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| 01:26 Uhr

Die Rundschau zu Gast bei Ilka Reinhardt und Gesa KluthSpurensuche in der Lausitz

Den Wölfen immer gemeinsam auf der Spur – Ilka Reinhardt und Gesa Kluth (r.) sowie ihr Hund Jacques.
Den Wölfen immer gemeinsam auf der Spur – Ilka Reinhardt und Gesa Kluth (r.) sowie ihr Hund Jacques. FOTO: Martina Arlt
Er geistert seit Jahrhunderten durch die Mythologie und Märchenwelt der Deutschen: der böse Wolf, der Alpha-Wolf, der Wolf im Schafspelz. Mit der Wirklichkeit hat dieses Bild kaum etwas zu tun, wissen die Wildbiologinnen Ilka Reinhardt und Gesa Kluth. Von ihrem Büro „Lupus“ in Spreewitz (Landkreis Kamenz) aus erforschen sie das Leben der Wolfsrudel in der Lausitz. Uwe MenschnerVon Andrea Hilscher

Der Empfang könnte kaum herzlicher sein: Wer immer die Forscherinnen in ihrem Backsteinhaus an der Spreewitzer Dorfstraße besucht, wird vom Weimaraner-Rüden Jacques aufs Freundlichste begrüßt. „Es ist seltsam“ , sagt seine Besitzerin Ilka Reinhardt, 41. „Hunde sind so allgegenwärtig in unserem Alltag, sie gelten als der beste Freund des Menschen. Und der Wolf, der so nah verwandt ist, löst noch immer derart tiefe Ängste aus.“ Die Forscherin war im vergangenen Sommer in den Abruzzen im Urlaub. „Dort hat man mit den ansässigen Bären und Wölfen tolle Werbung gemacht. Und kein Mensch konnte verstehen, dass sich die Leute bei uns teilweise vor Wölfen fürchten.“

Zwischenstation in Estland
Seit sieben Jahren lebt die Forscherin gemeinsam mit ihrer Kollegin Gesa Kluth, 36, in der Lausitz. Auf den Wolf gekommen sind beide auf sehr unterschiedlichen Wegen. „Mäuse und Eichhörnchen sind sicher auch ganz spannende Tierchen“ , sagt Gesa Kluth, „aber ich wollte eigentlich von Anfang an mit Wölfen arbeiten. Gerade, weil sie für Menschen eine so ambivalente Rolle spielen.“ In Göttingen aufgewachsen, hatte sie nach dem Studium Mitte der 90er-Jahre schon mal in Brandenburg nachgefragt, ob es hier eine bezahlte Arbeit für eine Wildbiologin gäbe. Damals aber war daran noch nicht zu denken. Sie zog nach Estland und arbeitete dort.
Ilka Reinhardt, in Mecklenburg geboren, in Potsdam und Berlin aufgewachsen, lernte zunächst Zootechniker, studierte nach der Wende Biologie - und war enttäuscht. „Wir hatten ständig mit Fruchtfliegen zu tun oder mit dem Innenohr der Singvögel.“ Erst, als sie auf die Wildbiologie stieß, hatte sie ihre wahre Bestimmung gefunden. In einem slowenischen Bären-Projekt konnte sie als studentische Hilfskraft einsteigen, schrieb dort auch ihre Diplomarbeit und arbeitete in der Schweiz mit Dachsen. „Dann war Pumpe. Ich war mehr oder weniger arbeitslos, hielt mich todtraurig in Berlin mit Jobs über Wasser.“
Dort lernte sie - glücklicher Zufall - Gesa Kluth kennen. Die war inzwischen in die Schorfheide gezogen, weil sie vermutete, polnische Wölfe würden sich dort ansiedeln. Den Gefallen taten ihr die Tiere nicht, doch die Forscherinnen fanden auf ihren privaten Exkursionen immer wieder Spuren in der Lausitz.
„Wir haben uns selbst erschaffen“ , beschreiben die beiden Frauen, was dann passierte. Denn mit den Wölfen kamen die Probleme: Schäfer, die Angst um ihre Tiere hatten, brauchten Rat. Denen besorgten die Forscherinnen Zäune, gingen auf Nachtwache, hielten Vorträge in den Dörfern. „Als es dann die ersten toten Schafe gab, merkte man auch in der Landesregierung, dass es Handlungsbedarf gab“ , sagt Ilka Reinhardt. Die Biologinnen bekamen finanzielle Unterstützung, gründeten 2003 ganz offiziell das „Wolfsbüro“ und „wohnten sich hoch“ - von einem Ferienbungalow in Weißkeißel (Niederschlesischer Oberlausitzkreis) über eine ehemalige Milchviehanlage bis zu dem jetzigen Standort.
„Exotinnen waren wir immer“ , erinnert sich Gesa Kluth, „aber wir wurden durchaus mit Wohlwollen aufgenommen.“ Die Forscherinnen sollten schließlich aufklären, helfen, an finanzielle Unterstützung zu kommen und an geeignete Schutzmöglichkeiten - sie waren willkommen. „Es war ein schönes Zeichen“ , sagt Ilka Reinhardt, „dass sich bei einer Akzeptanzstudie aus dem Jahr 2005 zeigte, dass innerhalb des Wolfsgebietes die Haltung der Menschen deutlich entspannter war als außerhalb.“ Das Zusammenleben mit den Wölfen und die viele Aufklärungsarbeit habe also Früchte getragen.
Umso enttäuschter waren die Frauen, als die Stimmung dann plötzlich zu kippen begann. Da reichte eine Hirschkuh, die in der Nähe eines Dorfes gerissen wurde, ein Wolf, der gelernt hatte, Schutzzäune zu überspringen - und einige Wolfsgegner hatten genug „Futter“ , um alte Vorurteile zu schüren und neue zu streuen. Da wurden Zweifel gesät an der „Reinheit“ der wölfischen Abstammung und Szenarien heraufbeschworen, dass bald der erste Angriff auf Menschen zu erwarten sei.
„Dabei war absolut nichts passiert, was diesen Stimmungsumschwung rechtfertigt“ , sagt Gesa Kluth. „Die Wölfe waren schon immer in der Nähe der Dörfer unterwegs, das wissen die Menschen. Bei uns im Dorf laufen sie regelmäßig über eine Mutterkuhweide, immer wieder finden wir Spuren in Gärten, das alles ist normal und heißt nicht, dass die Tiere sich ändern würden.“ Und auch, dass ein Hund gelernt habe, Zäune zu überwinden, sei nicht unnormal.

