| 18:44 Uhr

Die rettende Idee: Knie stärkt Schulter

Oliver Mattig bei der Beratung in der Schulter-Sprechstunde.
Oliver Mattig bei der Beratung in der Schulter-Sprechstunde. FOTO: Stift
Guben. Eine nicht alltägliche Operation im Naemi-Wilke-Stift Guben bewahrt eine junge Patientin aus Spremberg vor einem frühzeitigen künstlichen Gelenk. Ida Kretzschmar

Von Kindheit an macht einer jungen Frau aus Lieskau bei Spremberg die Schulter zu schaffen. Als sich Juliane Welzel in der orthopädischen Sprechstunde am Naemi-Wilke-Stift vorstellt, wird schnell die Ursache klar. Es handelt sich um eine Bänderschwäche, ein sogenanntes lockeres Schultergelenk, das Schmerzen bereitet.

Eines Tages aber bricht sich die 25-Jährige das Sprunggelenk, muss wochenlang an Stützen laufen. Nun werden die Schulterbeschwerden unerträglich. Sie stellt sich wieder in der Sprechstunde vor, die Oberarzt Oliver Mattig ein wenig scherzhaft "Schulter- , Knie- und Sportlersprechstunde" nennt.

Immerhin ist der 48-Jährige selbst Sportler. Er hat in der Leichtathletik zur DDR-Spitze im Jugendbereich gehört und wurde vor zwei Jahren Vierter bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften der Senioren. Er weiß also, wie schnell man sich gerade an Knie und Schulter beim Sport eine Verletzung zuziehen kann.

Bei Juliane Welzel soll eine MRT (Magnetresonanztomografie) Aufschluss über die Schmerzursache geben. Es zeigen sich Durchblutungsstörungen am Schultergelenkkopf. "Wahrscheinlich eine Folge der Überlastung", sagt Oliver Mattig. "Die Durchblutungsstörungen führen dazu, dass Knochen und Knorpel nicht mehr genug Nährstoffe bekommen und so kaputt gehen", erklärt der aus Cottbus stammende Arzt.

Die Schulter verhakt sich regelrecht, weil eine Delle am Oberarmkopf entstanden war. "Bei älteren Patienten wird in einer solchen Situation ein künstliches Gelenk unumgänglich. Aber bei einer solch jungen Frau? Der Rest des Gelenks war ja noch völlig gesund", erinnert er sich an die Situation vor gut vier Jahren.

Seit 20 Jahren arbeitet Oliver Mattig als Orthopäde im Naemi-Wilke-Stift und trägt seit 2005 als Leitender Oberarzt die Fachverantwortung für den Bereich der rekonstruktiven Schulter-, Ellenbogen- und Kniegelenksorthopädie und der Sporttraumatologie.

So ein Fall ist dem Oberarzt in all den Jahren aber nur einmal untergekommen.

Da stößt er auf eine Publikation, in der acht ähnliche Fälle von einer der renommiertesten "Schulterkliniken" Deutschlands (ATOS Klinik Heidelberg) dokumentiert wurden. Dr. Scheibel, der inzwischen Professor und Leiter der Schulterchirurgie der Charite` ist, konnte von guten OP-Ergebnissen berichten, bei denen nicht benötigter Kniegelenksknorpel zur Stärkung der Schulterregion eingesetzt wurde, so Oliver Mattig: "Mit Dr. Scheibel besteht seit Jahren ein sehr guter kollegialer Fachaustausch, und er bestärkte mich damals darin, meiner jungen Patientin dieses seltene Verfahren zur Linderung der Schmerzen vorzuschlagen", erinnert sich der 48-Jährige.

Die rettende Idee: aus dem Knie kleine Knochenknorpel-Zylinder zu entnehmen und dort, wo die Schulter kaputt war, wieder einzusetzen. "Dem Knie schadet das keinesfalls, werden doch nur Knorpelzylinder aus unbelasteten Bereichen entnommen. Die Bewegung der Kniescheibe beeinträchtigt das nicht", versichert er.

Was Schultern angeht, kennt sich der Oberarzt aus, gehört er doch zu den erfahrensten Orthopäden der Region, sodass viele Patienten auch weite Wege nach Guben nicht scheuen. Zumal er mit vielen Kollegen im Fachaustausch steht und Hospitationen ihn bereits in schulterchirurgische und sporttraumatologische Zentren in Frankreich, England und ganz Deutschland führten. Und doch ist das für ihn ein besonderer Fall.

Juliane Welzel ist heilfroh, dass es eine Alternative zum künstlichen Schultergelenk gibt. Und so kommt es zu der seltenen Operation, mittels der drei Zylinder aus dem Knie das Loch im Oberarmknochen aufzufüllen.

"Die Entscheidung war goldrichtig, sonst wäre das Gelenk nur weiter zerstört worden", sagt Oliver Mattig heute. Sechs Wochen musste die Patientin eine Schulterorthese tragen, wurde der Arm ruhiggestellt. Eine umfassende Reha mit Physiotherapie und Muskelaufbau schloss sich an, um die Schulter wieder richtig in Gang zu bringen. Zwei Jahre lang hat er die Patientin weiterhin in der Sprechstunde betreut.

"Ich habe damals sogar schon wieder beginnen können, aktiv Volleyball zu spielen", erzählt sie glücklich. In den vergangenen zwei Jahren gab es dann für Juliane Welzel wohl keinen Grund mehr, vorbeizuschauen. Vor zwei Wochen sprachen sie miteinander am Telefon. "Meiner Schulter geht es bestens", verkündete sie und verriet obendrein, dass sie im Oktober Mutter geworden sei.

Falls ihre kleine Eva in ein paar Wochen also auf den Schultern reiten will: Dem steht nichts mehr im Wege.

www.lr-online.de/besonderer-fall

Zum Thema:
Oliver Mattig wurde am 23. September 1969 in Cottbus geboren. Nach seinem Medizinstudium an der Humboldt-Universität Berlin und der Charité absolvierte er eine Facharztausbildung Orthopädie am Naemi-Wilke-Stift Guben. Seit Dezember 2002 arbeitet er dort als Oberarzt in der Orthopädischen Abteilung und ab 2005 als Leitender Oberarzt. Im März 2008 erwarb er nach einer Prüfung die Zusatzbezeichnung Spezielle Orthopädische Chirurgie, im April 2008 kam der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie hinzu. Im Juni 2016 bestand er die Prüfung für die Zusatzbezeichnung Sportmedizin.Oliver Mattig ist verheiratet und hat drei Kinder. Er lebt in Cottbus.

Zum Thema:
Umstellungs-Osteotomie ist ein Fachbegriff aus der Orthopädie, der mit Knochendurchtrennen übersetzt werden kann. Das Verfahren kommt bei Patienten mit Arthrose im Knie zur Anwendung, die unter sogenannten X- oder O-Beinen leiden. Die ungleichmäßige Belastung der Knie führt zur Abnutzung auf der Innenseite oder Außenseite. In einem mittleren Stadium ist es möglich, das Bein operativ zu begradigen. Oft treten die Beschwerden in der Lebensmitte auf. Den Patienten bleibt durch die OP ein frühzeitiges künstliches Gelenk erspart. Die Knieprobleme verschwinden. Schöner Nebeneffekt: "Krumme Beine" werden wieder gerade.