Wer den neuen Vertrag nicht unterschreibt, dem wird gekündigt: Die Deutsche Post zwingt derzeit ihre rund 750 Agenturnehmer in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, künftig für weitaus weniger Geld für sie zu arbeiten. Verbraucherschützer warnen, dass etwa jede dritte Post-Agentur wegen der geringeren
Vergütung schließen müsste. Bei den Agenturbetreibern in der Lausitz und im Elbe-Elster-Kreis geht die Existenzangst um.
Seinen Namen will keiner der Agenturbetreiber aus der Region in der Zeitung lesen. Kritik am Vorgehen der Post wird nur hinter vorgehaltener Hand laut. „In unserer Region haben alle Angst und unterschreiben deshalb die Neuverträge mit den schlechteren Konditionen“ , sagt eine Lausitzer Agenturnehmerin.
Einer ihrer Kollegen erläutert: „Rechtlich ist das in Ordnung, aber am Jahresende werde ich gucken müssen, ob sich die Agentur noch lohnt.“ Zwei andere sagen: „Wir leben davon. Ohne Postschalter könnten wir unser Geschäft zumachen.“ Und eine weitere Postpartnerin erklärt: „In meinem Neuvertrag ist Stillschweigen vereinbart: Verstoße ich dagegen, erhalte ich die Kündigung.“
Mathias Kretzschmar lässt diese Befürchtung kalt. „So einen Vertrag kann man nicht unterschreiben, da kann man sich ja gleich selbst erschießen“ , sagt der Schreibwarenhändler unverblümt allen, die es hören wollen. Kretzschmar ist der brandenburgische Sprecher des Postagenturnehmerverbands Deutschland e.V., der sich vehement gegen die Neuverträge zur Wehr setzt.

Bald kleinerer Pauschalbetrag
Seit einigen Jahren betreibt Kretzschmar in Erkner nebenher eine Post-Agentur. Für jede einzelne Leistung, die er im Auftrag der Post erledigte, zahlte ihm das Unternehmen bislang wie allen rund 7500 Agenturnehmern in Deutschland eine Provision. Künftig sollen die Agenturbetreiber aber für die meisten Leistungen wie Briefmarkenverkauf oder Paketannahme nur noch einen Pauschalbetrag erhalten. Und der ist wesentlich niedriger.
Nach Angaben des Postagenturnehmerverbands verringert sich die Vergütung der Agenturnehmer künftig um insgesamt 25 bis 35 Prozent – bei durchschnittlich sechs bis sieben Euro, die sie derzeit brutto pro Stunde erhalten. Die Kündigungsfristen von bisher 18 bis 24 Monaten werden in den Neuverträgen zudem auf maximal sechs Monate gekürzt. Wer länger als zwei Tage geschlossen hat – zum Beispiel wegen Krankheit – kriegt die Kündigung. Verhandlungsspielraum gibt es nicht.
„Ich zum Beispiel würde durch den Neuvertrag, lege ich die Umsatzzahlen des letzten Jahres zu Grunde, 6000 Euro Minus mit meiner Agentur machen“ , sagt Kretzschmar und kündigt an: „Rechnet sich die Postagentur nicht, kommt bei mir halt etwas anderes ins Geschäft rein.“
Wie Kretzschmar denken bundesweit viele. „Ich erwarte, dass etwa ein Drittel der Agenturnehmer den neuen Vertrag nicht unterschreiben wird, weil es sich nicht mehr lohnt“ , sagt Verbraucherschützer Elmar Müller, bis vor kurzem noch Beiratsvorsitzender der Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation und inzwischen Sprecher der Interessengemeinschaft PostKundenForum, in der sich Einzelhändler, Versicherungen, Verbände und Bundestagsabgeordnete zusammengefunden haben. „In Süddeutschland werden es aber wohl mehr Verweigerer als im ost- und norddeutschen Raum sein.“

Postversorgung in Gefahr?
Dort sieht Müller inzwischen gar die flächendeckende Post-Versorgung der Bürger in Gefahr. „Ich kenne schon Fälle, in denen jemandem gekündigt wurde und in denen keine Chance besteht, dass jemand anderes im Ort die Agentur übernimmt“ , erklärt er. Deshalb befasse sich mittlerweile auch die Regulierungsbehörde mit dem Thema. „Ich glaube, dass unser Protest Wirkung zeigen wird“ , sagt Müller. „Der Kampf lohnt sich.“
Die Post rechtfertigt ihr Vorgehen mit Sparzwängen. Durch die Reduzierung des Briefportos muss sie einen Einnahmeverlust von voraussichtlich 300 Millionen Euro in diesem Jahr ausgleichen. „Unser Vorgehen ist nur der Versuch, über eine Vertragsänderung das Filialnetz so wirtschaftlich und effektiv wie möglich zu gestalten“ , sagt Post-Sprecherin Sylvia Blesing auf RUNDSCHAU-Anfrage. „Das ist ein ganz normaler Vorgang“ , erklärt sie und spricht von „veränderten Kundenwünschen“ und von „neuen Dienstleistungen“ , die die Agenturnehmer jetzt zusätzlich anbieten dürften. „Da ist jetzt der Verkäufer gefragt“ , sagt Sylvia Blesing und führt die Vertragsfreiheit an. „Wir drängen niemanden zu unterschreiben“ , sagt sie. „Akzeptiert unser Partner die neuen Vertragsbedingungen aber nicht, dürfen wir ihm unter Einhaltung der bis zu zweijährigen Kündigungsfrist kündigen.“ Gesetzlich ist die Post nur zum Betrieb von 12 000 Filialen verpflichtet. 1000 Filialen oder Agenturen dürfte sie schließen. Wie viele davon in der Region betroffen sein könnten, verschweigt die Post – offenbar auch, um die Drohkulisse aufrechtzuerhalten.
„Das wirkt. Der einzelne kleine Agenturnehmer lässt sich dadurch leicht einschüchtern“ , sagt Kretzschmar, der jetzt vor allem auf die Einzelhandelsketten hofft. „Wenn Rewe oder Reichelt sich weigern, den Neuvertrag zu unterschreiben, kann die Post nämlich einpacken.“