Am Montag waren Veteranen der Royal Air Force, die den „Long March“ (Langer Marsch) mitgemacht haben, und Freiwillige aus den Reihen der britischen Luftwaffe wieder in Bad Muskau.
„Als wir damals nach Muskau kamen, da waren 20 Grad minus und wir hatten alle Erfrierungen an den Händen“ , erzählt Andrew Wiseman in flüssigem Deutsch. Die Aufklärung folgt auf dem Fuße. „Ich bin in Berlin geboren. Mein Vater war bei der Englischen Botschaft beschäftigt. Ich bin sogar aufs Siemens-Gymnasium gegangen“ , so der Brite. Als Angehöriger der Royal Air Force - „Ich war ein Bomber- Pilot, bin eine Halifax geflogen“ - geriet er in Frankreich in Gefangenschaft. Von dort wurde er ins Stalag Luft 3 gebracht. 15 000 Inhaftierte - Angehörige von amerikanischen, britischen, kanadischen und neuseeländischen Luftwaffeneinheiten - waren im Kriegsgefangenenlager in Sagan untergebracht.
In den Wintermonaten 1944/45 erfolgte die Evakuierung dieses Lagers über eine Route, die von Sagan über Halbau, Leippa, Priebus und Lugnitz auf heute polnischem Gebiet und weiter über Muskau, Kromlau, Schleife, Spremberg und dann weiter bis hin nach Norddeutschland führte. Völlig unterversorgt und nur notdürftig bekleidet, gelangten Mitte Februar 1945 tausende Kriegsgefangene der britischen Luftwaffe auch nach Muskau und verbrachten die Nächte in Unterkünften in der Stadt sowie im Muskauer Park selbst. Einige hundert Gefangene verstarben während der Strapazen dieses als „Long March“ bezeichneten Ereignisses, das einem Todesmarsch gleichkam, so steht in den Geschichtsbüchern.
Die Freiwilligen traten in den vergangenen Tagen in die Fußstapfen der Veteranen. Am Montag machten sie erst Station in Leknica (Liegnitz), wo sie von Bürgermeister Jan Bieniasz empfangen wurden, dann Halt in Bad Muskau. „Ich begrüße Sie hier sehr herzlich, hier im Park, wo die Folgen des Krieges über viele Jahrzehnte schmerzlich sichtbar waren“ , so Bad Muskaus Bürgermeister Andreas Bänder.
Neben ihm waren auch etliche jüngere Bad Muskauer in den Park gekommen, um die Marschierenden zu begrüßen. Auch wenn sie keine Zeitzeugen sind, wussten sie doch aus den Erzählungen der Eltern zu berichten. „Meine Eltern hatten damals ein Haus an der Neißebrücke und meine Mutter hat Tee gekocht, um damit die Gefangenen zu versorgen. Bis sie mein Vater mit der Frage konfrontierte, ob sie ins KZ will, wenn sie die Gefangenen mit Getränken versorgt“ , erinnert sich Brigitte Haraszin.
Gemischte Gefühle sind es, die Air Commodore Charles Clarke auf dieser Reise begleiten. Zum einen erinnert er sich daran, dass seine Kameraden den Marsch aufgrund von Hunger und Krankheit nicht überlebten, zum anderen haben Muskauer den Gefangenen Lebensmittel zugesteckt. 21 Jahre alt war Charles Clarke, als er damals nach 18 Monaten Gefangenschaft auf den „Long March“ ging. Und die Angst marschierte immer mit, denn keiner wusste, wo das Ganze enden würde, erzählt er. „Für mich ging es weiter nach Luckenwalde. Dort wurde ich von den Russen befreit. Charles befreiten bei Lübeck die Briten“ , erzählt Andrew Wiseman. Dritter im Bunde der Veteranen ist Ivor Harris. Im Marstall, der alten Turnhalle, dem Kino wurden die Gefangenen im Winter 1945 in Muskau untergebracht. „Ich erinnere mich noch gut an einen Termin im Schloss. Dort hat uns die Frau von Arnim, eine schöne Frau in einem schwarzen Kleid, zum Abendbrot empfangen - dreckig wie wir waren. Als wir uns hingesetzt hatten, erschien der Kommandant unseres Gefangenenzuges. Er wollte uns abholen. Frau von Arnim ließ ihn mit dem Satz wegtreten: Die Männer sind meine Gäste, Sie habe ich nicht eingeladen“ , berichtet Andrew Wiseman.
Wie Flight Lieutenant James Tenniswood, einer der Marschierenden, erzählt, hat sich die Gruppe seit Monaten auf dieses Ereignis vorbereitet. Als Schlafplatz dient ihnen in Bad Muskau übrigens auch die Turnhalle. Doch es ist nicht mehr die wie vor 61 Jahren . . .