„Ich hatte nichts dabei als
einen großen Koffer. Wollte zwei Monate
bleiben und abwarten, ob sich eventuell
eine Chance für einen neuen Job ergibt.“
 Anne-Susann Becker


Wäre die heute 28-jährige Frau nicht so ausgesprochen blond, sie wäre wohl nie am Persischen Golf gelandet. Denn vor ihrem Leben im arabischen Raum hatte sie sich in Paraguay niedergelassen. „Und dort war der Alltag als blonde, alleinstehende Frau schlichtweg zu stressig.“
Aber zurück zum Anfang, nach Elsterwerda, ans Elsterschloss-Gymnasium. Dort machte Anne-Susann Becker ihr Abitur und entdeckte ihre Begeisterung für Sprachen. Russisch, Englisch, Französisch, Spanisch, alles wollte sie lernen - und natürlich die Länder entdecken, in denen diese Sprachen gesprochen wurden. In Dresden studierte sie Romanistik und Journalismus, fand einen weltoffenen, multikulturellen Freundeskreis und erweiterte den Radius ihrer Reiselust weit über Europas Grenzen hinaus. „Nach dem Studium wollte ich dann die Herausforderung. Einfach meine Chancen nutzen, solange ich noch spontan und ungebunden bin und keine eigene Familie habe.“

Erste Station Paraguay
Um ihr Spanisch zu verbessern, suchte sie sich noch von Deutschland aus eine Stellung bei der Außenhandelskammer in Paraguay. „Sehr spannend, sehr lehrreich, aber eben auch sehr anstrengend“ , sagt sie rückblickend. Zu oft musste sie sich gegen die Annäherungsversuche der Männer wehren, zu riskant überhaupt das Leben in dem von hoher Kriminalität geprägten Land. „Außerdem bot Paraguay wirtschaftlich keine Perspektive. Ich suchte nach einem Land, in dem ich sicher leben konnte, in dem es boomte, in dem ich mich entwickeln konnte.“
Den Nahen Osten hatte sie bis dato nur von einem Urlaub im Libanon gekannt, trotzdem zögerte sie nicht, als ein Bekannter sie 2005 nach Dubai einlud. „Ich hatte nichts dabei als einen großen Koffer. Wollte zwei Monate bleiben und abwarten, ob ich die Zeit einfach als Urlaub betrachte oder ob sich eventuell eine Chance für einen neuen Job ergibt.“
Das zweitgrößte der Vereinigten Arabischen Emirate gefiel der Wel tenbummlerin. Schnell, modern, weltoffen und, wie sie sagt, „sehr, sehr sicher“ . 150 Nationen leben am Golf zusammen, „wobei man besser sagt, sie leben nebeneinander her“ , gibt Anne-Susann Becker zu. „Aber immerhin funktioniert dieses Leben friedlich. Während Inder und Pakistani in ihrer Heimat blutige Konflikte austragen, machen sie hier Geschäfte miteinander.“ Die Bevölkerungsstruktur ist ungewöhnlich: Nur etwa 15 Prozent Einheimische, nur ein Viertel Frauen. „Aber hier wird niemand belästigt“ , sagt die junge Geschäftsfrau. „Man sieht am Strand Frauen im Bikini, in den Einkaufszentren tragen manche Mädchen gewagtere Outfits als daheim.“ Sie selbst aber verzichtet auf Minirock und überhohe Schuhe: „Arabische Männer sind eben doch auch Jäger und Sammler. Man muss sehr deutlich Grenzen ziehen - die aber werden dann auch respektiert.“
Ihre ersten Monate in Dubai arbeitete sie für ein ägyptisches Unternehmen, dann entwickelte sie mit einem libanesischen Geldgeber und einem Lizenzpartner aus den Emiraten die Idee, ein zweisprachiges Hochglanzmagazin auf den Markt zu bringen. „Shopping, Strand und Luxus - so ist das öffentliche Bild von Dubai, so sieht auch die Realität ein Stück weit aus. Kulturell passiert hier wenig. Es gibt kaum Literatur, kaum Oper oder Theater.“
Das wenige Vorhandene, opulent aufbereitet, in Englisch und Deutsch, bildet seit Dezember 2006 unterhaltsame Lektüre für Geschäftsleute - und ein hochwertiges Werbeumfeld für Firmen, die ihre ebenso hochwertigen Produkte an den solventen Kunden bringen wollen. Schon mit der zweiten Auflage gelang es dem 100 Seiten dicken Magazin „Discover Middle East“ ( „Entdecke den Nahen Osten“ ), fest in die Lektüreauswahl der Lufthansa-Flüge von München und Frankfurt/Main nach Dubai zu kommen - nicht der schlechteste Start für eine Zeitschrift. „Wir erscheinen alle zwei Monate“ , erzählt die frisch gebackene Chefredakteurin, „und wir müssen auf absolute Qualität setzen. Denn gerade die reichsten Männer sind am geizigsten. Sprich: Sie kaufen nichts, was nicht absolut top ist.“
Vier Deutsche beschäftigt Becker in ihrem Team, dazu eine Phillippina, Pakistani, Ägypter. „Jeder bringt seine eigenen Ansichten, seine eigenen Erfahrungen mit, und alles passt wunderbar zusammen.“
Sie selbst, das spürt sie schon heute, hat sich verändert in den zwei Jahren Dubai. Sie ist offener geworden, hat eigene Reserviertheiten abgelegt, weil ihr unentwegt mit Offenheit und Hilfsbereitschaft begegnet wurde. Der Alltag aber sei kaum mit dem in Elsterwerda zu vergleichen. „Eine seltsame Mischung aus Jetset und ganz harter Arbeit. Hier gehe ich jeden Tag in den Schönheitssalon und lasse mir die Haare waschen und die Nägel neu lackieren. Abends stehen immer Geschäftsessen oder Partys auf dem Programm. Viel Luxus, viel Business.“ Im Winter bei angenehmen 25 Grad Außentemperatur, im Sommer klettert das Thermometer auf 40 bis 50 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 90 Prozent. „Dann bewegen wir uns nur vom klimatisierten Auto ins klimatisierte Büro und von dort ins klimatisierte Fitness-Studio.“ Braucht die begeisterte Sportlerin Abstand von dieser anstrengenden Kunstwelt, reist sie ins benachbarte Oman. „Dort ist alles naturbelassen, es gibt ein reiches kulturelles Erbe, eine bodenständige Bevölkerung.“

Fast Tränen beim Landeanflug
Regelmäßig fliegt Anne-Susann Becker gen Deutschland. „Schon beim Landeanflug auf Dresden kommen mir dann fast die Tränen, so schön finde ich plötzlich alles.“ Die Bindungen an die Heimat, auch an die Familie seien durch die Trennung wesentlich enger geworden. „Gerade meine Eltern haben mir immer auch geholfen, schwere Situationen durchzustehen. Insgeheim wären sie vielleicht froh, wenn ich irgendwann wieder nach Deutschland zurückkehre.“ Aber, so ist sich die Geschäftsfrau inzwischen sicher, aus Dubai wird sie wohl so schnell nicht wegziehen. „Es macht mich glücklich, hier leben zu können. Wo sonst wäre ich so schnell so weit gekommen?“
Die meisten Ausländer bleiben nur wenige Jahre in den Emiraten, Anne-Susann Becker hat schon viele Menschen kommen und auch wieder wegziehen sehen. „Dubai gibt jedem Gast eine Chance. Aber eben auch nicht mehr als diese eine.“