Dieses Unglück vergisst Hosena nicht: Ein dumpfer Knall zerreißt die schwül-heiße Sommernacht. Totenstille macht sich breit zur besten Feierabendzeit. Das Trümmerfeld aus Dutzenden ineinander verkeilten Waggons auf den Bahnhofsgleisen lässt die herbeieilenden Hosenaer verstummen. Das Bild des dem Erdboden gleichgemachten Stellwerkerhäuschens ist unwirklich, gruselig. Hosena hält den Atem an.

Fassungslos müssen die Hosenaer mit ansehen, wie aus ihrem Bahnhof, der zwischen Dresden, Leipzig und Berlin ein wichtiger Knotenpunkt ist, ein Schlachtfeld geworden ist und der Ausnahmezustand herrscht. Auch für mich als RUNDSCHAU-Reporterin, die in 25 Berufsjahren schon ziemlich viel gesehen hat und es gewohnt ist, als eine der Ersten vor Ort zu sein, ein Bild, das sprachlos macht und einem eiskalte Schauer über den Rücken jagt. Als ich eintreffe, stehen die Gleise noch unter Strom. Die 15 000-Volt-Leitung über meinem Kopf ist noch nicht abgeschaltet, die herunterhängenden Stromleitungen knistern beängstigend. Das Bild auf den Gleisen übersteigt das Vorstellungsvermögen: Soweit das Auge reicht Tonnen von Schotter, die Trümmer des Stellwerkergebäudes, das wie ein Kartenhaus zusammengeschoben wurde, bergeweise Schutt, eine umgekippte Lok und ein monströser Metallberg aus 30 schweren Eisenbahnwaggons, die ineinander verkeilt und zerdrückt sind wie eine Spielzeugeisenbahn.

Das Zugunglück vom 26. Juli 2012, bei dem ein 54-jähriger Stellwerker aus Brieske den Tod findet, gilt als eines der schwersten der vergangenen Jahre im Land Brandenburg. Auch wenn das blecherne Trümmerfeld längst verschwunden ist, der Schrecken der Unglücksnacht ist geblieben. Der Bahnhof ist trotz groß angelegter Aufräumarbeiten nicht mehr der alte. Es wird noch Jahre dauern, bis alle Unfallfolgen beseitigt sind. Der Schaden allein für die Bahn liegt im zweistelligen Millionenbereich.

Heute ist die Kapazität des Bahnhofes um die Hälfte reduziert, er köchelt auf Sparflamme, bis sein Herz, das Stellwerk, wieder aufgebaut ist. Das Ersatz-Stellwerk soll 2014 stehen, bestätigt Bahnsprecherin Erika Poschke-Frost.

Den erschütternden Anblick in der Unglücksnacht kann Senftenbergs Bürgermeister Andreas Fredrich (SPD) auch fünf Monate danach nicht vergessen. Er gehört zu den Ersten, die das Schreckens-Szenario mit eigenen Augen begutachten. "Dieses Bild steckt mir noch heute in den Knochen", sagt der Rathauschef. Sich bei den Rettern von Hosena zu bedanken, ist ihm daher Herzensangelegenheit. Sie sind seine persönlichen Ehrengäste beim Neujahrsempfang im Januar: die Notärztin aus der Nachbarschaft und die zwei jungen Hosenaer, die mit polnischen Züblin-Arbeitern aus den nahen Garagen zu Hilfe eilten, um den schwerverletzten Lokführer aus dem Führerstand zu ziehen.

Zu den 100 Rettern, die in der Unglücksnacht über sich hinaus gewachsen sind, gehören auch die Kameraden der Senftenberger Ortsgruppe des Technischen Hilfswerkes. Die Senftenberger, die später von THW-Kräften aus Forst, Dresden, Fürstenwalde, Berlin, Frankfurt (Oder), Lübben und Cottbus unterstützt werden, sind als Erste am Unglücksort. Die aufgetürmten Stahlmassen flößen selbst den gestandenen Rettern Respekt ein. Am Bahnhof Hosena sind die Senftenberger in den nächsten fünf Nächten für Hunderte Stunden im Einsatz. Noch in der Unglücksnacht bergen die Männer um Gruppenführer Timo Sturm den Fahrtenschreiber in der umgekippten Lok. Die Black Box ist für die Ermittler des Eisenbahnbundesamtes von unschätzbarem Wert. Weil in den ersten Stunden schwere Bergungstechnik fehlt, bergen die Kameraden leichtere Trümmerteile rund um das dem Erdboden gleichgemachte Stellwerkshäuschen mit den bloßen Händen. "Bei der Suche nach dem vermissten Stellwerker haben neben uns die Hunde der Rettungsstaffel angeschlagen. Das war schon ein mulmiges Gefühl", erinnert sich Dennis Hennig an den Einsatz, der rückblickend der schwerwiegendste im Jahr 2012 für das Senftenberger Technische Hilfswerk war.

Ins Gedächtnis der Hosenaer hat sich das Unglück eingebrannt. Es bleibt die Erinnerung an Tage mit gespenstischer Ruhe im Senftenberger Ortsteil: keine Züge, keine Signale, keine blinkenden Andreaskreuze, keine Fahrgäste. Die Katastrophe hat den Ort mit reichlich 1800 Einwohnern zusammengeschweißt. Anwohner aus der Nachbarschaft sind die Ersten am Unglücksort, um zu helfen. Zwei junge Männer ziehen den schwerverletzten Lokführer unter Einsatz des eigenen Lebens aus der umgekippten Lok. Was bleibt, ist der Stolz auf die Hosenaer Lebensretter.