D er Ort könnte kaum ungemütlicher sein: Ein großer Supermarktparkplatz, eine vierspurige Ausfallstraße und das kalte Licht der Straßenlaternen. Dennoch haben sich die Wiesbadener Papageien genau diese Stelle für ihr regelmäßiges Nachtquartier ausgesucht. Rund 800 frei lebende Halsbandsittiche übernachten hier gemeinsam in den Kronen einer kleinen Baumgruppe. Der Anflug über den schmalen Grünstreifen auf die Schlafbäume ist ein allabendliches Spektakel: Innerhalb von nur rund zehn Minuten kommen die etwa 40 Zentimeter großen Papageien mit lautem Geschrei in kleinen Schwärmen angesaust - die winterlich kahlen Äste werden durch die Gefieder der Vögel schlagartig grün gefärbt.
D er Papageienexperte Detlev Franz, der die Exoten seit mehr als zehn Jahren intensiv beobachtet, sagt: „Die Schlafkolonie bietet einen guten Schutz gegen nächtliche Räuber - und ist dazu noch ein Heiratsmarkt.“ In Outdoor-Kleidung steht der Hobby-Ornithologe unter den Bäumen, nimmt immer wieder sein Fernglas vor die Augen. Alle Beobachtungen vermerkt er sorgsam in einem roten Notizbuch, etwa wann der Anflug beginnt und wie viele Papageien an diesem Tag auf den Bäumen übernachten. Um die Anzahl in jedem kleinen anfliegenden Schwarm zu schätzten, braucht man gute Augen, denn die Vögel sind rasant unterwegs. „Ein Halsbandsittich kann bis zu 70 Stundenkilometer schnell fliegen“ , sagt Franz.
D er laute Straßenverkehr und das Licht machen den Vögeln nichts aus - im Gegenteil. „Sie suchen sich ihre Schlafplätze nach diesen Kriterien aus“ , berichtet der Experte. Der Lärm biete einen guten Schutz gegen Eulen, die bei dieser Lautstärke nicht jagen können. Zudem mögen die Beutegreifer kein Licht. Dass die kleine Baumgruppe einzeln auf einem Rasenstück steht, soll die Vögel gegen Affen schützen, die sich dann gut sichtbar über den Boden anschleichen müssten - ein Relikt aus den exotischen Heimatländern der Tiere.
W enn die Papageien in den Bäumen gelandet sind, geht erstmal ein lautes Gekreische los. „Die Vögel nutzen die Schlafkolonie auch zum Informationsaustausch“ , erzählt Franz. Ihr Mitteilungsdrang wurde den Exoten allerdings auch schon zum Verhängnis: Ein genervter Anwohner fällte an einer anderen Stelle in Wiesbaden illegal eine Schlaf-Platane und zersägte sie. Zu früh gefreut: Nach kurzer Zeit besetzten die Vögel einen Nachbarbaum.
Insgesamt leben in Wiesbaden und Umgebung derzeit rund 1300 Halsbandsittiche (Psittacula krameri) und mehrere Hundert der knapp 55 Zentimeter großen Alexander-Sittiche (Psittacula eupatria) frei. Dazu gesellen sich noch ein paar „Gefangenheitsflüchtlinge“ , wie etwa ein Dutzend Amazonen. Das kalte Winterwetter und Minusgrade machten den Tieren nichts aus, sagt Franz. Vor allem Halsband- und Alexander-Sittiche sind ziemlich robust. In deren Heimatregionen in Indien und Afrika kann es - wie in Deutschland - empfindlich kalt werden. „Limitierende Faktoren sind vielmehr das Angebot von Nahrung und Bruthöhlen.“
Dabei sind die Sittiche nicht wählerisch: Die Vegetarier knabbern alle möglichen Blätter, Früchte und Samen - etwa von Eschen, Platanen, Hainbuchen und Linden, aber auch von Rosskastanien, Pappeln oder Ahorn. „Populationen frei lebender Papageien siedeln sich meist in der Nähe größerer Parks und Wohngebiete an“ , sagt Thomas Bartels, Zoologe an der Vogelklinik der Universität Leipzig. „Dann landen Sonnenblumenkerne aus dem Vogelhäuschen, die eigentlich für die Meisen bestimmt waren, auch mal beim Halsbandsittich.“
Kalte Temperaturen sind für die Exoten grundsätzlich kein Problem. „Vor allem trockenen Frost vertragen sie gut, schwieriger kann es bei nasskaltem Wetter werden, dann lässt wahrscheinlich die Isolationsfähigkeit des Gefieders nach.“ Das Fliegen und Übernachten im Schwarm schütze die Papageien vor Feinden. „Ein Sperber oder Habicht hat es dann deutlich schwerer, einzelne Tiere zu fixieren“ , sagt Bartels. Ansonsten können die frei lebenden Papageien grundsätzlich die gleichen Infektionen bekommen, wie ihre Artgenossen in Gefangenschaft - etwa die Papageienkrankheit. Vogelgrippe tritt bei ihnen dagegen eher nicht auf, da der Kontakt zu Infektionsherden fehlt.
