Es ist Samstagnachmittag, Kaffeezeit. Bei schönstem Frühlingswetter sitzen über 20 Menschen an drei Tischen. Gesellig geht es auf dem überschaubaren Vierseitenhof der Familien Wels und Michauk in Wittichenau zu. Dort dreht sich an diesem Wochenende alles um eines der besonderen Ereignisse des Kirchenjahres: die Kreuzreiter-Prozession zur Verkündigung der Auferstehung Jesu Christi.
Als Norbert Janek (39), Philipp Schwabe (17) und Simon Michauk (15) gerade auf ihren Pferden in den Bauernhof einreiten, ist die Freude über die Heimkehrer groß. „Alles gut gegangen?“ , ruft Vater Thomas Michauk seinem Filius fragend zu. Der nickt und sein Freund Phillip stimmt ihm zu: „Alles okay mit den Pferden.“ Die beiden Freunde sind am Ostersonntag zum ersten Mal bei einer Reiter-Prozession auf ihren Tieren unterwegs. Als Erstreiter stehen sie dank ihres Myrtenkränzchens am Revers im Blickpunkt der Zuschauer.
Genauso gut ist in diesem Jahr Norbert Janek zu erkennen. Er trägt als einer von insgesamt zehn Wittichenauer Reitern den Silberkranz am Frack-Kragen. Zum 25. Mal sitzt er in diesem Jahr hoch zu Ross und verkündet die Auferstehungsbotschaft zu Ostern. „Ich bin glücklich und auch ein bisschen stolz, diese Zahl geschafft zu haben“ , erzählt er am Kaffeetisch. Nur überbewertet solle das nicht werden. Viel lieber redet Norbert Janek von den Ursprüngen des Kreuzreitens in Wittichenau. Der Prozessionsweg der Wittichenauer Reiter mit dem Zielort Ralbitz sei eine Auswirkung der Reformation gewesen, sagt er. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts sei Wittichenau enger mit Hoyerswerda verbunden gewesen, das sich dann aber vom katholischen Glauben abgewandt hatte. „Die nächstgelegene katholische Pfarrgemeinde war dann Ralbitz“ , sagt Janek. Und so geht es nun schon seit 466 Jahren hin und wieder zurück. „Mit allen Kirch-Umritten des Prozessionszuges ergeben sich etwa 30 Kilometer Strecke pro Osterritt“ , so der Jubiläumsreiter.

Messe um fünf Uhr
Aber noch etwas lässt die Augen von Norbert Janek beim Erzählen aufblitzen. „Vom Pferd gefallen bin ich auch schon, aber noch nie zu Ostern“ , erzählt er und fügt hinzu: „Viel schöner ist es, dass ich die 25 Jahre durchweg reiten konnte.“ Genau wie Simon Michauk hatte auch Norbert Janek mit 15 Jahren seinen ersten Ritt bei einer Osterprozession.
Philipp und Simon haben die Pferde inzwischen in der Garage angebunden, die vorübergehend zum Stall umfunktioniert ist. Sie halten sich nicht lange an der Kaffeetafel auf, aber ein paar Tipps von älteren Reitern bekommen sie dennoch mit auf den Weg. „Macht Euch Euren Zylinder ordentlich fest. Denn wenn der runterfällt, können die Pferde schon mal scheuen“ , wissen die erfahrenen Reiter. Kurz danach verabschieden sich Philipp und Simon in den Stall. Die Pferde werden gestriegelt, gefüttert und der Stall ausgemistet. Das Zaumzeug wird probehalber angelegt und kontrolliert, ob alles sitzt. „Die Zeit für Korrekturen ist am Ostersonntag knapp. Viel Zeit bleibt da nicht“ , fügt Norbert Janek erklärend hinzu.
Für ihn beginnt dieser Ostersonntag noch mitten in der Nacht. Er hat Küsterdienst in der Wittichenauer Kirche und steht Sonntagmorgen 3.45 Uhr vor der Kirche. Er trifft letzte Vorbereitungen für die Osterreiter-Messe. Die beginnt pünktlich fünf Uhr. Aber schon eine halbe Stunde vor Beginn sind die Reihen in der Kirche gut gefüllt. Am Rand müssen sogar Klapp- und Campingstühle als Behelfsplätze dienen, hinter den Kirchbänken stehen zahlreiche Männer und Frauen. Stolz und voller Eleganz mit einheitlicher Reitkleidung haben die Osterreiter in den Bänken zur Messe Platz genommen. Die Predigt halten Kaplan Roland Elsner und der sorbische Pfarrer Martin Delling. Priester Marko Dutschke verliest das Evangelium. Zwischen den Liedern und Predigten in Deutsch und Sorbisch werden die Reit-Jubilare geehrt. Auch Norbert Janek bekommt hier seinen Silberkranz. Simon Michauk wird eine besondere Ehre zuteil: Er hält vor der vollen Kirche die Lesung für den Ostersonntag.
Nach der Messe geht es schnell wieder auf den Hof. Und noch ist nicht Frühstückszeit. Norbert Janek, Phillip und Simon striegeln ihre Pferde und schmücken sie für die Prozession. Die Hufe werden kontrolliert, Schleifen an den Pferdeschweif gebunden und das Geschirr angelegt. Halb acht werden die Tiere gesattelt. „Jetzt geht es heim zum Frühstück“ , sagt Norbert Janek und verabschiedet sich kurz vom Hof.

Kreuz-Kuss im Vorbeiritt
Nach dem Frühstück wird es etwas hektisch. Emsiges Treiben herrscht jetzt in den Ställen und davor. Nachdem Christa Wels (75) als Älteste des Hofes die Pferde gesegnet hat, kann es Punkt neun Uhr losgehen. Mit einem „Vater unser“ verabschieden sich die Reiter zur eigentlichen Prozession. Philipp, Simon und auch Norbert Janek sind aufgeregt. Den Tag über hat es besonders Philipp mit seinem Pferd nicht ganz einfach. Es scheut und ist nervös, zum Beispiel als die Männer zum Gesang des „freudenreichen Osterkranzes“ ansetzen. Insgesamt 25 Lieder und Gebete begleiten die Wittichenauer Reiter auf ihrem Weg von Wittichenau über Hoske, Kotten und Cunnewitz nach Ralbitz, von wo aus es über Cunnewitz, Schönau, Sollschwitz und Saalau zurück nach Wittichenau geht. Besonderer Höhepunkt: Die Kreuzverehrung zwischen Cunnewitz und Sollschwitz, bei der die Reiter das mitgetragene Kreuz im Vorbeiritt küssen sollen, das aber nicht immer schaffen. „Schade, dass es nicht geklappt hat, weil mein Pferd so schnell nach vorne weg wollte“ , ärgert sich Philipp im Anschluss. Ein schöner und erlebnisreicher Tag sei es dennoch gewesen, sind sich beide Jungreiter einig und werten den Tag gemeinsam beim anschließenden Abendessen aus.