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Die PKK will salonfähig werden - und runter von den Terrorlisten

Istanbul. Waffenstillstand und Friedensverhandlungen in der Türkei, nun auch noch eine Entschuldigung an die Adresse Deutschlands: Die PKK gibt sich gewandelt - und strebt nach Legitimität. Can Merey

In den 1990er Jahren trug die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK ihren Kampf um Unabhängigkeit von der Türkei auch nach Deutschland: PKK-Anhänger blockierten Autobahnen, Selbstverbrennungen machten Schlagzeilen. Nun bittet der operative Anführer der PKK, Cemil Bayik, Deutschland "im Namen der PKK" um Entschuldigung. Die PKK versucht, salonfähig zu werden - und sie will von den Terrorlisten der EU und der USA gestrichen werden. Indirekt zu mehr Legitimität verholfen hat der PKK ausgerechnet ihr Erzfeind: Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Der Kampf um Kobane hat der kurdischen Bewegung massiven Auftrieb gegeben. Kurdische Kämpfer der syrischen PKK-Schwesterpartei PYD waren es, die die IS-Dschihadisten im Januar aus der Grenzstadt zur Türkei vertrieben. Zahlreiche türkische Kurden waren außerdem dem Ruf der PKK zur Verteidigung Kobanes gefolgt. Frankreichs Präsident François Hollande empfing die Ko-Vorsitzende der PYD, Asya Abdullah, nach der Befreiung Kobanes und ließ sich im Élysée-Palast mit ihr ablichten. Die PYD ist schließlich weder in den USA noch in der EU auf der Terrorliste - dabei ist sie von der PKK nicht zu trennen.

Auch die PYD schwört dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan Treue. Als Asya Abdullah beim kurdischen Newroz-Neujahrsfest am 21. März in der türkischen Kurden-Metropole Diyarbakir auftrat, grüßte sie die Kämpfer in Syrien, "die Gefangenen der PKK und Anführer Öcalan". Öcalan ist weiterhin der unbestrittene Anführer der kurdischen Autonomiebewegung, obwohl er seit 1999 in Haft sitzt.

Öcalan ist es, der die PKK in der Türkei von seiner Gefängnisinsel Imrali aus weg von ihrem gewalttätigen Kurs zu lenken begann. Seit 2012 führt er Friedensgespräche mit der Regierung in Ankara. Am Newroz-Fest 2013 ließ er einen Waffenstillstand ausrufen, der zwar brüchig ist, insgesamt aber hält. Dieses Jahr forderte er die PKK-Kämpfer dazu auf, unter bestimmten Bedingungen die Waffen niederzulegen und eine "neue Ära" des Friedens zu beginnen.

Inzwischen fordert die PKK - zumindest offiziell - auch kein unabhängiges Kurdistan mehr, sondern mehr Rechte für die kurdische Minderheit. Die Organisation habe sich gewandelt, sagt PKK-Funktionär Bayik im nordirakischen Kandil-Gebirge dem WDR und dem NDR. "Wir möchten nicht mehr gegen die Türkei kämpfen."

Der neue Kurs sei nicht als Schwäche der PKK zu verstehen, betont der kurdische Politiker Abdullah Demirbas - im Gegenteil. "Während der Kämpfe um Kobane haben sich Tausende junge Menschen der Organisation angeschlossen", sagt er. "Die PKK ist so stark wie nie." Demirbas kandidiert für die PKK-nahe Partei HDP bei der Parlamentswahl im Juni. Pro-Kurdische Parteien wie die HDP wurden lange Zeit nur von Kurden gewählt. Auch das hat sich geändert.

Die liberale HDP ist inzwischen Hoffnungsträger vieler Gegner von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, die von den Oppositionsparteien CHP und MHP enttäuscht sind. Sollte es der HDP gelingen, im Juni die Zehn-Prozent-Hürde zu überwinden, würde sie eine verfassungsändernde Mehrheit der islamisch-konservativen AKP verhindern. Dann dürfte Erdogan seine Träume von einem Präsidialsystem mit ihm an der Spitze auf absehbare Zeit begraben müssen.

Demirbas hat selber einen Sohn, der bei der PKK ist. Der Kurden-Politiker kritisiert, dass die PKK im Westen weiterhin als Terrororganisation geführt wird. Die PKK wolle Teil des demokratischen Prozesses werden. "Es ist ein Widerspruch, wenn die EU die PKK auf der Terrorliste behält", sagt er. "Sie auf der Liste zu belassen heißt, wir wollen nicht, dass Ihr Euch demokratisiert."