Von Torsten Richter-Zippack

Die Lausitz war schon immer Grenzland, und sie ist es auch heute. Seit dem Jahr 1945 teilt die Oder-Neiße-Grenze die Region von Nord nach Süd in einen westlichen deutschen und in einen östlichen polnischen Teil. Eine Million Menschen leben in der deutschen, rund 350 000 Leute in der polnischen Lausitz. Hinzu kommt die von West nach Ost verlaufende Landesgrenze zwischen Brandenburg im Norden und Sachsen im Süden. Zudem berühren sich dort Nieder- und Oberlausitz.

Heute teilt sich die Lausitz auf deutscher Seite auf sieben Land- und einen Stadtkreis auf, von denen lediglich die Kreise Spree-Neiße, Görlitz sowie die Stadt Cottbus komplett in dieser Region liegen. Oberspreewald-Lausitz befindet sich bis auf den winzigen Südwestzipfel jenseits des Pulsnitz-Flüsschens in der Lausitz, von Elbe-Elster ist es der Ostteil, die Altkreise Luckau und Lübben von Dahme- Spreewald, der Süden des Landkreises Oder-Spree sowie die Gebiete östlich der Pulsnitz im Landkreis Bautzen.

Niederlausitzer, Oberlausitzer oder Brandenburger oder was?

Wie fühlen sich nun die Einheimischen? Sehen sie sich als Niederlausitzer? Als Oberlausitzer? Oder eher als Brandenburger beziehungsweise Sachsen? Besonders in der Lausitzer Heide, also dort, wo Nieder- und Oberlausitz sowie Brandenburg und Sachsen zusammenstoßen, gibt es aufgrund der Grenzlage verschiedene Meinungen und Zugehörigkeitsgefühle der Bewohner. Beispielsweise im Kirchspiel Schleife, das acht Dörfer umfasst.

Eines, und zwar Lieskau (Stadtteil von Spremberg), befindet sich in Brandenburg, die übrigen in Sachsen. Edith Penk aus dem zum Kirchspiel gehörigen Ort Rohne betrachtet sich weder als Ober- noch als Niederlausitzerin. „Stattdessen fühle ich mich einem slawischen indigenen Volk, den Lusici, zugehörig, das seit 1500 Jahren in der Lausitz heimisch ist. Also insgesamt als Lausitzer Sorbin/Wendin.“

Die politische Zugehörigkeit Rohnes zum Freistaat Sachsen spielt für Penk keine Rolle. Nur so viel: „Wir sind seit den 1990er-Jahren sogenannte Beutesachsen, ohne irgendeine sächsische Identität zu haben.“ Die Kreise Weißwasser und Hoyerswerda wurden im Jahr 1990 Sachsen zugeordnet, nachdem der Bezirk Cottbus aufgelöst worden war. Von 1815 bis 1945 gehörten diese Gebiete zu Niederschlesien, nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1952 zum Land Sachsen.

Marion Mudra, Hauptamtsleiterin der Gemeinde Schleife, zu der Rohne gehört, sagt, dass sie sich als Oberlausitzerin und Sächsin fühlt. Die Landesgrenze Sachsen-Brandenburg durch das Schleifer Kirchspiel spiele nur eine untergeordnete Rolle. „Wir sehen es eher positiv, da Lieskau zu unserem Kirchspiel gehört.“

Selbstverständnis über Grenzen hinweg

Etwas anders präsentiert sich die Situation in Sabrodt südwestlich von Spremberg. In dem bereits zu Sachsen gehörenden Dorf lebt Volkskünstlerin Dorothea Tschöke, die vor allem durch ihre sorbische Eiermalschule inklusive Ostereiermuseum bekannt ist. Sie fühlt sich eher als Niederlausitzerin. Spremberg, so lautet die Begründung, sei mit knapp zehn Kilometern Entfernung wesentlich näher gelegen als das doppelt so weit entfernte Hoyerswerda. Nicht zuletzt hatte sich im Jahr 1997 der Lausitzer Heimatverein, dem Tschöke angehört, in Spremberg gegründet. Allerdings gehört die Volkskünstlerin seit Jahrzehnten ebenfalls zum Vorstand des Förderkreises für sorbische Kultur mit Sitz in  Bautzen.

