waren sie 60 Zentimeter lang und etwa drei Kilo schwer – einfach faszinierend“, schwärmt Ermisch noch heute. Auch für Pfeifer und Gunther Ermisch ist der Lachs in erster Linie ein Naturwunder. Während die meisten den Salmo salar vor allem in geräucherter Form oder als Edelfisch in diversen kulinarischen Kreationen lieben, fasziniert den Tierfreund die Lebensweise und das lachsinterne „High-Tech-System“ zur Ortung der Heimatgewässer. Ermisch-Junior erklärt beim Ortstermin in Rathmannsdorf das Leben des Lachses vom Ei bis zum Tod der Tiere nach ihrer Hochzeit im Laichgewässer. Derweil stapft Pfeifer vor herbstlicher Baumkulisse mit drei Helfern langsam den Flusslauf hinauf. „Elektrofischen ist die sanfteste Art, einen Fisch zu fangen“, sagt Ermisch. In Deutschland ist dafür eine gesonderte Ausbildung und ein TÜV-geprüftes Gerät erforderlich. Die Kathode (Minuspol) schwimmt im Wasser, die Anode als Pluspol ist am Kescher befestigt. Wenn das Netz im Wasser ist, schließt sich der Kreislauf. Bei 150 Volt Gleichstrom werden die Fische im Umkreis von wenigen Metern vom Kescher geradezu angezogen und zudem betäubt. Kurze Zeit später „fangen“ sie sich wieder und beginnen zu schwimmen. „Da wird nicht einmal die Schleimhaut verletzt. Die Methode ist sicher“, weiß Ermisch. Vor allem beim Umsetzen von Fischen in andere Gewässer kommt sie zum Einsatz. An diesem Tag landen vor allem Forellen, Gründlinge und Äschen in Pfeifers Netz. Der Lachs bleibt vorerst ein Wunschtraum. Dabei wissen die Sachsen, dass er schon da ist. Überpünktlich war diesmal ein Exemplar aufgetaucht. Am 21. September meldete Sachsens Umweltminister Stanislaw Tillich (CDU) den ersten Lachs der Saison. Ein 80 Zentimeter langes Weibchen aus dem Geburtsjahr 2002 wurde bei Bad Schandau gefangen und wieder ausgesetzt. So früh war hier bisher noch keiner gesichtet worden. Im Vorjahr kamen sie erst Ende Oktober. Die meisten treffen im November ein. Seit es in Rathmannsdorf eine Fischtreppe gibt, ist Wachsamkeit gefragt. „Wir möchten nicht alles dem Zufall überlassen und streifen von einigen Fischen Eier und Sperma ab. Damit greifen wir den Lachsen ein wenig unter die Flossen“, sagt Gunther Ermisch. Er wisse auch mit verbundenen Augen genau, wann die Tiere „reif“ sind. „Ich brauche sie nur zu befühlen.“ Per Bauchmassage wird Weibchen und Männchen, den Rognern und Milchnern, das Material für neues Leben entnommen. Eile ist geboten: Binnen 48 Stunden müssen die Eier befruchtet sein. Die familiäre Forellenzucht der Ermischs brütet sie aus. Seit der Rückkehr der Sachsen-Lachse sollen immer mehr Originale zu Wasser gelassen werden. Um das Vorhaben abzusichern, kauft das Land jedes Jahr 400 000 Eier aus Schweden und investiert dafür inklusive Ausbrüten 50 000 Euro. Knapp zehn Cent kostet ein Ei, aus dem sich später ein prächtiger Lachs entwickeln kann. Unter künstlicher Obhut schlüpfen aus 80 bis 90 Prozent der Eier kleine Lachse. In rauer Umwelt dagegen sind es manchmal nur fünf bis zehn Prozent. Trotzdem sorgt die Natur mit vielfältigen Mechanismen für ein Überleben. Zu den „Tricks“ gehören Streuner. Während die Lachse normalerweise nach zwei Jahren Kinderstube abwandern und nach dem „Großen Fressen“ im Nordatlantik wieder in die Heimat