Fast 42 Jahre nach dem Tod ihres kleinen Sohnes muss sich eine Frau wegen Mordes verantworten. Zu Prozessbeginn am Mittwoch bestritt die 74-Jährige vor dem Landgericht Neuruppin die Tat. Weitere Angaben will sie vor Gericht nicht machen, erklärte ihr Verteidiger.

Die Frau soll laut Anklage 1974 in Schwedt ihren achtjährigen Sohn heimtückisch getötet haben. Sie soll den schlafenden Jungen nachts in die Küche der Plattenbauwohnung getragen und dann in die Nähe des Gasherds gelegt haben. Der Junge soll Kohlenmonoxid eingeatmet haben, danach soll sie das bewusstlose Kind zum Sterben in sein Bett gelegt haben.

"Die Angeklagte war mit dem verhaltensauffälligen Sohn überfordert. Er stand ihrer Lebensplanung im Wege", erklärte Staatsanwältin Anette Bargenda.

Warum blieb die Polizei untätig?

Der Prozess geht auf eine anonyme Strafanzeige von 2009 zurück. "Auf der halben DIN-A4-Seite stand nur, dass Frau F. ihren eigenen Sohn Mario mit Gas ermordet hat", erklärte Polizist Frank Schneider im Zeugenstand. Der Verfasser habe nicht verstehen können, warum die Polizei nie etwas gegen die Frau unternommen habe, ergänzte der Ermittler des Brandenburger Landeskriminalamtes (LKA). Die Behörde habe den Fall wegen der örtlichen Zuständigkeit übernommen. In mühseliger Kleinarbeit wurde nach Zeugen und Unterlagen gesucht. Viel Brauchbares sei fast 42 Jahre nach der mutmaßlichen Tat nicht herausgekommen - auch weil viele Zeugen nicht mehr lebten.

Laut Polizei ist Mario in der Nacht zum 5. November 1974 ums Leben gekommen. Auf Anweisung der Mutter schliefen die Mädchen, damals vier und zwölf Jahre alt, im Elternschlafzimmer. Der Junge musste allein im Kinderzimmer bleiben, so Schneider. Zudem habe sie die Mädchen angewiesen, das Fenster zu öffnen. Das habe sie sonst nicht erlaubt. Am Morgen sei das tote Kind gefunden und ein Notarzt verständigt worden. "Dem Notarzt kam die Auffindesituation merkwürdig vor. Der Junge war hellrosa verfärbt, was für eine Vergiftung gesprochen habe", zitierte Schneider. Die Mutter habe erklärt, Mario sei nachts aufgestanden, habe am Herd herumgespielt und Kuchen genascht. Der Junge müsse sich irgendwie verschluckt haben, daran sei er gestorben.

Sehr hohe Gas-Konzentration

Bei der Obduktion wurde im Blut eine hohe Kohlenmonoxid-Konzentration festgestellt. "Eine Konzentration von 73 Prozent findet man nur, wenn man direkt an einer Gasquelle das Kohlenmonoxid einatmet", zitierte der LKA-Ermittler den Gutachter. Als merkwürdig bezeichnete er, dass sich keinerlei Anhaltspunkte fanden, dass die DDR-Behörden gegen die Mutter vorgegangen seien.

Der Prozess geht heute weiter. Unter anderem soll der Notarzt von damals vernommen werden.