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"Die Ossis haben ein anderes Gespür"

Cottbus. Spitzenleute der AfD in der Lausitz führen ihren Erfolg auf einen guten Wahlkampf zurück und halten wenig von Frauke Petrys Weg aus der Fraktion. Simone Wendler

Am Tag nach dem deutlichen Wahlerfolg der "Alternative für Deutschland" (AfD) sind Lausitzer Spitzenfunktionäre der Partei stolz und bemüht, als konstruktive politische Kraft zu erscheinen. "Man setzt großes Vertrauen in uns", sagt Karsten Hilse, 52-jähriger Polizist aus Hoyerswerda, der das Direktmandat im Wahlkreis Bautzen I gewonnen hat.

Dass die AfD im Osten doppelt so viele Stimmen bekam, wie in den alten Bundesländern, verwundert ihn nicht. "Die Ossis haben ein anderes Gespür dafür, wenn sich eine Gesellschaft zum Schlechten verändert", so Hilse. Und sie hätten 1989 erlebt, dass mit demokratischen Mitteln Veränderungen erreicht werden können.

Hilse will sich im Bundestag dafür einsetzen, dass an allen Grenzübergängen wieder lückenlose Kontrollen stattfinden. Wegen der inneren Sicherheit und der Grenzkriminalität sei das notwendig.

Zur Entscheidung von Parteichefin Frauke Petry, mit ihrem Direktmandat als fraktionslose Abgeordnete in den Bundestag zu gehen, will er nicht viel sagen. "Wir müssen jetzt nach vorn schauen und die Fraktion aufbauen", so der Hoyerswerdaer Polizist. Er kenne keinen unter den neuen AfD-Abgeordneten, der Petry folgen werde. Hilse bestreitet auch, dass es überhaupt Richtungs- und Lagerkämpfe in der AfD gebe.

Auch Marianne Spring-Räumschüssel, die in Cottbus/Spree-Neiße als Spitzenkandidatin antrat, glaubt nicht, dass Petry andere Abgeordnete auf ihre Seite ziehen wird. "Ich bedauere die Entscheidung von Frauke Petry, aber das ist kein solidarisches Verhalten gegenüber der Partei."

Dass sie bei den Erststimmen knapp hinter dem CDU-Kandidaten landete und die AfD bei den Zweitstimmen mit rund 27 Prozent in Cottbus/Spree-Neiße stärkste Partei wurde, führt die Cottbuserin auf ihren "guten, sachorientierten Wahlkampf" zurück, in dessen Mittelpunkt wirtschaftspolitische Themen gestanden hätten. Auf Nachfrage räumt sie ein, dass die Flüchtlingsfrage sicher auch eine große Rolle gespielt habe. "Die Leute wollen das nicht." Wie entscheidend das Flüchtlingsthema war, wisse sie nicht.

"Unzufriedenheit mit der Großen Koalition und sicher auch einige Protestwähler, so lautet die Erklärung des Spree-Neiße-Vorsitzenden der AfD, Steffen Kubitzki. Nicht nur die Einwanderungspolitik, auch die Rentenunterschiede Ost-West, die Euro-Rettung und die Energiepolitik könnten Wähler zur AfD gebracht haben.

Zum Auftritt Petrys in Berlin, mit dem sie ihre Distanz zur AfD-Fraktion verkündete, will auch Kubitzki im Moment nicht viel sagen: "Wir werden sicher noch darüber diskutieren." Einen Rechtsruck in der AfD kann er nicht erkennen. Kubitzki kündigt an, dass die AfD im Spree-Neiße-Kreis sich jetzt darauf vorbereiten wird, zu den Kommunalwahlen 2019 überall mit eigenen Kandidaten anzutreten.

Zur Stärke der Partei im Osten hat er eine einfache Erklärung. Nach der Wende sei es drunter und drüber gegangen. "Diejenigen, die das überstanden und sich etwas aufgebaut haben, die haben jetzt Angst, dass sie durch die Zuwanderung wieder etwas verlieren, dass sie abgeben müssen." Mit vielen Ausländern zusammenzuleben, seien die Menschen hier auch nicht gewohnt.

Nach einer ersten Analyse des Amtes für Statiktik Berlin-Brandenburg gewann die AfD die meisten Stimmen in wirtschaftlich benachteiligten Regionen mit wenig Ausländern und vielen Alten. Im Berliner Speckgürtel schnitt die Partei nur dort gut ab, wo die Wahlbeteiligung niedrig war. In sozialbenachteiligten Wahlgebieten, so die Analyse, war auch bei dieser Bundestagswahl der Anteil der Nichtwähler überdurchschnittlich.