Im Keller stapeln sich an die tausend Säcke voller Papierschnitzel. Hinter dicken Metalltüren öffnen sich im Schein des Neonlichts dunkle Gänge mit tausenden Fotos, Videos und Tonbändern. Auf Metallregalen reihen sich auf 9,5 Kilometern Aktenordner aneinander. Die Papierberge im Archiv der Außenstelle der Gauck-Behörde in Frankfurt (Oder) spiegeln die ganze Niedertracht, mit der die DDR-Staatssicherheit die Bürger in den MfS-Bezirken Frankfurt (Oder) und Cottbus verfolgt hat.

Cottbus war in der DDR eine Stasi-Hochburg. Sie war die Bezirkshauptstadt, die am stärksten mit Spitzeln durchsetzt war. Auf 80 Lausitzer kam nach Angaben der Gauck-Behörde ein Zuträger. Im DDR-Durchschnitt war es einer auf 100 Menschen. Das Netz des MfS war über Kreisdienststellen in Cottbus, Calau, Finsterwalde, Forst, Guben, Herzberg, Hoyerswerda, Jessen, Liebenwerda, Luckau, Lübben, Senftenberg, Spremberg, Weißwasser und die Objektdienststelle Schwarze Pumpe dicht geknüpft. Etwa 2200 hauptamtliche Mitarbeiter zählte die Cottbuser Bezirksverwaltung.

"Sie stützte sich auf eine Heerschar Informeller Mitarbeiter (IM). Es waren weit unter 10 000", behauptete Generalmajor a. D. Horst Fitzner, Leiter der Cottbuser Spitzelbehörde, noch im April 1991 öffentlich. Zu einer flächendeckenden Überwachung der Bevölkerung habe deren Anzahl nicht ausgereicht.

Die rund vier Kilometer Akten zum Cottbuser MfS-Bezirk in der Frankfurter Außenstelle der Gauck-Behörde sprechen allerdings eine andere Sprache. Sie machen deutlich, wie gründlich die Stasi in der Region alles beschnüffelt und jeden bespitzelt hat. Eine eigene Außenstelle der Gauck-Behörde hat Cottbus als einziger MfS-Bezirk dennoch nicht. Alle vorhandenen Unterlagen lagern in Frankfurt. Die Wirren der Wende sind dafür verantwortlich.

Es war im Dezember 1989, als das Bürgerkomitee von Aktenvernichtungen in der Cottbuser Stasi-Zentrale am Nordrand Wind bekommen hatte. Unruhe breitete sich aus, Bürgervertreter, Volkspolizei und Staatsanwalt rückten aus, um das Archiv zu sichern. Eine Regierungskommission wurde eingesetzt, um die dort eingelagerten Dokumente zu schützen und alle verfassungswidrigen Akten auszusortieren, die vernichtet werden sollten – darunter alles, was zur Überwachung der Bürger veranlasst worden war.

Eine unbefugte Einsichtnahme und Offenlegung der Akten und der Namen der an ihrer Entstehung beteiligten inoffiziellen Mitarbeiter des MfS beschwöre eine große Gefahr für die Gesellschaft herauf und könne sogar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen bis hin zu Mord und Terror führen, argumentierte der Regierungsbeauftragte für den Bezirk Cottbus, Erhard Neubert. Damit künftig jeder Bürger ohne Angst und ohne psychischen Druck leben und arbeiten kann, müssten die Akten vernichtet werden.

Auch das Cottbuser Bürgerkomitee zur Kontrolle der Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit teilte im Kern die Meinung, dass die Akten der Öffentlichkeit nicht preisgegeben werden dürften, weil dieser politische Zündstoff kaum kontrollierbar wäre, wie dessen Sprecher Gunnar Pflug damals sagte. Doch einer weiteren Vernichtung der Dokumente, die die Stasi schon vor dem Zugriff der Bürger eingeleitet hatte, schoben die Bürger einen Riegel vor. "Wir haben die Papierberge eingesackt, in Bunker eingelagert und zubetoniert", so Pflug im Februar 1990. Was daraus werde, bleibe der Entscheidung einer ordentlich legitimierten Regierung vorbehalten.

Daraufhin moderten die Dokumente, deren Systematik durch die Hals-über-Kopf-Aktion weitgehend zerstört war, in den zubetonierten Munitionsbunkern bis April vor sich hin, dem Zerfall relativ ungeschützt ausgesetzt. Am 22. April 1990 wurde deshalb gehandelt: Die 100 Tonnen zum Teil ungeordnete Stasi-Akten wurden nach Frankfurt (Oder) geschafft – und blieben dort, bis heute.

Viele ungeordnete Akten

Noch haben die etwa 50 Mitarbeiter der Frankfurter Außenstelle nicht alle vorhandenen Stasi-Unterlagen zu den MfS-Bezirken Cottbus und Frankfurt (Oder) ausgewertet. Es sind erst vier Fünftel der personen- und teilweise sachbezogenen Daten. Ein Teil der Unterlagen ist nach wie vor ungeordnet. In Dutzenden Kartons befinden sich Dokumente, unter anderem mit personenbezogenen Angaben, die sich auf 15 oder 20 Themen beziehen. "Die Erschließungsarbeit ist noch nicht abgeschlossen", sagt Mitarbeiterin Martina Breitmoser. Wer aber 1995 einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt hatte und heute erneut einen stellt, wird unter Umständen heute weitere Unterlagen bekommen.