Durch die Stadt Lauta verläuft indes direkt die Grenze zwischen beiden Lausitzen. Während Lauta-Dorf und Lauta Stadt (ehemals Lautawerk) zur Niederlausitz zählen, gehört der Ortsteil Laubusch bereits zur Oberlausitz. Lauta war einst dem Kreis Calau (Brandenburg) zugeordnet, später dem Kreis Hoyerswerda im Bezirk Cottbus und heute dem sächsischen Landkreis Bautzen. „Ich fühle mich, und zwar in dieser Reihenfolge, als Lausitzer und als Sachse“, erklärt Bürgermeister Frank Lehmann.

Zwar habe es im Jahr 1990, als es um die künftige Länderzugehörigkeit ging, Fürsprecher für Brandenburg gegeben. Doch letztendlich fiel die Entscheidung, dass der Kreis Hoyerswerda nach Sachsen wechselt. Heute blickt Lehmann manchmal neidisch zum nördlichen Nachbarn. „Bei der Entwicklung des Lausitzer Seenlandes ist Brandenburg weiter.“ Er verschweigt aber auch nicht, dass Sachsen in anderen Dingen die Nase vorn habe. Privat spiele die Landesgrenze für den Lautaer indes keine große Rolle.

Auch die Ruhlander sehen sich nach Angaben von Bürgermeister Uwe Kminikowski eher als Lausitzer, denn als Brandenburger oder Sachsen. „Wir liegen am äußersten Rand Brandenburgs, und so fühlt man sich manchmal auch“, sagt das Stadtoberhaupt. Als Beispiel führt Kminikowski die Sanierung von Straßen an.  „Die zur Verfügung stehenden Mittel reichen gerade mal für Ausbesserungsarbeiten bei Frostschäden.“

Forderungen nach einer Lausitz als selbstständiges Gebiet

Indes gab es in der Vergangenheit immer wieder Bestrebungen, die Lausitz in ein administrativ selbstständiges Gebiet zu verwandeln. Genau vor 100 Jahren mit dem Ende des Ersten Weltkrieges tauchte erstmals die Forderung nach einem Land Lausitz auf, sprich der Vereinigung des Siedlungsgebietes der Sorben/Wenden in der Ober- und Niederlausitz. „Vertreter der obersorbischen Nationalbewegung in Bautzen waren die Protagonisten“, erklärt Dr. Peter Schurmann, Historiker im Sorbischen Institut.

Diese Forderung, so hat der Wissenschaftler weiter recherchiert, wurde auch in den Jahren 1935, nach 1945, anno 1956 sowie 1989/1990 erneut erhoben. „Allerdings blieb sie immer erfolglos“, sagt Schurmann. Jedes Mal hatten die Obersorben die entsprechende Initiative ergriffen. Dagegen gab es in der Niederlausitz stets Vorbehalte, erst recht nach der politischen Wende vor fast 30 Jahren.

Ein Hauptgrund, so sagen die Niederlausitzer, war die Überstülpung des Obersorbischen auf die eigene, die wendische Identität. Aus diesem Grund, so hat Schurmann herausgefunden, legen Schüler aus der mittleren Lausitz um Hoyerswerda und Weißwasser bis heute kaum ihr sorbisches Abitur am Sorbischen Gymnasium in Bautzen ab. „Und Cottbus kommt ja de facto nicht mehr infrage, weil es ein anderes Bundesland ist“, fügt Peter Schurmann an. Dennoch habe es nach 1990 Eltern gegeben, die selbst die Sorbische Erweiterte Oberschule (SEOS) in Cottbus besucht hatten, ihre Kinder wieder an das Niedersorbische Gymnasium, dem Nachfolger des SEOS schickten.