Verluste minimieren
„Wir werden niemals einen hundertprozentigen Schutz erreichen“ , so die Expertin. „Aber wer seine Schafe mit Zäunen und Hund sichert, kann Verluste minimieren.“
Trotzdem, das wissen die Biologinnen, für die Schäfer bedeutet das Leben im Wolfsgebiet Mehraufwand. Sie selbst werden zu jedem gerissenen Schaf gerufen, egal ob Sonntag oder Heiligabend. Sie müssen belegen, ob es sich tatsächlich um einen Wolfsschaden handelt, ab diesem Jahr entschädigt das Land Sachsen den Schäfer nur noch dann, wenn er sein Tier ausreichend geschützt hatte.

Neue Erkenntnisse gegen alte Vorurteile
Lieber als um tote Schafe kümmern sich die Forscherinnen um lebende Wölfe. Suchen Spuren in Sand oder Schnee, nehmen Kotproben, fotografieren oder filmen die Rudel. Dieses Jahr sollen sie im Auftrag des Bundesumweltministeriums sogar versuchen, einige junge Welpen zu fangen und mit Halsbandsendern auszustatten - um durch neue Forschungsergebnisse mit alten Vorurteilen aufzuräumen. „Denn“ , so Ilka Reinhardt, „früher hat man fast ausschließlich Wölfe in Gefangenschaft beobachtet. Und dort tatsächlich Alpha-Männchen und -Weibchen beobachtet, weil die geschlechtsreifen Tiere gezwungen waren, auf engem Raum zusammenzuleben.“ In Freiheit entwickeln die Tiere andere, viel sozialere Muster. So dürfe sich nicht nur das stärkste Weibchen fortpflanzen - eines der hiesigen Muttertiere sei auf einem Auge blind und hinke. Und auch kranke Rüden würden im Rudel akzeptiert: Die Biologinnen kennen einen Wolf, dem eine Pfote fehlt. „Bei der Jagd ist er sicher nicht immer erfolgreich, trotzdem lebt er mit den anderen zusammen.“
In den vergangenen Monaten allerdings sind die Frauen noch seltener als sonst dazu gekommen, gemeinsam auf die Pirsch zu gehen und die scheuen, nachtaktiven Tiere zu beobachten: Gesa Kluth hat eine kleine Tochter bekommen und ist noch einige Wochen in der Elternzeit. Und Ilka Reinhardt ist immer häufiger Gefangene ihres Schreibtisches: Die Flut aus E-Mail-Anfragen und Telefonanrufen aus ganz Deutschland reißt nicht ab. Oft genug stehen Spaziergänger vor der Tür, die von ihren „Wolfsbeobachtungen“ berichten wollen oder Kotproben zur Prüfung abgeben. „In vielen Fällen ist das hilfreich“ , sagt Ilka Reinhardt, „wir kommen ja doch nicht überall hin.“
Die ständige Erreichbarkeit und die Dauerpräsenz des Thema Wolfes machen ihr aber doch zunehmend zu schaffen. „Gesa hat ihr Baby, das sie zum Abschalten zwingt, ich muss mir noch einen heilsamen Ausgleich zur Arbeit suchen.“ Sonst wird das alte Märchen doch noch wahr - sie lässt sich vom Wolf tatsächlich auffressen.

Zum Thema Drittes Wolfsrudel in sächsischer Oberlausitz
 In der sächsischen Oberlausitz gibt es ein drittes Wolfsrudel . Laut Prof. Dr. Herrmann Ansorge vom Staatlichen Museum für Naturkunde Görlitz hat sich dieses dritte Rudel zwischen die Rudel der Neustädter und der Muskauer Wölfin geschoben. "Es bevölkert das Areal zwischen Boxberg, Rietschen und Weißwasser , während die ursprüngliche Muskauer Wölfin mit ihrem Anhang in das Gebiet östlich davon abgedrängt wurde", so Ansorge. Alle drei Rudel zeugten im vergangenen Jahr Nachwuchs. Das Neustädter Wolfspaar brachte acht Welpen zur Welt, die beiden anderen Paare je vier Welpen. Seit 2000 wurden damit in der Lausitz insgesamt 56 reine Wolfswelpen und neun Mischlinge geworfen. Keinen Nachwuchs hat das zuweilen so bezeichnete Zschornoer Rudel in Südbrandenburg. "Meiner Auffassung nach handelt es sich um zwei oder mehr einzeln lebende Tiere", sagt Ansorge. Nach seinen Angaben streifen auch südlich des ursprünglichen Wolfsgebietes zwei Einzelgänger durch die Wälder - einer davon in den Königshainer Bergen unmittelbar vor den Toren von Görlitz.