Die Frage, wie viel Wahrheit Opfern und Tätern gut tut, haben die Menschen in der Region inzwischen auf ihre Weise beantwortet: Als die Gauck-Behörde im Dezember 1995 erstmals eine offene Woche in Cottbus veranstaltete, kamen weit über 1000 Menschen, die wissen wollten, wer sie bespitzelt hatte und was über sie geschrieben worden war. "126 000 Antrage auf Aktenauskunft, -einsicht und -herausgabe sind bis heute in der Frankfurter Gauck-Außenstelle eingegangen. Je zur Hälfte aus den MfS-Bezirken Frankfurt und Cottbus", sagt Behörden-Mitarbeiterin Martina Breitmoser. Etwa 6000 Anträge sind noch offen. Und monatlich kommen im Schnitt 430 neue Anträge hinzu.

Eine Lesestelle erspart schon seit Jahren den weiten Weg von Cottbus nach Frankfurt (Oder) zum Aktenstudium. Jetzt enthüllt die Gauck-Behörde zudem vor Ort ihre neuen Erkenntnisse zum Wirken der Stasi in der Region. Zwar gehörte Cottbus zu den letzten Bezirken der DDR, die von der friedlichen Revolution erfasst worden waren. Gleichwohl hatte es aber auch dort schon lange zuvor oppositionelle Kreise gegeben, meist unter dem schützenden Dach der Kirche.

Kirche und Jugend im Visier

Aus neu aufgefundenen Unterlagen hat die Gauck-Behörde jetzt rekonstruiert, wie die Stasi die Cottbuser Lutherkirche oder die Jugendszene ins Visier nahm, wie die Objektdienststelle Schwarze Pumpe agierte, wie drei Cottbuser Oberschüler, nachdem sie Flugblätter verteilt hatten, 1959 vom Bezirksgericht Cottbus zu Haftstrafen verurteilt worden sind.

Nicht ganz zufällig intensiviert die Außenstelle derzeit ihre Bemühungen um mehr Öffentlichkeit. Die Jahre, in denen der Behörde in Frankfurt die Bude eingerannt worden sei, seien vorbei, hatte Außenstellen-Leiter Rüdiger Sielaff kürzlich gesagt. Für mehr Anziehungskraft sollen bei den Info-Tagen neue Schautafeln, Musterakten zur Region sowie erweiterte Ton- und Videoaufzeichnungen in der Cottbuser Lesestelle sorgen.

Vor allem junge Leute, die Diktatur nicht erfahren und deshalb dafür empfänglich sein könnten, hat die Behörde dabei im Blick. „Wir wollen Lehrer als Multiplikatoren ansprechen“, so Sielaff. Das Interesse der Schulen ist zumindest schon gewachsen. "Wir sind froh", sagt Sielaff, "dass in Brandenburg die Behandlung der DDR-Geschichte nun im Lehrplan verbindlich geregelt ist." Und Martina Breitmoser erklärt: "Vorher fehlte aus verschiedensten Gründen oft die Zeit, dieses Thema zu behandeln."

Hintergrund: Vorträge über die Stasi in der Region

Heute beginnen die Info-Tage der Außenstelle der Gauck-Behörde in Frankfurt (Oder), zuständig für den ehemaligen Cottbuser Bezirk des Ministeriums für Staatssicherheit, in der Region. Um 19 Uhr wird heute die Ausstellung „Die Arbeit am Feind . . .“ in der Cottbuser Oberkirche St. Nikolai, Oberkirchplatz 1, eröffnet. Die Ausstellung, die einen Überblick über das Wirken der Stasi in der Region gibt, ist bis zum 7. April täglich geöffnet. Ab 19.30 Uhr spricht Ehrhart Neubert in der Oberkirche über die Mauer in den Köpfen.
Morgen, 18. März, gastiert ab 13 Uhr das Theaterprojekt Beschädigte Seelen in der Oberkirche.
Am Mittwoch, 19. März, referiert Jochen Hecht ab 18 Uhr in der Cottbuser Lesestelle der Gauck-Behörde, Straße der Jugend 114, über die Vernichtung von Stasi-Unterlagen in der Wendezeit und deren Rekonstruktionsmöglichkeiten.
Am Mittwoch, 9. April, erklärt Wolfgang Welsch im Paul-Gerhard-Gymnasium in Lübben, Berliner Chaussee 2: Ich war der Staatsfeind Nummer 1. Beginn der Veranstaltung ist 18.30 Uhr. Eine Stunde vorher kann die Ausstellung „Die Arbeit am Feind . . .“ besichtigt werden.
In Elsterwerda findet am Dienstag, 20. Mai, im Elsterschloss-Gymnasium, Schlossplatz 1a, ab 18 Uhr eine Diskussionsrunde zwischen Schülern und Zeitzeugen zum Speziallager Mühlberg statt.