An diesem Sonntag muss gearbeitet werden in Brüssel. Schadensbegrenzung ist das Ziel derer, die im Europaviertel ihre Büros bezogen haben. EU-Ratschef Donald Tusk telefoniert mit Staats- und Regierungschefs, um das weitere Vorgehen zu besprechen nach der historischen Finanzministersitzung vom Vorabend, mit der die "Rettungspolitik" in Griechenland zu einem Ende gekommen ist. Die Finanzstaatssekretäre der Euroländer besprechen sich, für jeden Tag der nächsten Woche, in der mit Turbulenzen in Griechenland und an Finanzmärkten zu rechnen ist, sind weitere Runden angesetzt. In mehreren Schaltkonferenzen, erzählt ein Diplomat, soll die Welt beruhigt werden, dass Europa klarkommt, und Griechenland ein unrühmlicher Einzelfall bleibt - erst die westlichen Industrienationen der G7, dann die asiatischen Euro-Staatsinvestoren im G20-Zirkel, später alle wichtigen Zentralbanken rund um den Globus. Schon die Erklärung vom Vorabend hat zugesagt, "alles Nötige zu tun, um die Finanzstabilität der Eurozone zu sichern".

Viele Vorwürfe

Es ist an Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem gewesen, diese Botschaft in seiner Pressekonferenz am Samstagabend in die Welt zu schicken. Er bietet auch humanitäre Hilfe für Griechenland an: "Die EU steht bereit, das griechische Volk nach Auslaufen des Kreditprogramms zu unterstützen." Als einer griechischen Journalistin dämmert, was es für ihr Land bedeutet, dass eine weitere Verlängerung abgelehnt wurde und keine neuen Hilfskredite mehr fließen werden, bricht sie in Tränen aus. Gianis Varoufakis hat es sich in der Eurogruppe mit allen verscherzt. Ein Minister, der nicht namentlich genannt werden will, nennt ihn einen "Egomanen, der mein demokratisches Mandat völlig ignoriert hat."

Mit Vorwürfen hat auch der so Gescholtene auf seiner überfüllten Pressekonferenz nicht gespart - in Richtung Deutschland und des Internationalen Währungsfonds (IWF), die sein Land weiter in die Rezession hätten kürzen wollen: "Den Griechen zu verweigern, per Referendum über die Maßnahmen abzustimmen, untergräbt die Glaubwürdigkeit der Eurozone dauerhaft." Es herrscht am Samstagabend fast so etwas wie Erleichterung, als nur noch 18 statt 19 Euroländer am Tisch sitzen. Varoufakis hat, berichten Sitzungsbeobachter, wütend den Raum verlassen, nachdem der juristische Dienst auf seine Beschwerde hin erklärte, dass es sehr wohl möglich ist, ein Statement der Eurogruppe abzugeben, das ein Land nicht mitträgt. Erst soll fassungsloses Schweigen geherrscht haben.

Schäuble: Euro bleibt stabil

Heiter ist es teils auf Wolfgang Schäubles Pressekonferenz zugegangen. Der Finanzminister frotzelt wie eh und je, beschwert sich, dass er aus dem kalten Sitzungs- in den warmen Pressesaal muss: "Wie soll man da seine Erkältung loswerden?" Er sagt, dies sei "kein erfreulicher Tag" und prophezeit "ein paar unruhige Tage" für Griechenland, gibt sich aber sonst betont gelassen: "Der Euro ist und bleibt stabil." Der Auftritt gibt jenen Argumentationsfutter, die in Schäuble einen "Grexit-Betreiber" sehen, wie das der Grünen-Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer formuliert. Dass es ein sofortiges Ausscheiden aus dem Euroraum nicht geben wird und kann, weiß Schäuble. "Griechenland ist und bleibt Mitglied der Eurozone." Vorerst jedenfalls.

"Unerforschtes Gelände"

In den Gängen des Brüsseler Ratsgebäudes sind schon Samstagabend Szenarien diskutiert worden: Wenn das griechische Bankensystem angesichts der vielen Abhebungen oder mangels zusätzlicher EZB-Notkredite kollabiere, müssten die Institute vom griechischen Staat rekapitalisiert, also gerettet werden, um den gesellschaftlich Zahlungsverkehr zu garantieren oder nach längerer Pause wiederherzustellen. Ohne verfügbare Euros müsste Athen Drachmen - zumindest als Parallelwährung - drucken lassen.

Könnte das in der Währungsunion funktionieren? Der irische Finanzminister Michael Noonan hat am Wochenende von "unerforschtem Gelände" gesprochen, das Europa nun betrete. Klar ist nur, dass die Möglichkeit eines Austritts aus der Eurozone in den EU-Verträgen nicht vorgesehen ist, es kann nur die Europäische Union als Ganzes verlassen werden - auf Antrag des betreffenden Mitgliedstaates oder nach Artikel 60 des "Wiener Übereinkommens über das Recht der Verträge" von 1969. Die Bundesregierung, so behauptet es zumindest ein EU-Diplomat, hält den Passus im Fall Griechenland "für anwendbar". Das freilich dürfte die Ultima ratio sein. Für realistischer wird gehalten, dass die griechische Links-Rechts-Regierung politisch nicht überlebt, was nun auf Hellas zukommt. "Tsipras wird bald zu einem bedauerlichen Unfall der griechischen Geschichte werden", glaubt ein hoher EU-Diplomat.