schwimmen, streunen einige Tiere auf Abwegen in andere Flüsse. So schützt sich die Art vor Extremlagen wie Umweltkatastrophen im Heimatgewässer. „Es ist beeindruckend, wie die Natur Sicherheiten einbaut“, sagt Ermisch. Wie die Lachse ihre Laichgewässer so punktgenau wiederfinden, ist nicht vollends geklärt. Im Wesentlichen sorgt der Geruchssinn für eine sichere Landung. „Die Lachse können ihren Herkunftsort riechen“, sagt Pfeifer und macht dafür „gewässerspezifische Kompositionen verschiedener Moleküle im Wasser und andere Geruchsstoffe“ verantwortlich. Zugleich erweisen sich die Tiere als weit gehend robust bei veränderten Bedingungen wie Hochwasser. Das haben die Experten im Jahr der Jahrhundertflut erfahren. Damals waren in der Müglitz, die im August 2002 zerstörerische Kraft entfaltete und Menschen in den Tod riss, gerade Junglachse eingesetzt worden – nur wenige Zentimeter groß. Anders als die Bewohner des Tales überstanden sie die Katastrophe fast unbeschadet. Zwei Jahre später hatten sie bei Niedrigwasser schon mehr Probleme. Die Situation brachte ihren Kreislauf zumindest durcheinander. Das Umweltministerium führt über das Vorzeigeprojekt genauestens Buch. „Der größte bisher gefangene Lachs in Sachsen wurde am 22. Dezember 2002 in der Elbe bei Meißen gefangen und war 1,03 Meter lang“, berichtet die Sprecherin des Ministeriums, Irina Düvel. In den vergangenen zehn Jahren habe es zusammen etwa 600 Rückkehrer gegeben. Ihre frühe Ankunft 2005 sieht Minister Tillich als „gutes Zeichen für einen erfolgreichen Verlauf der diesjährigen Lachswanderung“. Die Sachsen sind stolz auf den „König der Fische“. Ein „Foto mit Lachs“ ist für Politiker erstrebenswert. Oft setzt der Umweltminister höchstselbst Mini-Lachse aus. Mittlerweile sind fünf Flüsse zur Wiege geworden – neben dem Lachsbach auch Kirnitzsch, Wesenitz, Müglitz und Chemnitz. Für die Umweltpolitiker bietet das „Lachsprogramm“ einen schönen Nebeneffekt. Sein Erfolg sagt etwas über die Reinheit der Flüsse aus. Denn der Lachs gilt wie andere Salmoniden – Äsche, Bachforelle oder Bachsaibling – als Indikator für sauberes Wasser. Mit der Wasserverschmutzung seit Beginn der Industrialisierung im Elbtal vor reichlich 150 Jahren schienen die Tage des Lachses gezählt. Einen der letzten hatte Hans Ermischs Lehrmeister Anfang 1936 in der Nähe von Dresdens berühmter Brücke „Blaues Wunder“ gefangen. 70 Jahre später gehört er nun wieder zur Fauna des Flusses – für Leute wie Gunther Ermisch ein paradiesischer Umstand. „Es gab schon Jahre, da war das hier „alaskamäßig“, da haben uns nur die schneebedeckten Berge im Hintergrund gefehlt.“ Angler sollten freilich keine zu großen Erwartungen hegen. „Bei uns landen die Lachse erst, wenn Schonzeit ist“, sagt die Geschäftsführerin des Deutschen Anglerverbandes, Carola Stilec. Vom 1. Oktober bis 30. April eines jeden Jahres dürfen sie nicht gefangen werden. Stilec glaubt, dass Angler schon vor lauter Respekt einen Lachs wieder einsetzen. Hinzu kommt eine andere Geschmacksfrage. Wenn die Fische eintreffen, haben sie nach 700 Kilometer langer Wanderung schon einen Teil ihrer im Atlantik angefressenen Vorräte aufgebraucht. „So attraktiv ist ein Lachs dann nicht mehr“, sagt die Geschäftsführerin.