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Die Ost-Ukraine begehrt gegen Kiew auf

Unterschiedliche Auffassungen, aber sie reden darüber – pro-russische und pro-ukrainische Anhängerinnen demonstrieren mit ihren Fahnen in der Krim-Hafenstadt Sewastopol. In der Ost-Ukraine werden die Meinungsverschiedenheiten dagegen immer häufiger mit Gewalt ausgetragen.
Unterschiedliche Auffassungen, aber sie reden darüber – pro-russische und pro-ukrainische Anhängerinnen demonstrieren mit ihren Fahnen in der Krim-Hafenstadt Sewastopol. In der Ost-Ukraine werden die Meinungsverschiedenheiten dagegen immer häufiger mit Gewalt ausgetragen. FOTO: dpa
Charkow. Aufgebrachte Demonstranten stürmen in der Ukraine Verwaltungsgebäude, setzen einen Gouverneur ab, bepöbeln Politiker aus der Hauptstadt: Im Osten der Ex-Sowjetrepublik spitzt sich die Lage zu. Die Rufe nach einem Referendum und mehr Autonomie werden lauter. Imhoff

Wie groß die Wut auf die neue ukrainische Regierung im Osten des Landes ist, merkt Vitali Klitschko am eigenen Leib. Junge Männer schleudern Eier, ja sogar Steine und Feuerwerkskörper auf den Ex-Boxweltmeister, der im Zentrum von Charkow wie auf einem Präsentierteller steht. Zornige ältere Frauen recken dem 42-Jährigen Plakate entgegen: "Russland, rette uns!", steht dort etwa oder in etwas holprigem Deutsch: "Klitschko, Du bist nicht unser."

Nicht wenige Menschen in den Gebieten nahe Russland wünschen sich ein Referendum über die Zukunft ihrer Heimat - ganz wie es die moskautreue Führung auf der Krim für den 16. März plant. Auf der Halbinsel wie in der Ostukraine ist Russisch die Muttersprache der meisten. Und so waren Frust und Enttäuschung groß, als die neue Führung in Kiew in einer ihrer ersten Amtshandlungen ein Gesetz strich, das Russisch in diesen Gegenden zur zweiten Amtssprache erhob.

Föderalisierung statt Abspaltung

Mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Tausende prorussische Aktivisten in einer ostukrainischen Großstadt für größere Autonomie demonstrieren. Vor allem Rufe werden laut, das in dem industriereichen Gebiet erwirtschaftete Geld nicht mit dem landwirtschaftlich geprägten Westen teilen zu müssen. Ziel ist oft eher eine Föderalisierung des Landes denn eine endgültige Abspaltung.

Aber die Spannung wächst. In Lugansk stürmen Protestierer den Sitz der Gebietsverwaltung und zwingen Gouverneur Michail Bolotskych, erst eine Woche zuvor eingesetzt, zum Rücktritt. Auf dem Dach hissen sie die russische Fahne. "Russland, Russland", schallen ihre Sprechchöre über die Plätze.

In der Großstadt Donezk amtiert mit dem prorussischen Aktivisten Pawel Gubarjow tagelang sogar ein selbst ernannter "Volksgouverneur" - auch aus Protest gegen den von der Zentralregierung eingesetzten Milliardär Sergej Taruta. Schließlich verhaftet der Geheimdienst SBU zwar Gubarjow. Nun aber gilt der junge Mann, der Verbindungen zu Neonazikreisen haben soll, vielen als Märtyrer im Kampf gegen die "Extremisten" und "Faschisten" aus dem Westen.

Gegner der prowestlichen Führung in Kiew zeichnen besonders das Schreckgespenst eines Überfalls radikaler Nationalisten an die Wand - etwa vom Rechten Sektor, dem militanten Kern des Umsturzes in der früheren Sowjetrepublik. Schon warnt Kremlchef Wladimir Putin, er werde die Armee ins Nachbarland schicken, falls dort ethnische Russen bedroht würden. Immer wieder wird in Kiew die Furcht laut, prorussische Schlägertrupps könnten diesen Einsatz provozieren.

Busse bringen die Aktivisten

Auch Präsidentschaftskandidat Klitschko vermutet hinter den Störern "sportliche Touristen" aus Russland. "Sie reisen durch die östlichen Regionen und fordern ein Referendum", betont der frühere Sportstar. "Sie können zu Hause etwas verlangen, aber sollen nicht die Menschen in der Ukraine provozieren und anstacheln." Örtliche Medien etwa in Lugansk berichten von Dutzenden Bussen, die Aktivisten über die nahe Grenze bringen.

Die Polizei greift nur selten ein. Zwar sichern in Donezk mit Schilden und Schlagstöcken ausgerüstete Einheiten den Verwaltungssitz. Aber bei der Klitschko-Kundgebung in Charkow halten sich die Sicherheitskräfte zurück. Bodyguards müssen den Politiker mit Regenschirmen beschützen. Oft sind die Polizisten schlicht in der Minderheit, zudem schlecht bezahlt und wenig motiviert. In der zweitgrößten Stadt des Landes hat Bürgermeister Gennadi Kernes das Sagen. Offiziell hat er Kiew zwar Treue geschworen, vorher aber galt er als Anhänger des gestürzten Janukowitsch.

Oligarchen werden eingebunden

Um ihren eigenen Einfluss im Osten zu stärken, setzt die Zentralregierung nun auf die Hilfe der einflussreichen Großindustriellen. So hat Interimspräsident Alexander Turtschinow nicht nur Taruta in Donezk eingesetzt, sondern auch den Milliardär Igor Kolomoiski zum Oberhaupt des Gebiets Dnjepropetrowsk gemacht, der Heimat von Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko. Und auch der reichste Mann des Landes, Rinat Achmetow, soll offenbar eingebunden werden. Von einem Treffen mit Klitschko gibt es aber bisher nur Fotos und keine Details.