Weggehen ist viel cooler als hierbleiben. Diesen Satz würden wohl viele Jugendliche in den Landkreisen Bautzen und Görlitz unterschreiben. Etwa ein Drittel der zwischen 15- und 25-Jährigen kehrt der Heimat den Rücken. Vor allem gut Ausgebildete und Frauen verlassen die Oberlausitz. Jüngste Bevölkerungsprognosen für die Region sagen, dass die Zahl der 20- bis 65-Jährigen bis 2030 fast um die Hälfte abnimmt.

Torsten Wiegel will was dagegen tun. Der Leiter des soziokulturellen Zentrums "Steinhaus" in Bautzen hat zwischen 2010 und 2013 mit einem vierköpfigen Projektteam die Situation der jungen Menschen in der Oberlausitz in einem Forschungsprojekt zum soziokulturellen Wandel unter die Lupe genommen.

Die Ergebnisse sind ernüchternd. "Aber es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder alles kommt wie beschrieben. Oder wir finden die Chancen", sagt er.

Im Fokus der Betrachtung standen die 15- bis 25-Jährigen. "Sie befinden sich am biografischen Scheideweg hinsichtlich Familie, Ausbildung und Beruf. Ihre Entscheidungen heute haben Auswirkungen auf die Zukunft dieser Region", sagt Wiegel.

Befragt wurden Jugendliche in Bautzen, Görlitz und Hoyerswerda sowie in drei ländlichen Gemeinden, darunter Panschwitz-Kuckau mitten im sorbischen Siedlungsgebiet und Bad Muskau direkt an der polnischen Grenze. Darüber hinaus wurden Experten aus Rathäusern, Landkreisverwaltungen, Kammern, Arbeits- und Jugendämtern und Industrieverbänden interviewt.

Wissenschaftlich begleitete das Projekt der Soziologe Albrecht Goeschel. "Es gibt kein Rezept gegen die Schrumpfung. Ich sehe alle Krisenindikatoren, wie zum Beispiel schwangere Mädchen im Teenageralter oder einen Männerüberhang mit schlechter Qualifikation." Der Wegzug-Trend gehe zuerst von den ländlichen Gebieten in die Mittelzentren, später in die größeren Städte. Die heutige Dienstleistungsgesellschaft sei auf Erlebniskonsum aus.

Mit genügend Unternehmungsmöglichkeiten punktet in seinen Augen nur Bautzen mit knapp 40 000 Einwohnern und einer funktionierenden Schul-, Kultur- und Soziokulturlandschaft. "Eigentlich bräuchte die Stadt eine weiterführende Bildungseinrichtung, aber Dresden mit Universität und den Hochschulen liegt sehr nahe." Görlitz dagegen habe eine Hochschule, könne aber trotzdem den Wegzug nicht stoppen, obwohl immer mehr Einwohner von polnischer Seite in den deutschen Teil wanderten.

Noch dramatischer sieht Goeschel die Zukunft Hoyerswerdas. "Der Industriestadt aus der Retorte bleiben von den einst 80 000 Einwohnern knapp 10 000 Menschen", sagt er. Einzig in den katholischen sorbischen Gemeinden sei die Abwanderung niedriger als in den umliegenden deutschen Ortschaften.

Die mit Abstand geringste Abwanderungsquote hat demnach mit 1,5 bis zwei Prozent die Gemeinde Ralbitz-Rosenthal; in Panschwitz-Kuckau schwankt sie zwischen drei und fünf Prozent. "Außerdem bekommen die sorbischen Frauen mehr Kinder. Aber diese Daten sind kaum übertragbar auf den Rest der Oberlausitz", sagt der Soziologe.

Anders ist es beim Thema Schulausbildung. "Ich bin erschrocken, wie der Bildungsstand in der Oberlausitz gesunken ist", sagt Wiegel. Allein die Quote der Schulabbrecher liege mit zehn Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt.

In Ostsachsen stehen den unversorgten Bewerbern auf Ausbildungsstellen beinahe gleich viele unbesetzte Plätze gegenüber. Die Unternehmen in der Region mit einem sehr ausgewogenen Branchenmix aus Kunst-, Baustoff-, Textil- und Lebensmittelindustrie sowie Maschinen- und Fahrzeugbau sind dringend auf geeignete Mitarbeiter angewiesen.

"Die Region muss sich hübsch machen für die Jugendlichen. Sie müssen die Lausitz als attraktiven Arbeitsort erkennen. Dann bleiben sie vielleicht da oder kommen wieder, obwohl ihnen die Welt offen steht", meint Wiegel. "Es ist ein Kampf um die Köpfe." Um das neue Image der Region müssten sich die Experten der Marketinggesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien und die Wirtschaftsverbände kümmern.

Doch bevor es soweit ist, werden alle Akteure an einen Tisch geholt. "Wir müssen vielleicht über Ämtergrenzen hinweg denken. Es sind Querdenker gefragt, um den Teufelskreis zu durchbrechen", sagt Wiegel. Die Konferenz "Demografischer Wandel in Ostsachsen" an diesem Freitag soll einen weiteren Anstoß geben, damit Hierbleiben bald attraktiver ist als Weggehen.