T agsüber sitzen die grünen Schreihälse in Gruppen, aber auch allein oder als Pärchen in den Fress- und Brutbäumen im Wiesbadener Stadtgebiet - manche fliegen auch auf die Mainzer Rheinseite hinüber. Ende Januar ist die Brutzeit in vollem Gange, nach den Beobachtungen von Detlev Franz werden zwischen der 9. und 16. Kalenderwoche die Eier gelegt. Die vorherige Balz ist vor allem bei den Halsbandsittichen eine schwierige Angelegenheit - wegen der eher angriffslustigen Weibchen. „Die sind ziemlich kiebig. Die Männchen setzen sich meist nur gerade so nah an die Weibchen, dass diese nicht nach den Füßen picken können.“ Kuscheln ist bei Halsbandsittichen nicht üblich.
Während die Spaziergänger im Wiesbadener Schlosspark frieren und die Hände tiefer in die Taschen stecken, ist an den zahlreichen Bruthöhlen bereits geschäftiges Treiben zu beobachten. Mal allein, mal zu zweit hocken Papageien in den Hohlräumen der alten Bäume, ab und an strecken sie ihre Köpfchen hinaus. Für die Gelege benutzen sie entweder alte Nester, die auch schon von anderen Höhlenbrütern wie Hohltauben, Spechten oder Dohlen genutzt wurden, oder nagen mit ihren kräftigen Krummschnäbeln neue Eingänge in Ästen frei.
Außer in Wiesbaden gibt es nach den Informationen von Franz unter anderem in Düsseldorf, Köln, Heidelberg und Stuttgart freilebende Papageienpopulationen in Deutschland. Dabei sind die Tiere rechtlich gesehen den heimischen Vogelarten gleichgestellt - denn sie haben sich über mehrere Generationen hinweg ohne menschliche Hilfe vermehrt.
In der hessischen Landes hauptstadt Wiesbaden wurden die ersten frei lebenden Papageien etwa 1975 beobachtet, erzählt Franz. Vermutlich seien sie aus Gefangenschaft entkommen, als ein Baum auf die Voliere eines Zoo-Geschäftes stürzte. Andere Experten sind der Ansicht, die ersten Wiesbadener Papageien stammen von der Kölner Population ab, die dort Lehrbüchern zufolge seit Ende der 60er-Jahre brüten.
In Stuttgart entdeckten Tierpfleger des Zoos „Wilhelma“ 1984 erstmals eine frei fliegende Gelbkopfamazone - ihre Herkunft konnte jedoch nicht geklärt werden. Der Papagei wurde durch den Winter gefüttert, Tierfreunde kauften einen zweiten Vogel und ließen ihn frei. Die beiden Amazonen wurden ein Pärchen und zogen kurz darauf drei Junge groß. „Bei einer Zählung Mitte Januar haben wir an einem Schlafplatz 45 Tiere beobachtet“ , sagt der Biologe Michael Schmolz. Allerdings gehe er davon aus, dass es vermutlich insgesamt rund 70 Papageien sind.
Obwohl in Deutschland nach den Worten der Experten noch keine negativen Auswirkungen auf die Populationen der „alteingesessenen“ Vogelarten nachgewiesen wurden, kann der Zuzug von „Neozoen“ durchaus zu Problemen führen. „Etwa wenn durch das Verbeißen von Knospen größere Schäden auftreten, zum Beispiel in Obstplantagen“ , so Zoologe Bartels. „Papageien haben sich auch schon unbeliebt gemacht, wenn sie sich ihre Höhlen in Fassaden bauen.“ Dies geschehe vermutlich, wenn es an natürlichen Bruthöhlen mangele.
D ass die Exoten den ursprünglich heimischen Vögeln Bruthöhlen wegnehmen, glaubt der Zoologe dagegen eher nicht. „Sie benutzen zwar Höhlen, in denen früher Hohltauben, Dohlen und Spechte nisteten - aber sie bauen auch neue.“ Dass Papageien bei vielen Menschen so beliebt sind, liegt nach seiner Ansicht vor allem an ihrem oft bunten Federkleid und interessanten Sozialleben. „Sie leben zu zweit oder zu vielen gemeinsam, und einige Arten verfügen ja über ein gutes Nachahmungsvermögen.“ Frei lebende Papageien ließen sich zudem gut beobachten.
E ine Radfahrerin, die in der Nähe des Schlossparks wohnt, sagt: „Ich finde es in Ordnung, dass hier im Park Papageien leben. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es die Anwohner stört, weil die so laut sind.“ In ihrem Garten habe sich mal ein Schwarm von mindestens 50 Papageien in den Nussbaum gesetzt. „Das war ein Gezeter und Geschrei.“ Geräubert hätten die Tiere jedoch nur wenige Nüsse - die meisten seien runtergefallen.
Detlev Franz vermisst derzeit rund 500 Vögel am Schlafplatz. Er vermutet, dass die Population so groß geworden ist, dass sich eine Gruppe einen neuen Schlafplatz gesucht hat. Wie findet man den neuen Schlafplatz? „Man muss in der Richtung suchen, in die die Papageien fliegen“ , rät der Hobby-Vogelkundler. In Deutschland habe es im Übrigen schon früher frei lebende Papageien gegeben, erzählt er zum Abschied augenzwinkernd: Vor rund 50 Millionen Jahren flatterten Verwandte der heutigen Tiere umher. Dies bewiesen Fossilien, die in der Grube Messel bei Darmstadt gefunden wurden.
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